Zeitung Heute : Große Bühne für die Mathematik

Der Wissenschaftsbereich findet in Berlin seit Jahren engagiert und sehr öffentlich statt

Günter M. Ziegler

An der Exzellenz Berlins als Wissenschaftsstadt hat die Mathematik einen bedeutenden Anteil. Dies belegen nicht nur Leibniz und Euler als Gründungsväter und Heroen der Berliner Akademie oder Giganten wie Weierstraß und Schur in der Geschichte der Berliner Universität. Die Berliner Mathematik des Jahrs 2008 ist exzellent! Und die Urania ist die große Bühne der Berliner Mathematik.

Weiß man in Berlin eigentlich, wie hervorragend die Berliner Mathematik ist? Vielleicht nicht. Mathematik sucht ja nicht das Scheinwerferlicht. Denn Mathematik ist eine stille Wissenschaft, sie wird üblicherweise am Schreibtisch und am Computer betrieben, nicht auf der Bühne oder unter den Augen der Journalisten. Das hat Konsequenzen: In einer der großen Berliner Tageszeitungen etwa findet die Stichwort-Suche keinen Eintrag zu „Berlin Mathematical School“. (Ehrenrettung: Der Tagesspiegel war's nicht.)

Wo findet sie statt, die Berliner Mathematik? Ihre Basis sind natürlich die mathematischen Institute der drei großen Berliner Universitäten. Dazu kommen zwei international profilierte Forschungsinstitute, das Weierstraß-Institut (WIAS) am Gendarmenmarkt und das Zuse Institut Berlin (ZIB) auf dem FU-Campus in Dahlem. Das Erfolgsgeheimnis der Berliner Mathematik ist ganz einfach und gar nicht geheim: eine gewachsene und bewährte, vertrauensvolle Zusammenarbeit der Akteure dieser fünf Institute.

Auf Basis dieser Zusammenarbeit wurden neue Projekte geschaffen, und Erfolge in den Exzellenzwettbewerben errungen. Das Forschungszentrum Matheon „Mathematik für Schlüsseltechnologien“, 2002 gegründet, ist ein Vorzeigeprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Berlin Mathematical School stammt aus der ersten Runde der Exzellenzinitiative, sie hat im Herbst 2006 einen Blitzstart hingelegt. Das Sekretariat der International Mathematical Union befindet sich seit 2006 am ZIB. Und das „Contents Office“ für das Mathematikjahr 2008 ist an der Technischen Universität Berlin angesiedelt.

Was das alles mit der Urania zu tun hat? Viel. Besonders eindeutig ist das bei der Berlin Mathematical School: Da wurde in der Planungsphase ein gemeinsamer, zentraler Ort für das Freitagskolloquium des Exzellenzprojekts gesucht und gefunden – im Dachgeschoss der Urania entstand das „BMS Loft“. Seit Frühjahr 2007 findet dort das „BMS Fridays Colloquium“ statt, ein Fachkolloquium auf Englisch, vor einer Schar von regelmäßig 60 bis 100 faszinierten Zuhörern.

Aber Mathematik findet an der Urania nicht nur „heimlich“ im BMS Loft statt, sondern regelmäßig, engagiert und sehr öffentlich! Nun schon seit Jahren veranstaltet Matheon regelmäßige die Mathematikvormittage „MathInside“ für Schüler. Hier werden Vorträge angeboten, die Sieger beim Lösen der Aufgaben des legendären Internet-Adventskalenders ausgezeichnet und immer wieder gezeigt, das in buchstäblich allem Mathematik steckt. 2008 ist das „Jahr der Mathematik“ – und die Urania ist dafür eine wichtige Bühne, die große Bühne. Zum Auftakt hat am 30. Januar Martin Grötschel, der Sprecher des Forschungszentrums Matheon, unter dem Titel „…mehr Mathe als Du denkst!“ über Begegnungen mit Mathematik im Alltag berichtet – vor vollbesetztem Saal. Ehrhard Behrends von der Freien Universität Berlin wird fünf Sonntags-Matineen unter dem Titel „Mathematik heute“ präsentieren. Und ganz unübersehbar wird noch bis zum 6. März „Imaginary“ zu sehen sein: Das sonst so gut (tief im Schwarzwald) versteckte Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach präsentiert der Hauptstadtöffentlichkeit eine fantasievolle Ausstellung faszinierender Bilder.

Großes Mathematik-Kino gibt's im Mai in der Urania – das „MathFilm Festival2008“, von Konrad Polthier von der Freien Universität Berlin koordiniert, bespielt vom 5. bis 9. Mai 2008 die große Bühne der Urania. Mathematik in der Urania, ganz neu? Nein, die Tradition ist über Jahre gewachsen. Die Urania braucht nicht einem Trend hinterherzulaufen, dass jetzt „plötzlich“ Mathematik in die Öffentlichkeit getragen wird, ganz im Gegenteil. Angeregt und koordiniert durch die FU-Professoren Martin Aigner und Ehrhard Behrends ist Mathematik an der Urania seit Jahren ständig präsent. Wie vielfältig, interessant und fundiert die Mathematik über Jahre an der Urania zu erleben war, das ist sorgfältig dokumentiert in „Alles Mathematik. Von Pythagoras zum CD-Player“ - einem Bestseller aus dem Vieweg-Verlag, herausgegeben von Martin Aigner und Ehrhard Behrends. Das ist Urania-Mathematik zum Mitnehmen. Und die gibt es auch im Mathematikjahr, dem Urania-Jubiläumsjahr, immer wieder neu: vor Ort.

Der Autor ist Professor am Institut für Mathematik an der Technischen Universität und Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Er ist auch Koordinator beim Jahr der Mathematik 2008

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben