Große Koalition : Alte Brille, neue Brille

Foto: ddp
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Ging es um Steinmeiers neue Brille? Lang, ungewöhnlich lang, plauderte Angela Merkel am Donnerstag im Bundestag mit Frank-Walter Steinmeier. Auffällig. Ganz vorn. Nah am Rednerpult. Wo sie jeder sehen kann. Da standen die beiden in ein angeregtes und scheinbar ganz harmonisches Gespräch vertieft. Die Bundeskanzlerin und ihr Außenminister – Ex-Außenminister von der SPD.

Beinahe konnte man auf den Gedanken kommen, da bahne sich was an zwischen der CDU und der SPD. Wo man doch dieser Tage auf Schritt und Tritt Unionspolitikern begegnet, die mit wehmütigem Blick an Zeiten von Eintracht und Gestaltungswillen in der großen Koalition erinnern. Ja klar, auch Christ- und Sozialdemokraten hatten ihre Händel, dachten anfangs sogar, die ideologischen Gräben würden nie zu überwinden sein. Doch dann ging vieles reibungslos. Gerade in der Krise, als das Land eine starke und einige Regierung brauchte. Und jetzt? Von wegen christlich-liberale Wunschkoalition. Stattdessen eine ganz große Koalition zur Rettung der Jobcenter, und auch die Eskapaden des Vizekanzlers sind nicht vergessen. „Erschreckend fern sind wir uns in der Sache“, fasst ein erfahrener Unionist zusammen. Man könnte es sogar verstehen, menschlich, dass die Kanzlerin nach all den hektischen Wochen, in denen man abends nie weiß, mit welcher Schlagzeile einen der eigene Vize zum Frühstück erschrecken wird, mal wieder mit dem ruhigen Sacharbeiter Steinmeier sprechen will.

Wenn – ja wenn da nicht in sechs Wochen in Nordrhein-Westfalen gewählt werden und momentan nichts darauf hindeuten würde, dass die dortige schwarz-gelbe Koalition erneut den Regierungsauftrag erhält. Alternativen? Es lohnt sich, etwas genauer hinzusehen: Vor einer Woche bot der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel der Kanzlerin einen „Pakt“ in Sachen Steuern an – gegen die FDP. Will heißen: Wenn die große Koalition in Düsseldorf regiert, könnte sie das in Berlin zuweilen auch tun – wenn es die FDP zu bunt treiben und Merkel keine Mehrheit im Bundesrat finden sollte. Jürgen Rüttgers hat übrigens gerade erst Schwarz- Grün nach dem 9. Mai ausgeschlossen. Die große Koalition nicht. Antje Sirleschtov

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