• GROSSER KLINIKVERGLEICH VON TAGESSPIEGEL UND GESUNDHEITSSTADT BERLIN: 3. Folge Lebertransplantation: Höchste Dringlichkeit

GROSSER KLINIKVERGLEICH VON TAGESSPIEGEL UND GESUNDHEITSSTADT BERLIN: 3. Folge Lebertransplantation : Höchste Dringlichkeit

Mit akutem Leberversagen wird die Patientin in die Klinik eingewiesen. Nur drei Tage bleiben den Ärzten, ein neues Organ aufzutreiben, sonst ist sie tot. Nach zwei Tagen kommt mitten in der Nacht der erlösende Anruf, es gibt eine Spenderleber. Für die Chirurgen beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit

Moritz Honert

„Ein Herz kommt im Privatjet. Eine Leber fliegt meistens Linie“, sagt Thomas Mehlitz, der bärtige Transplantationskoordinator am Charité Virchow Klinikum. Das eine Organ hat Zeit, das andere nicht. Ein Spenderherz muss binnen vier Stunden wieder schlagen, damit die Chancen gut stehen, dass das Organ noch länger weiterarbeitet. Bei einer Nieren- oder einer Lebertransplantation können dagegen bis zu 24 Stunden vergehen. Da reicht dann in der Regel ein billigerer Platz in einer Linienmaschine. Doch egal, welches Organ transplantiert werden soll, immer gilt: Die Chancen für einen gelungenen Eingriff sinken mit jeder Minute ohne Blutversorgung.

Deshalb muss es auch jetzt schnell gehen. Die Gummisohlen von Mehlitz’ Schuhen quietschen auf dem Linoleumboden, während er mit schnellen Schritten durch den OP-Trakt eilt. Es geht um das Leben von Judith Schneeberg*. Vor zwei Tagen wurde die 26-Jährige in die Klinik eingeliefert. Eine Hepatitis vom äußerst seltenen Typ E hat ihre Leber so stark geschädigt, dass sie plötzlich versagt hat. Koma. Bekommt Judith Schneeberg keine neue Leber, ist sie binnen drei Tagen tot. „Höchste Dringlichkeitsstufe“, sagt Mehlitz. Auf der Liste der auf ein Spenderorgan Wartenden steigt die Patientin ganz oben ein.

Zwei Tage lag die Patientin auf der Intensivstation. Ärzte überwachten ihre Leberfunktionen und verhinderten, dass sie noch tiefer ins Koma abrutscht. Kurze Zeit musste sie sogar beatmet werden.

Dann mitten in der Nacht schreckt ein Anruf von Eurotransplant Mehlitz aus dem Schlaf. Die Vermittlungsbehörde, die alle Spendeorgane im Raum Deutschland, Benelux, Österreich, Slowenien und Kroatien verwaltet, hat eine Leber, die passen könnte. Eine weibliche Spenderin aus Thüringen, gestorben an einem Schädel-Hirn-Trauma. Die Blutwerte sind gut, die Ärzte der Charité akzeptieren. Im Morgengrauen landet eine weiße Styroporbox an Bord einer Linienmaschine auf dem Flughafen Tegel.

Keine zwei Stunden später steht die Box im OP-Saal fünf. Judith Schneeberg liegt in der Mitte des Raumes narkotisiert auf einem Tisch. Ihre Arme sind seitlich nach links und rechts abgestreckt. Drei an der Decke hängende runde Strahler erhellen ihren Körper, der vom Hals an aufwärts und vom Becken an abwärts mit einem sterilen Tuch abgedeckt ist.

Als Mehlitz durch die Schleuse mit den Schiebetüren tritt, herrscht in dem Operationssaal bereits voller Betrieb. Ein Dutzend Leute, alle in blaue OP-Kittel gekleidet, ist in dem Raum anwesend – Ärzte, Schwestern, Anästhesisten. Mehr als doppelt so viele wie bei einer beliebigen anderen Operation.

In der linken Ecke des gekachelten Raumes sind zwei Ärzte damit beschäftigt, die Leber aus der mit Eis gefüllten Styroporbox und den drei Plastiktüten, in die sie verpackt ist, zu befreien. Die Leber landet in einer Metallschüssel, die auf einem kleinen Tisch steht. Die Lampe, die darüber hängt, ist so grell, dass es fast schmerzt, das blaßlila Organ länger anzuschauen.

„Wir überprüfen alles nochmal routinemäßig auf Krebsbefall“, sagt Gero Puhl, Oberarzt auf der Station, während er gemeinsam mit einem Assistenten das etwa taschenbuchgroße Organ untersucht. Sie finden nichts. Dann schneiden sie mit einer Schere die Anschlüsse zurecht, mit denen die Leber im Empfängerkörper angenäht werden soll: eine Arterie, drei Venen und der Gallengang.

Während Puhl mit einer wassergefüllten Spritze überprüft, ob die Gefäße dicht sind, beginnt anderthalb Meter von ihm entfernt ein zweites Team mit dem Eingriff. Es ist 6 Uhr 15, als Matthias Glanemann, Oberarzt im Virchow Klinikum, zuerst einen 30 Zentimeter langen Schnitt quer über den Bauch und dann einen zweiten in der Körpermitte lotrecht zum Brustbein hinauf macht. Wie einen Vorhang legt er danach die Haut in zwei Dreiecken nach oben und den Blick in den Bauchraum frei. Der Darm wird sichtbar, rechts darunter der Magen. Über allem liegt das fast transparente Bauchfell, in dem ein paar gelbliche Lymphknoten hängen. Die jetzt nutzlose Leber liegt oben in der Bauchhöhle, fast in Höhe des Brustbeins. Das sie schweren Schaden genommen hat, sieht man ihr nicht an.

Glanemann und sein Team wiederholen nun mit dem kranken Organ, was die Kollegen in Thüringen vor ein paar Stunden mit der Spenderleber gemacht haben. Sie kappen die Anschlüsse, um sie aus dem Körper zu entfernen. „Wenn die Spenderorgane aus Berlin oder Brandenburg stammen, dann fahren wir zur Entnahme selbst raus“, sagt Glanemann. „Für andere deutsche Kliniken und für uns.“ Es helfe bei der OP, die Spende vorab in Augenschein zu nehmen, sagen die Ärzte.

Als die Zeiger der Uhr im Saal auf sieben springen, trennt Glanemann die Schlagader der Leber. „Jetzt gibt es kein zurück mehr“, sagt er. Mit Fäden bindet er die übrigen Anschlüsse des Organs ab, dann werden auch sie gekappt. Immer wieder müssen Blutungen gestoppt werden.

Plötzlich spritzt Blut unter hohem Druck aus einem abgetrennten Gefäß. In einer kleinen Fontäne schießt es auf die Kittel der Operierenden. „Wegen der kaputten Leber funktioniert die Blutgerinnung nicht mehr ordentlich“, sagt Glanemann. Trotz der Masken, die die Gesichter der Operierenden bis zu den Augen bedecken, ist ihnen anzusehen, wie anstrengend die Operation ist. Eine dreiviertel Stunde brauchen die Ärzte, um die Leber aus dem Bauch herauszuholen. Für die Akten wird sie gewogen und fotografiert. 480 Gramm zeigt die Waage. Wenig. Das neue Organ wiegt gut ein Kilo. „Dass die alte so klein war, ist eine Folge der Hepatitis“, sagt Glanemann.

Bei der Implantation des Austauschorgans läuft nun alles rückwärts. Wo vorher geschnitten wurde, wird nun vernäht. Erst die Venen, dann die Ader, die das Blut vom Darm zur Leber transportiert, dann die Arterie. Zu letzt wird der Gallengang angeschlossen. Auch hierbei fließt wieder viel Blut, das sich inzwischen sogar auf dem Boden sammelt. Die Chirurgen stehen mit ihren Gummischuhen in den Lachen. Die Anästhesisten schließen immer neue Konserven an, um den Blutverlust auszugleichen. Die Nerven sind gespannt. Das ganze Team arbeitet unter Hochdruck. Fünf Stunden nach dem Beginn der Operation und rund 15 Stunden nach der Entnahme des Organs in Thüringen, arbeitet im Körper von Judith Schneeberg eine neue Leber.

Das tut sie auch drei Wochen später noch. „Der Eingriff ist gut verlaufen“, sagt Thomas Mehlitz. Vor ein paar Tagen wurde die Patientin planmäßig von der Intensiv- auf die Pflegestation verlegt. Zwei, drei Wochen muss sie dort noch unter Aufsicht bleiben, dann kann sie heim.

Wie lange die neue Leber ihren Dienst erfüllen wird, kann jedoch niemand sagen. „Der Rekord liegt bei 22 Jahren“, sagt Mehlitz. „Oft ist es jedoch wesentlich weniger Zeit, weil das Immunsystem gegen das neue Organ arbeitet.“ Auch Judith Schneeberg muss deshalb nun Medikamente nehmen, die ein Abstoßen verhindern. Der Nachteil sind zum Teil starke Nebenwirkungen. Die ungünstigste: Die Medikamente zerstören die Niere. Judith Schneeberg ist also nur vorläufig gerettet. Es besteht die Gefahr, dass sie, auch wenn ihre neue Leber gut arbeitet, in zehn bis 15 Jahren wieder auf der Warteliste steht – diesmal für eine Niere.

* Name geändert

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben