• GROSSER KLINIKVERGLEICH VON TAGESSPIEGEL UND GESUNDHEITSSTADT BERLIN: 3. Folge Nierentransplantation: Geteiltes Leben

GROSSER KLINIKVERGLEICH VON TAGESSPIEGEL UND GESUNDHEITSSTADT BERLIN: 3. Folge Nierentransplantation : Geteiltes Leben

Erich Wallischs Nieren arbeiten nicht mehr, sein Körper vergiftet sich schleichend. Seine Frau entschließt sich, ihn zu retten – mit einem von ihren Organen

Ingo Bach

Johann Pratschke setzt das Messer an und zieht einen 15 Zentimeter langen Schnitt über der linken Hüfte seiner Patientin. Das Fleisch klafft auseinander. Mit behandschuhten Händen arbeitet sich der Chirurg tiefer in den Körper der vor ihm liegenden narkotisierten Frau. Er legt die Niere frei. In wenigen Minuten wird er etwas tun, was in der medizinischen Welt eigentlich ein Unding ist. Er wird einem gesunden Menschen ein Organ entfernen – nicht zu dessen Nutzen, sondern zum Nutzen eines anderen.

Aber Pratschke, Oberarzt an der Klinik für Transplantationschirurgie am Virchow-Klinikum in Wedding, ist wie viele seiner Kollegen an den Transplantationszentren dazu gezwungen, wenn er Schwerstkranken helfen will. Organspenden von Lebenden werden in Deutschland immer öfter durchgeführt, weil zu wenig Organe von Toten zur Verfügung stehen. Und die Wartelisten für Transplantationen werden immer länger.

Juristisch ist alles sauber geregelt. Nur Verwandte oder Menschen, die in einem engen emotionalen Verhältnis zueinander stehen, dürfen sich eine Niere oder einen Teil der Leber spenden. Die Spender haben das Recht auf eine angemessene Bedenkzeit. Sie werden psychologisch begutachtet und einer Ethikkommission vorgestellt. Hürden, mit denen der Gesetzgeber verhindern will, dass Organe verkauft werden. Oder dass jemand durch den Druck von Verwandten gezwungen wird, sie herzugeben.

Jutta Wallisch hat die Prüfung bestanden. Sie wird hier im OP-Saal des Virchow-Klinikums gleich eine ihrer Nieren verlieren. Sie gibt sie gerne her. Ihr seit Jahren schwerkranker Mann soll endlich von der Dialyse weg.

Am Vorabend der Operation lassen die beiden geduldig die letzten Voruntersuchungen über sich ergehen. Jutta Wallisch hat ihre halblangen rötlich-grauen Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt. Ordnen, den Überblick behalten, das liegt der 50-Jährigen. Wann Erich welche Untersuchung und welche Operation hatte, weiß sie ganz genau. Und als eine Krankenschwester fragt: „Wie groß sind Sie, Herr Wallisch?“ antwortet statt seiner die Ehefrau: „Eins-dreiundsiebzig.“

Jutta kennt den Leidensweg von Erich. Der begann 1984. Wallisch arbeitete damals als Traktorist bei einer LPG in Tangermünde, am östlichen Rand des heutigen Landes Sachsen-Anhalt. Er hatte plötzlich Wasser in den Beinen und den Armen, ging deshalb zum Arzt. Da entdeckten sie dann seine Zystenniere. Bei dieser Krankheit entstehen flüssigkeitsgefüllte Hohlräume in dem Organ, die die Niere langsam zerstören. Der Abbau von Stoffwechselgiften aus dem Blut gerät ins Stocken. Ein paar Jahre konnten die Mediziner die abnehmende Leistungskraft der Nieren mit Medikamenten kompensieren. Doch dann, Ende der Achtziger, war es damit vorbei. Erich Wallisch muss seit dem Woche für Woche dreimal an die Maschine für die Blutwäsche. Seine Nieren haben aufgegeben.

Seit 2003 ist Wallisch Patient an der Charité. Die Ärzte setzen ihn auf die Warteliste für eine Nierentransplantation. Aber es besteht keine akute Lebensgefahr. Erich steigt auf der Liste nicht ganz oben ein, nicht da, wo eine Spenderniere wenigstens in Aussicht wäre. Er muss warten. Es muss schlimmer werden. Also weiter drei mal die Woche Blutwäsche. Jedes Mal fünf Stunden. Nur eine Überbrückung. Denn so gut wie eine Niere kriegt der mannshohe mit High-Tech vollgestopfte Dialyse-Apparat das Blut nicht sauber. Der Organismus wird schleichend vergiftet.

Erich Wallisch ist jetzt 52. Er hat ein gutmütiges rundes Gesicht mit hoher Stirn. Das ergraute Haar ist auf einen Zentimeter Länge zurechtgestutzt. Er trägt einen Schnurrbart. Auf dem rechten Unterarm sind deutlich drei Beulen unter der Haut zu sehen: Spätfolgen der jahrelangen Dialyse, bei denen die Gefäße immer wieder zerstochen werden.

Jutta Wallisch hat Blutgruppe Null. Selten, dass ein Ehepaar so gut zusammenpasst – auch für eine Organverpflanzung. Null heißt: Mit fast allem kompatibel. Jutta macht den Vorschlag: „Ich spende Dir eine meiner Nieren.“ Erich nimmt an.

Dankbarkeit? Erich Wallisch schweigt eine Weile. Dann sagt er: „Ich bin in die Luft gesprungen, als die Ärzte meinten, ja, das geht.“ Und Jutta sagt: „Endlich frei, in Urlaub fahren können, wohin wir wollen, ohne vorher zu forschen, ob es da eine Dialyse-Maschine gibt.“

Was, wenn bei der Operation etwas schiefgeht? „Nein, es wird nichts schiefgehen“, sagt Jutta Wallisch. „Ich bin Reinigungskraft im Tangermünder Krankenhaus. Ich weiß, von welchen Strapazen sich Menschen wieder erholen können.“

Einen Tag später, wieder im Operationssaal. Johann Pratschke, der Chirurg, hat inzwischen die Verbindungen aus Fett- und Muskelgewebe, die die Niere an ihrem Platz fixieren, getrennt. Nun legt er den Harnleiter frei, die Vene und schließlich die Arterie, die das Organ mit Blut versorgt. Diese letzten drei Brücken zu Jutta Wallischs Körper wird Pratschke in Sekunden nacheinander kappen – und dabei jeweils etwa zehn Zentimeter der drei winzigen Schläuche an der Niere belassen. An sie wird er das Organ in Erich Wallisch wieder anschließen.

„Arterie ist zu! Schere!“, sagt der Chirurg. Im Dokumentationsbogen für die Spenderniere wird vermerkt: 10.05 Uhr. Das ist der Zeitpunkt der Trennung der Blutversorgung. Ab jetzt tickt die Uhr. Je schneller das Organ wieder eingepflanzt wird, desto besser.

Pratschke holt mit einer schnellen Bewegung die Niere aus dem Leib von Jutta Wallisch. Sie besteht aus festem Fleisch, ist rosig, faustgroß und leicht gebogen. Vene, Arterie, Harnleiter sind jetzt einfach nur noch drei Schläuche, die seitlich der Mitte schlaff herunterhängen. „169 Gramm“ sagt Johann Pratschke und nimmt die Niere von der Briefwaage neben dem OP-Tisch. Durchschnitt für eine Frauenniere. Männernieren sind schwerer, bis zu 250 Gramm.

Der Chirurg nimmt eine Spritze und drückt über die Arterie eine spezielle Lösung zur Konservierung in die Niere. Die Reste des Blutes von Jutta Wallisch weichen aus dem herrenlosen Organ. Was rosig war, wird grau. Eine Schwester verstaut die Niere in einem mit einer gekühlten Lösung gefüllten durchsichtigen Plastikbeutel. Der schwimmt in einem zweiten Beutel. Schließlich landet das alles auf einem Bett aus Eiswürfeln in einer orangenfarbenen Kühlbox.

Eine Stunde später liegt Erich Wallisch auf dem selben Tisch, auf dem zuvor sein Ehefrau lag. Die Stelle, an die die Niere soll – linke Seite, unterhalb des Bauchfells – ist geöffnet. Diesmal stößt Johann Pratschke jedoch auf ein Problem, das ihn in den nächsten Minuten immer wieder ein Runzeln auf die Stirn treiben wird. Die Blutgefäße, an die er die Niere anschließen muss, sind so verkalkt, dass er mit einer Pinzette regelrechte Kalkstücke herauskratzen kann. „Solche Ablagerungen sind normal nach einer jahrelangen Dialyse“, sagt der Chirurg. Aber sie sind auch gefährlich. Denn wenn sich ein Stück löst, nachdem die Niere angeschlossen wurde, und die Gefäße verstopft, wäre alle Mühe, ja auch das Opfer von Jutta Wallisch umsonst. Weil die eingepflanzte Niere dann unumkehrbaren Schaden nähme. Doch es wird schließlich alles gut: Als Vene und Arterie angenäht sind und wieder Blut durch die Niere strömt, beginnt diese sofort mit der Entgiftung. Aus dem Stück Harnleiter, der als letztes angenäht wird, tröpfelt Urin.

Sechs Tage später: Die Sonne scheint in das kleine Patientenzimmer im Virchow-Klinikum, in dem die Wallischs sich von ihren Operationen erholen. Besucher müssen einen Mundschutz tragen und einen Klinikkittel. Erich Wallisch bekommt starke Medikamente zur Unterdrückung seines Immunsystems, damit es nicht die neue Niere abstößt. Diese Behandlung könnte ihn empfänglich für Krankheitserreger machen.

Die Operationen sind gut verlaufen. Die implantierte Niere „läuft wie eine eins“, gibt Erich Wallisch die Einschätzung des behandelnden Arztes wieder. Bei der Gartenarbeit müsse er aber aufpassen, haben ihm die Ärzte gesagt. Am besten Handschuhe tragen, damit sich nicht kleinste Verletzungen sofort entzünden.

„Ich hab als erstes gefragt: Wie geht es meiner Frau?“, erinnert sich Erich an seinen ersten Gedanken, nachdem er aus der Narkose erwacht war.

Jutta Wallisch sitzt neben ihm, sie hat jetzt ein wenig Angst. In ein paar Tagen soll sie aus der Klinik entlassen werden, ihr Mann muss noch mindestens eine Woche länger bleiben. Das ist normal, „Was aber, wenn mir zu Hause etwas passiert, dann ist niemand da“, sagt Jutta. Sie hat noch immer Schmerzen, richtig gut geht es ihr nicht. Der Arzt hat sie vorgewarnt. Der Spender habe oft stärkere Beschwerden als der Empfänger. Dann sagt sie: „Das wird vorbeigehen!“ Sie nickt heftig. „Nein, ich bereue es auch jetzt nicht“, sagt sie. Und dann fügt sie etwas leiser hinzu: „Jeder sollte einen Organspendeausweis dabeihaben, damit es mehr Spenden von Toten gibt, und die Lebendspende überflüssig wird.“

Einen Tag später wollen beide ihren Hochzeitstag feiern. Jutta wird sich Hose und T-Shirt überziehen und Erich seinen blauen Bademantel. Er wird einen Mundschutz anlegen und dem rollbaren Ständer für Infusion und Katheter in die Cafeteria des Krankenhauses gehen. Dort werden sie anstoßen. Mit Selters. Alkohol ist noch tabu. Die Niere braucht Schutz. Beide sind dann 32 Jahren verheiratet, haben eine Tochter – und nun „habe ich ein Stück meiner Frau im Leib“, sagt Erich Wallisch. „Das schweißt zusammen.“

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