Zeitung Heute : Großer Traum, kleines Grundstück

Bernd Hettlage

Friedhelm Haas ist stolz auf sein Haus. "Am besten gehen wir erstmal in den Garten." Von dort kann man erkennen, wie das Gebäude die Proportionen und Dachformen der angrenzenden Beamtenhäuser aus den zwanziger Jahren aufnehme - ohne sie zu kopieren. Denn der Architekt Haas ist eigentlich ein Verfechter der klassischen Moderne. Wie viele seiner Kollegen nennt er Le Corbusier, Mies van der Rohe und Alvar Aalto als Vorbilder. Oder Egon Eiermann: Der sei bei einem Hotel im Odenwald mit nur drei Baustoffen ausgekommen, erzählt der 44-jährige. So etwas fasziniere ihn. Und inspiriert: "Für unsere Böden haben wir nur Eichenholz und Schiefer genommen."

Er steht im Garten und redet über sein Haus, die Morgensonne scheint auf die weißen Wände, dahinter ein klarblauer Himmel. Fotowetter. Vögel zwitschern, ansonsten ist alles ruhig in diesem Zehlendorfer Wohnviertel nahe der Clayallee. Im Gras liegt das Spielzeug der Kinder, Plastikbagger und kleine Schaufeln. In den "Speckgürtel" zu ziehen, wäre für das Architektenehepaar Silke Gehner-Haas und Friedhelm Haas nie in Frage gekommen. Aber einen Garten für sich und die drei Kinder wollten sie schon, dazu die U-Bahn in der Nähe. "Wir wollten ruhig wohnen und trotzdem in der Stadt bleiben", sagt Haas. Und sie hatten nicht vor, ein Haus zu kaufen, sondern ihr künftiges Domizil sollte ein Neubau nach ihren eigenen Plänen werden. Fünf Jahre suchten sie nach geeignetem Bauland, bis sie die Parzelle in Zehlendorf fanden. Und auch dann waren noch einige Hürden zu überwinden, bevor das Haus in seiner jetzigen Form entstehen konnte.

Doch die Mühe hat sich gelohnt. Die Familie fühlt sich wohl hier und berufliche Anerkennung haben die selbstständigen Architekten für ihren Bau auch bekommen. Die Architektenkammer Berlin lud sie zu ihrer Jahresausstellung "da! Architektur in Berlin 2001" am Potsdamer Platz ein. Und beim Wettbewerb "Bauen auf kleinen Grundstücken" der Zeitschrift "Schöner Wohnen" und der Landesbausparkassen errangen sie den vierten Platz.

Das Grundstück der Familie Gehner-Haas ist gar nicht so klein für heutige Bauplatzverhältnisse, dafür aber schmal. Die 380 Quadratmeter verteilen sich auf 38 Meter Länge, aber nur zehn Meter Breite. Der Nachbar zur Linken hat mit seiner Doppelhaushälfte 1500 Quadratmeter zur Verfügung - wie auch die meisten anderen Eigenheimbesitzer in dieser Doppelhaussiedlung, die zu Zeiten der Weimarer Republik von den damals beliebten Architekten Mebes und Emmerich errichtet wurde.

Ihr Nachbar zur Rechten hat seinen ebenso großen Besitz aufgeteilt. So entstand ein neuer Bauplatz in einer Gegend, in der es normalerweise keine leeren Grundstücke mehr gibt. Vor der notariellen Vertragsunterzeichnung machte das Ehepaar Gehner-Haas allerdings erst einmal einen Entwurf für ihr Haus und klärte ihn mit dem zuständigen Zehlendorfer Bauamt ab. Denn immerhin 500 Euro pro Quadratmeter sollten sie für das Terrain bezahlen, da wollten sie auch sicher sein, dass sie eine Baugenehmigung bekommen würden. Um auf dem handtuchartigen Grundstück zur gewünschten Wohnfläche zu kommen, nutzten sie das so genannte "Schmalseitenprivileg", erzählt Haas: "In Berlin ist es erlaubt, bis zu 16 Meter in die Tiefe zu bauen, wenn der Abstand zum Nachbargrundstück drei Meter beträgt." Diesen Abstand hätten sie allerdings zu beiden Anrainern einhalten müssen - mit der Folge, dass ihr Haus nur vier Meter breit hätte sein dürfen. Also überredeten sie ihren Baulandverkäufer und unmittelbaren Nachbarn, an seine Doppelhaushälfte einen kleinen Anbau anzufügen, der bis zu ihrer Grundstücksgrenze reichte. Daran konnten sie dann wiederum ihr Haus direkt anschließen und es so um drei Meter verbreitern.

Ein Risiko blieb

Auch die Zehlendorfer Behörde segnete den Entwurf der Architekten ab. "Die Zusammenarbeit mit dem Bauamt war wirklich gut", betont Haas. Ihr Bau sei natürlich eine Verdichtung, aber das sei hier möglich, weil es keinen Bebauungsplan gebe. Beim Abschluss des notariellen Vertrags für den Grundstückskauf blieb trotzdem ein kleines Risiko: Sie hatten nur die mündliche Zusage für ihre Baupläne. Bevor sie einen Bauantrag stellten, den das Bauamt genehmigen konnte, mussten sie das Grundstück eben erst einmal kaufen.

Im Oktober 1999 begannen sie mit dem Bau, im Mai 2000 zogen sie schon ein. 250 000 Euro kostete das Haus mit 200 Quadratmeter Wohnfläche. Obwohl beide Eheleute Anhänger der klassischen Moderne sind, erhielt der Bau ein Satteldach, um sich nicht allzu sehr von den Nachbarbauten abzuheben. "Es gibt ja Architekten, die eine Gänsehaut kriegen, wenn sie so ein Dach sehen", sagt Haas. Für die komme nur ein Flachdach in Frage. Ihr Prinzip sei dagegen: "Für jeden Ort das passende Haus bauen."

Außer ihrem eigenen Haus haben die Architekten nur zwei weitere Einfamilienhäuser verwirklichen können: eines für die Eltern von Silke Gehner-Haas und ein anderes bei Schönefeld. Erst vor drei Jahren haben sie sich mit dem Architekten Cristoph Schulz unter dem Namen Haas + Partner selbstständig gemacht. Friedhelm Haas hat in Karlsruhe und London studiert, seine 36-jährige Frau in Münster. Dort haben sie sich auch kennen gelernt, als beide für den Architekten Robert Wilson arbeiteten. Es sei sicher von Vorteil, wenn man in Berlin studiert habe, glaubt Haas heute. Denn dann könne man während des Studiums bereits Kontakte knüpfen.

Ihre Aufträge bekommen sie jetzt hauptsächlich aus dem Landkreis Müritz in Mecklenburg Vorpommern. Im dortigen Waren bauten sie 1998 eine Berufsschule. Die gefiel so gut - nicht zuletzt wegen einer Kostenunterschreitung um drei Millionen Mark - dass seitdem einige Aufträge dazu gekommen sind, unter anderem für ein Behindertenwohnheim. Dennoch bekamen auch sie die Rezession zu spüren. "Vor einem Jahr", sagt Haas, "saßen wir hier auf unserer Terrasse und hatten keine Projekte." Dann sei am nächsten Tag der Anruf gekommen, dass sie den Auftrag für das neue Amtsgericht in Waren gewonnen hatten, womit sie "nie" gerechnet hätten. Denn der Bau war europaweit ausgeschrieben und 100 Architekten hatten sich darum beworben.

Inzwischen ist die Auftragslage wieder gut. Aber ein neues Einfamilienhaus ist noch nicht dazu gekommen. Eigentlich hatten sie sich von der Veröffentlichung ihres Hauses in "Schöner Wohnen" im letzten Herbst Anfragen potenzieller Auftraggeber erhofft. Stattdessen, sagt Haas und lächelt ein bisschen weh, riefen Bauherren an und wollten nur Detailfragen geklärt wissen: "Sagen Sie, wo bekommt man denn Ihre Dunstabzugshaube her?"

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