Zeitung Heute : „Großes Potential an Arbeitskraft“

Die Wirtschaft kann es sich nicht mehr leisten, auf schwerbehinderte Mitarbeiter zu verzichten, meint Lageso-Präsident Franz Allert.

Foto:Promo/Lageso
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Zum neunten Mal wurde der Integrationspreis vergeben. Welche Wirkung erhoffen Sie sich davon?

Der Preis soll zum einen die Unternehmen belohnen, die sich vorbildlich für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen einsetzen. Zum anderen soll er anderen Unternehmen zeigen, dass es sich lohnen kann, schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Die Dotierung – 20 000 Euro für den Sieger, je 5000 Euro für die weiteren Prämierten – hilft den Firmen sicher auch.

Im September ist die Bundesinitiative Inklusion gestartet: Bis 2021 soll die Beschäftigung behinderter Menschen mit 100 Millionen Euro gefördert werden, finanziert durch die Ausgleichsabgabe. Welche Maßnahmen sind für Berlin geplant?

Das wird derzeit mit den Regionaldirektionen der Arbeitsagenturen abgestimmt. Vor der Unterzeichnung steht bereits die Förderung von Ausbildungsplätzen. Dabei geht es darum, den Übergang von der Schule in eine Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Schon zwei Jahre vor dem Abschluss soll herausgefunden werden, welche Stärken und Schwächen die Jugendlichen haben. An Berufswegekonferenzen werden Schulen, Eltern und Integrationsfachdienste teilnehmen. Das Programm soll über die Arbeit des IFD hinausgehen. Das Ziel ist der Weg in die Ausbildung und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – weg vom Weg in die Werkstätten.

Wie ist die bisherige Bilanz der 2009 gestarteten Schwerbehinderten-Joboffensive, kurz SchwoB?

Unsere Zwischenbilanz ist sehr positiv, weshalb wir das Programm fortsetzen wollen. Wir haben 165 Anträge auf die Schaffung von Arbeitsplätzen für schwerbehinderte Menschen erhalten – das bedeutet rund 5,9 Millionen Euro Zuschüsse. Außerdem gab es 34 Anträge für Ausbildungsplätze, das entspricht rund 300 000 Euro.

Trotzdem steigt die Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter. Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes sank die allgemeine Arbeitslosigkeit zwischen August 2009 und Mitte 2011 um 15 Prozent, doch die Quote bei den Schwerbehinderten stieg um 7,6 Prozent. Scheuen Unternehmen in der Krise die Beschäftigung Schwerbehinderter?

In Berlin ist die Arbeitslosigkeit zwar relativ konstant, aber das ist natürlich unbefriedigend. Das kann man sicher nicht so einfach mit der Krise erklären. Die Gründe dafür sind vielfältig. Für uns heißt das, dass wir die Anstrengungen verstärken müssen – vor allem die Information von kleinen und mittleren Unternehmen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen auch volkswirtschaftlich sehr wichtig ist. Wir können es uns nicht mehr leisten, ein großes Potential an Arbeitskraft brachliegen zu lassen.

Die Bundesagentur für Arbeit prognostiziert bessere Jobchancen für Schwerbehinderte angesichts des Fachkräftemangels. Sehen Sie dabei bestimmte Branchen im Fokus?

Wir sehen in dieser Hinsicht keine Branchenspezifik – es geht quer durch die verschiedenen Branchen. Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen hat oft große Vorteile: Oft sind sie überhaupt nicht leistungsgemindert, sondern leistungsstärker. Weil sie sehr häufig mehr Engagement und Disziplin mitbringen.

Was hören die Mitarbeiter im Integrationsamt für Vorbehalte von Arbeitgebern?

Zunächst ist es immer die Sorge vor der Bürokratie, das ist das wichtigste. Hier werden die Integrationsämter in Zukunft noch mehr Service anbieten müssen. Dann gibt es immer auch die Sorge, ob der Arbeitnehmer auch wirklich das leisten kann, was der Arbeitgeber braucht. Eine weniger große Rolle spielt der besondere Kündigungsschutz. Auch einen schwerbehinderten Mitarbeiter kann man in bestimmten Situationen unter Einbeziehung des Integrationsamtes kündigen.

Was könnte strukturell noch verbessert werden, um Menschen mit Behinderungen in Arbeit zu bringen?

Kammern und Arbeitgeberverbände könnten sich noch stärker einbringen, auch die Zusammenarbeit mit den Regionaldirektionen der Arbeitsagenturen könnte intensiviert werden. Sorge bereitet mir die Arbeitsvermittlung: Einem Rechtsgutachten zufolge dürfen die Integrationsfachdienste nicht selbst vermitteln. Sie dürfen das ausschließlich dann, wenn die Arbeitsagenturen sie beauftragen. Doch durch die Ausschreibungen der Agenturen kommen die IFD immer seltener zum Zuge – sie sind zu teuer. Dabei wären die Integrationsfachdienste viel besser für die Vermittlung qualifiziert. Wir hatten Fälle, in denen in einem Betrieb behindertengerechte Arbeitsplätze eingerichtet wurden, und dann haben die Arbeitsvermittler keine Mitarbeiter gefunden. Das ist schon ein Problem.

Franz Allert, 56, ist Präsident

des Landesamtes für Gesundheit und Soziales.

Mit ihm sprach Barbara Kerbel

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