GRÜBELPOPJa, Panik : Gegen den Rest der Welt

Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit. Puha. Erst mal sackenlassen. So lautet die ausgeschriebene Version des aktuellen Albumtitels von Ja, Panik. Offiziell heißt es – in Kurzform – „DMD KIU LIDT“. Bei wem hier die Verkopfungsalarmglocken schrillen, der liegt völlig richtig. Denn das exilösterreichische Quintett um Sängergitarrist Andreas Spechtl (Foto, 2. von links) erhebt wie derzeit wohl keine andere deutschsprachige Band den Anspruch, die Kunstform Popsong durch ein komplexes Zitate- und Verweissystem mit intellektuellen Bedeutungsebenen aufzuladen.

Wurde das auf den bisherigen Alben dadurch relativiert, dass man sich für den straffen Gitarrenrock auch ohne Verständnis des Überbaus begeistern konnte, so verlangen die spröden Folk- und Noiserock-Schraffuren ihrer vierten Platte mehr Interpretationsarbeit. Dann geht’s aber richtig ab: Songtexte als deutsch-österreichisch-englischer Bewusstseinsstrom. Jeder (englische) Songtitel eine Anspielung. 75 Minuten Spielzeit. Und dann das Titelstück: erst eine 14-minütige Generalabrechnung mit dem großen Ganzen, dann noch acht Minuten Stille. Wow! Bob Dylan wäre stolz auf die Jungs.

Dabei hat alles mal ganz klein angefangen: Es ist erst drei Jahre her, dass Ja, Panik als Vorgruppe der Dilettantenband Doctorella ihr Berlindebüt gaben – vor vielleicht 40 Zuschauern, von denen kaum jemand ihretwegen da war. Mittlerweile sind die Nicht-mehr-ganz-Neu-Berliner bestens in die Flittchenbar-Szene um die Kreuzberger Songwriter- Grande-Dame Christiane Rösinger integriert. Da dürfte schon die Gästeliste das halbe HAU füllen. So ist das eben im real existierenden Kumpelkapitalismus. Manifest that, Baby!Jörg Wunder

HAU 1, Mo 9.5., 20 Uhr, 12-17 €

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