Zeitung Heute : Grün Drei Farben

Hella Jongerius ist als Designerin ein Weltstar. Ihr Sofa gibt es bei Vitra, ihre Vasen bei Ikea. Ein Besuch in ihrem Atelier in Prenzlauer Berg

Auf Partys nähern sich ihr manchmal Leute, die sagen, hey, ich hätte da eine gute Idee für ein neues Produkt – etwas, das es noch nirgends gibt!

Oh nein, denkt die Produktdesignerin. Schlechte Idee. Weil wir es nicht brauchen. Meist handelt es sich um die überflüssige Kopfgeburt eines Designers.

Hella Jongerius, 47, Holländerin und weltbekannt, seitdem sie 1997 ein weiches Waschbecken aus Polyurethan für Droog Design entwarf, hat ein Sofa für Vitra gestaltet, sie hat Stoffe entworfen und Porzellan für Nymphenburg, sie hat Vasen für Ikea produzieren lassen und im Museum of Modern Art ausgestellt. Sie arbeitet so vielseitig und so international wie wenige. Man könnte denken, sie werde für ihre Ideen bezahlt. Was für ein Irrtum.

Die Designerin sitzt an einem grauen Februarnachmittag in ihrem Atelier in einer Remise an der Kastanienallee. Nach Berlin ist sie gezogen, weil ihr das Büro in Rotterdam zu glatt lief. Dort hatte sie viele Mitarbeiter und Aufträge, aber sie wollte lieber gedanklich frisch und allein an die Arbeit gehen, nach ihrem eigenen Tempo arbeiten. Das tut sie in Berlin seit 2008, recherchiert und liest viel, was sie sehr genießt.

Hella Jongerius trägt Variationen von Grün, als sei ein einzelnes Grün noch zu undifferenziert. „Haben wir nicht alle dauernd Ideen?“ Tatsächlich gehe es darum, einen Filter für diese Ideen zu schaffen, Kriterien, nach denen einige Ideen umgesetzt, verbessert, angepasst werden und andere nicht. Wann ist etwas Neues wirklich neu? Ist es neu in Sachen Herstellung, Produktionsmethode, Material, Farbe, in Bezug zur Firmengeschichte oder zu gesellschaftlichen Ritualen? 

Diese kleinteilige Arbeit, diese ausdauernde Prüfung, das sei der einzige Weg, um von einer Idee zu einer echten Innovation zu gelangen. „Man muss sich eine neue DNA bauen“, sagt sie. Diese DNA besteht aus ungeheuer vielen Bauteilen. Jedes für sich ein sinnhaftes Detail.

Für viele ist das zu viel Neues auf einmal. „Die Moderne ist immer noch in der Luft“, sagt Jongerius. „Sie gilt noch immer als guter Geschmack.“ Die Möbelindustrie ist konservativ, und merkwürdigerweise sind das auch die Produktmanager vieler Firmen, deren Wert und Anspruch sich ja auch daran misst, inwiefern sie etwas „Neues“ entwickeln. „Produktmanager holen gegenüber ihren Designern gerne die Checklisten der Moderne heraus: Sie überprüfen das Verhältnis von Funktion und Form, dann darf man noch etwas schräg sein. Wenn man diese Kriterien nicht erfüllt, fällt man durch.“

Diese Manager, hat sie festgestellt, stecken voller Angst. Ihre Unsicherheit mündet immer in Schwarz. „Aber dann besucht man sie zu Hause und stellt fest, dass diese Menschen selber in ganz attraktiven Wohnungen leben: ein charmanter, persönlicher Mix von Dingen.“

Wie kann das sein? Dass zu Hause offenbar nie die reine Lehre herrscht?

Viele sagen, zu Hause ist dort, wo ihre Familie ist. Oder dort, wo ihre Freunde sind. Hella Jongerius sagt, vor allem ist es dort, wo sie selbst physisch vorhanden ist. „Ich muss anwesend sein, damit das Zuhause ein Zuhause wird. Wenn ich nur wenige Minuten dort bin, bin ich nicht wirklich da. Dann bin ich bloß auf der Durchreise.“ Damit ihr Zuhause den Namen verdient, versucht sie, bei Dienstreisen Übernachtungen zu vermeiden.

Und noch etwas unterscheidet das Zuhause von einem öffentlichen Raum, „es hat mit Sicherheit und Privatheit zu tun“. Ausgelöst wird diese Sicherheit durch die Dinge, die sich dort befinden. „In den Gegenständen stecken die Erinnerungen, die Verbindungen zur Vergangenheit, zu Verwandten.“ Die Dinge sind nicht einfach Gegenstände, sie verkörpern Beziehungen. Sie haben einen lange begleitet, sie weisen Gebrauchsspuren auf. Und sie sind selten perfekt.

Als Hella Jongerius, die an der Design Academy Eindhoven studiert und dort später selber unterrichtet hat, in ihren Überlegungen so weit war, hat sie Geschirr entworfen, das sie zu heiß brennen ließ. Da brach die Glasur, da war das Unvollkommene, das man im Alltag so schätzt. Man konnte jetzt auch Gegenstände für ihre Schwächen lieben.

Und weil das Zuhause ja ganz altmodisch im physischen Teil der Welt beheimatet ist, findet sie, dass man dem Design neben Konzept, Funktion und Form auch Material und Farbe wiedergeben muss. „Ich will mehr Blut. Ich will mehr Charakter, Temperament, lebendiger sein. Ich will Unperfektes und Handwerk. Die Leute sind bereit dafür.“

Sie weiß das. Sie sieht es ja täglich. Sie studiert es in den Regalen ihrer Freunde. Ihr Mann hat zuletzt für sie und ihre beiden Kinder über Weihnachten einen Wohnungstausch in Amsterdam arrangiert. Sie, die Holländerin, wanderte mit Mann und zwei Kindern durch die Straßen wie eine Fremde und dachte, wie reich die Leute sind! So viel Geld! Und wie unbekannt ihr das alles vorkam nach zwei Jahren in Berlin. Weil Holländer keine Vorhänge benutzen, war es, als wandle sie von Wohn-Vitrine zu Wohn-Vitrine, sie da draußen in der Kälte, und überall da drinnen wurde im Warmen ein eigenes Wohnkonzept ausgestellt und beleuchtet. Sie kam sich vor, als liefe sie durch ein Museum. Alle paar Meter ein anderes Interieur. Diese Vielfalt der Stile. Das waren die Eliten. Und die hatten die reine Lehre der Moderne ganz offensichtlich längst hinter sich gelassen.

Ihr eigenes Haus, das sie ertauscht hatte, stand ebenfalls direkt an einer Gracht und hatte fünf Etagen. „Es gab nichts Weißes dort, nichts Einfarbiges. Alles hatte ein Muster.“ Tischdecken, Vorhänge, es gab eigentlich keine freien Flächen. Jeweils für sich genommen, fand sie, war es lustiger Kitsch, aber in der Summe erdrückend. Es hat sie an die Tapeten erinnert, die sie als Kind im Hause ihrer Eltern hatten, diese gelb-orangen Muster, die alle Kinder der 70er mit dem Finger nachgefahren sind. Gelb-Orange erinnert die heute bald 50-Jährigen an ihre Jugend. Das ist gut zu wissen, wenn man mit Farben arbeitet. Insofern stehen Farben für eine Epoche, kennzeichnen ein Lebensgefühl, begründen ein gesellschaftliches Farbgedächtnis, so unmittelbar zuzuordnen wie sonst nur die Gerüche der Kindheit. Jongerius sagt, sie benutzt Farben aus diesem kollektiven Gedächtnis, „dann kommt ein moderner Twist hinzu“. Und deshalb fühlten die Leute sich trotz der Innovation in ihren Entwürfen sicher. Denn das sollen sie sein: Neu und vertraut zugleich.

Heißt das, die Dekoration kommt zurück? Hella Jongerius schaut entsetzt. Dekoration? Sie meidet dieses Wort, „es ist eine Erfindung der Magazine, wirklich!“. Und: „Was soll das sein, Dekoration? Es hört sich so überflüssig an. Es klingt, als würde ich für eine Party mein Haus verschönern, um dem Ganzen etwas mehr Atmosphäre zu geben.“

Was die Moderne schon Dekoration nennt, gehört für sie noch zwingend zum Entwurf. Die Farbe zum Beispiel. Denn damit bildet sich der Charakter. „Farbe bedarf einer professionellen Entscheidung“, sagt Jongerius, über die gerade im Phaidon Verlag ein Buch erschienen ist („Hella Jongerius: Misfit“, 39,95 Euro).

Ihr fiel schon länger auf, dass Farbe weit unter ihren Möglichkeiten eingesetzt wurde. Dass zum Beispiel immerzu Schwarz benutzt wird, um Farben abzudunkeln. Das nahm ihnen viel von ihrer Leuchtkraft und der Möglichkeit, auf Licht zu reagieren. Als sie in ihren Überlegungen so weit war, hat sie sich grundsätzlicher für Farben interessiert. Sie stellte fest: So wie eine einzelne Idee nichts wert ist, ist auch eine einzelne Farbe wenig wert. Wichtig ist ihre Beziehung zu anderen Farben.

Sie hat für Vitra eine Farbpalette entworfen, sie arbeitet an einem Farbkonzept für die Schuhmarke Camper. Und sie hat zuletzt der Deutschen Bank, Anhängern der eindeutigen Corporate Identity, für ihren neuen Büroturm in Frankfurt 36 Farben Blau verordnet. Dafür hat sie so lange zur historischen Verwendung von bestimmten Blautönen recherchiert, bis die Begründung für ihre Auswahl so stichhaltig wurde wie eine Jahresbilanz.

Die Vormoderne wollte gefallen, je nach der Mode. Die Moderne wollte erziehen. Und die Postmoderne? Kann bestenfalls noch in sich selbst schlüssig sein.

Hella Jongerius sitzt gerade an ihrem zweiten Sofa. Ihr erstes, „Polder“, war 2005 eine Sensation. Damit konnte sie sich von allem und allen anderen absetzen. Sie hat es auch aus ihrer dringenden Unzufriedenheit mit dem Möbelstück „Sofa“ entwickelt. Das zweite Sofa ist schwieriger, wie für einen Autor der zweite Roman. Denn damit muss ihr nun noch das Kunststück gelingen, sich von sich selbst abzusetzen.

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