Zeitung Heute : Grün ist die Farbe der Grenze

Im freien Kurdistan hat keiner Angst, sagt der örtliche Militärchef – aber die Menschen im Nordirak, die er vor Saddams Regime beschützen soll, sagen etwas anderes

Birgit Cerha[Erbil]

Youssef hat sich über die Grenze gewagt. Lange hat der Mann gezögert, Erbil, die Hauptstadt der Kurdengebiete im Nordirak zu verlassen, aber schließlich hat er es doch getan – mit Mutter, Frau und Kindern ist er in den Irak gefahren, um die Pässe der Familie zu verlängern. Denn Youssef will in die USA auswandern. „Wir haben große Angst vor einem Krieg“, sagt Youssef. In den Kurdengebieten kann man keine Pässe verlängern, alle offiziellen Dokumente werden nach wie vor von den irakischen Zentralbehörden ausgestellt. Früher konnte man im Nordirak noch gefälschte Pässe kaufen.

An der Wand des Grenzpostens prangt das Bild eines Falken vor einer Sonne, das Emblem der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP). Sie kontrolliert den westlichen Teil Kurdistans, wo etwa zwei Millionen Menschen leben. Im östlichen Teil regiert die Patriotische Union Kurdistans eineinhalb Millionen Kurden. Diese Schutzzone, seit 1991 überwacht von den USA und Großbritannien, nimmt ein Viertel des irakischen Territoriums ein. Im Falle eines Krieges wären die Kurden besonders bedroht. Manche fürchten, sie könnten dann die ersten Opfer des irakischen Diktators sein.

Mit dem Taxi über die Berge

Für Ausländer ist die Einreise in dieses so genannte freie Kurdistan zurzeit schwierig. Die Türkei hat ihren Grenzübergang schon vor Monaten geschlossen, und über den Irak einzureisen wird immer heikler. Europäer können von Teheran nach Aserbaidschan fliegen und sich dann von einem Taxi über die Berge bringen lassen – im Glücksfall. Wahrscheinlicher ist, dass sie wochenlang in der iranischen Hauptstadt festsitzen und auf ein Visum warten, wie derzeit viele Journalisten aus dem Westen.

Die Szenerie an der grünen Grenze, nur 20 Minuten von der irakischen Stadt Mossul entfernt, erscheint friedlich. Am staubigen Straßenrand verkauft ein Junge Bananen, ein anderer preist kurdische Zigaretten an. Ein alter Mann sitzt am Abhang zum Fluss und zählt sein Geld. Der Kasher, ein Seitenarm des Tigris, trennt den Süden Iraks vom Norden – vom „freien“ Kurdistan. Die Aufregung über den drohenden Krieg dringt nicht an die Oberfläche. Aber die Iraker haben alles im Blick, ihre Posten sind nur wenige Meter entfernt, auf einer Hügelkette jenseits des Flusses.

Die kurdischen Kämpfer – die „Peschmergas“ in ihren typischen sandfarbenen Pluderhosen – kontrollieren die Personalausweise der Grenzgänger. Manchmal durchsuchen sie auch einen Wagen nach Waffen oder Schmuggelwaren, bevor sie den Weg über die Stahlbrücke freigeben.

Staatsfeinde ohne Pass

Immer weniger Kurden wagen sich noch aus der Schutzzone im Nordirak heraus. Kaum einer fährt noch nach Mossul, in die nächstgrößere irakische Stadt, oder gar ins viele hundert Kilometer entfernte Bagdad. Sie fürchten die Verfolgung durch das irakische Regime. Selbst jene, die vor Saddams Terror nach der Niederschlagung des Aufstandes von 1975 in den Iran geflohen waren, gelten immer noch als Staatsfeinde und bekommen keinen Pass. Oder sie müssen sich verpflichten, nach ihrer Rückkehr in die Heimat für Bagdad zu spionieren.

Youssef erzählt voller Groll von den Schikanen an der Grenze. Wer mit seinem Auto ins irakische Mossul fährt, muss bei der Rückkehr am Kontrollposten seinen Tank leeren. Und seit der neue irakische Kommandeur seine Arbeit aufgenommen hat, warten die Grenzgänger noch länger. Die Zahl der Autofahrer, die sich in Saddams Reich wagen, ist seither sehr gesunken: Von 2000 auf 400 täglich. Auch lassen die Iraker zurzeit weniger Waren aus dem Süden passieren. Vor allem an Obst und Gemüse mangelt es.

Das größte Problem ist jedoch der Treibstoff. Die Kurdengebiete sind ganz und gar abhängig von Lieferungen. Auch ein Teil des Stroms für die westliche Kurdenregion kommt aus dem von Bagdad kontrollierten Gebiet. „Wenn die politischen Spannungen mit den USA weiter wachsen, oder wenn ein hoher Funktionär der Baath-Partei Mossul besucht, dann gibt es an der Grenze immer besonders drastische Kontrollen“, sagt Youssef. „Jüngst ließen sie zwei Tage überhaupt kein Benzin durch, und sofort schnellten die Preise in die Höhe.“ Die kurdischen Treibstoffvorräte – auch das Kerosin zum Heizen – reichen höchstens für drei Tage. „Wenn der Krieg ausbricht, oder Saddam eine totale Blockade verhängt, stürzen wir hier in die Katastrophe“, prophezeit Youssef.

Doch trotz dieser Bedrohung gibt sich Nejat Barzani, kurdischer Militärkommandant im benachbarten Dorf Khalak, streitbar. Über seinem kleinen Schreibtisch hängt das Bild Mulla Mustafa Barzanis, des großen kurdischen Freiheitshelden. Sein Sohn Massoud führt heute die Kurdische Demokratische Partei. Der Militärkommandant Nejat selbst gehört ebenfalls zum großen Clan der Barzanis. „Die Kurden fürchten nichts“, versichert er stolz. „Wir alle wollen, dass die Amerikaner Saddam attackieren. Wir wollen keinen Krieg, aber das ist die einzige Möglichkeit, um ihn endlich loszuwerden.“

Noch sei es hier aber ruhig, sagt Nejat. Und sollten die Iraker schließlich doch angreifen, dann schlagen die Kurden zurück. „Wir haben vielleicht nicht viele Waffen, aber wir haben den starken Glauben an unsere Freiheit, und das gibt uns die Kraft, alles zu tun“, sagt der Kommandant. Aber glaubt er auch daran, dass die Amerikaner die Kurden dieses Mal in ihrem Kampf gegen Bagdad unterstützen? Und nicht wie 1991, am Ende des Golf-Krieges, wieder im Stich lassen? Damals hatten die USA nicht eingegriffen, als irakische Truppen den kurdischen Aufstand brutal niedergeschlugen. Obwohl sie die Kurden zuvor zum Protest ermutigt hatten.

Doch auf diese Frage will Nejat nicht antworten. Sein Schweigen spricht für sich.

Bruska Shaways, ebenfalls Kommandant der KDP-Streitkräfte, ist zuversichtlicher: „Damals wurde der Krieg nur geführt, um Kuwait zu befreien. Doch diesmal geht es um den Sturz Husseins.“ Er ist überzeugt davon, dass die Iraker keinerlei Widerstand leisten werden, wenn die ersten Bomben auf ihr Land niedergehen. „Die irakische Armee ist 15-mal schwächer als 1991, und die Amerikaner sind mit noch modernerer Technologie ausgerüstet.“ Bruska erinnert daran, dass in der Fünf-Millionen-Stadt Bagdad rund eine Million Kurden und zweieinhalb Millionen diskriminierte Schiiten leben, die das Regime noch mehr hassen als die Sunniten, aus deren Reihen sich die Clique um Saddam rekrutiert.

Kommandant Burska bestätigt zwar, dass Bagdad die Truppen an der Grenze zum Nordirak verstärkt hat, aber das sei ohne Bedeutung. „Saddam hat Angst, seine Soldaten an die Kurdenfront zu schicken. Er weiß, dass er seinen eigenen Leuten nicht mehr trauen kann. Wenn die ersten amerikanischen Bomben fallen, würden die einfachen Soldaten in Massen zu uns überlaufen. Und sie würden ihre Waffen mitnehmen. Das will Bagdad unter allen Umständen vermeiden.“

Auf dem Basar des nahen Dorfes Khalak geht derweil das Leben weiter wie gewohnt. Die Menschen bereiten sich auf das islamische Opferfest vor. Aber einigen ist nicht nach Feiern zumute. Sie haben Angst – wie das alte kurdische Paar, das im Hof seines grauen Ziegelhauses sitzt. „Was sollen wir nur tun?“, fragt die Frau verzweifelt und deutet auf ihre fünf Enkel, die unter einem Olivenbaum spielen. Mit Tränen in den Augen fügt ihr Mann, hinzu: „Wir haben solche Furcht vor dem Gas, wenn der Krieg beginnt und Saddam aus Rache chemische Waffen gegen uns einsetzt. Wir wissen doch, dass er sie hat.“ Schon zweimal hat die Familie alles verloren. Erst 1988, als irakische Truppen ihr Heimatdorf zerstörten. Während des Golfkrieges 1991 mussten sie wieder alles zurücklassen.

Das gejagte Volk

Das Massaker von Halabja, wo die irakische Armee 1988 mehr als 5000 Kurden vergast hatte, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt. Die Überlebenden leiden bis heute unter schwersten Gesundheitsschäden. „Wir Kurden sind ein ewig gejagtes Volk. Niemand hilft uns“, klagt die alte Frau. Es gibt viele hier, die an der Hilfsbereitschaft des Westens zweifeln.

Auch Kommandant Bruska reagiert ratlos, wenn man ihn fragt, warum weder die Amerikaner noch die UN auf kurdisches Drängen hin Gasmasken geschickt hätten? Washington habe lediglich den hohen Kurdenführern Gasmasken angeboten. „Aber wir haben das abgelehnt. Entweder bekommen alle Menschen Schutz, oder niemand“, sagt der Offizier, und bitter fährt er fort: „In Israel hat man selbst für Hunde und Katzen Gasmasken bereitgestellt. Hier haben wir nicht einmal welche für die Menschen.“

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