Zeitung Heute : Grün ist die Hoffnung

Sie hält ihn für einen Fanatiker. Er wünscht sich, dass sein Sohn Werder-Fan wird. Die Bundesliga-Rückrunde beginnt. Und manches Paar wird samstags nicht mehr spazieren gehen.

Nicol Ljubic

Es war ein nasskalter Abend an jenem 8. Dezember. Es nieselte, meine Füße froren. Ich fing an, meinen Freund zu verfluchen. Er hatte mich ins Stadion geschleppt, obwohl mein Hals schmerzte, den ganzen Tag über hatte ich schon erhöhte Temperatur und dann dieses Debakel: Werder Bremen spielte in der Champions League gegen den RSC Anderlecht, zur Pause stand es 0:3. Ich wollte nach Hause, ins Bett. Ich wusste, am nächsten Morgen würde ich richtiges Fieber haben – und schlechte Laune. Was für eine Vorstellung im Nachhinein: Ich wäre gegangen, kurz vor dem Wunder. Mein Leben wäre ein anderes geworden. Noch heute, 13 Jahre später, werde ich oft gefragt: „Und du warst wirklich dabei?“ – „Ja“, sage ich dann und dass hinterher mein Fieber weg war. Spätestens seit jenem Abend bin ich Werder-Fan.

Zittern mit Jürgen Trittin

Es war der 8. Dezember 1993, und Werder drehte das Spiel innerhalb von 24 Minuten. 66. Minute: Rufer, 72. Bratseth, 80. Hobsch, 83. Bode, 89. Rufer – am Ende stand es 5:3. Ich weiß noch, wie mein Freund auf die Knie fiel und sagte: Falls ihm jetzt etwas zustoße, dann habe er wenigstens ein erfülltes Leben gehabt.

Damals, das war die Zeit der Weserwunder, es gab ein 6:2 gegen Spartak Moskau, ein 5:0 gegen Dynamo Berlin und ein 5:1 gegen den SSC Neapel mit Maradona! Kein Hinspielergebnis war aussichtslos genug, um es im Rückspiel nicht noch zu drehen. Als Werder-Fan lernte ich: Nichts ist unmöglich. Mit diesem Bewusstsein schaffte ich auch mein Abi, obwohl ich in meiner Mathe-Prüfung nur zwei Punkte holte.

Werder Bremen ist Teil meines Lebens geworden. Oft liege ich nachts wach und grübele über die Aufstellung, frage mich, ob es richtig ist, dass Stalteri links spielt. Ich rekonstruiere jedes Tor, jede wichtige Szene. Mein Traumjob wäre einer bei Werder: in der Pressestelle, im Fanshop oder als Schlussredakteur des „Werder Echo“. Ich mag Claus Peymann, Jürgen Flimm und Jürgen Trittin, weil sie Werder mögen. Und wenn ich doch mal auf Reisen bin, wenn Werder spielt, sitze ich garantiert in einem Internet-Café und verfolge den Live-Ticker.

Meine Freundin sagt, ich sei fanatisch. Dabei besitze ich nicht einmal grünweiße Bettwäsche. Außerdem befremdet sie, dass meine besten Freunde allesamt Werder-Fans sind. Und sie behauptet gern, ich hätte sie mir deswegen ausgesucht. Aber das stimmt nicht. Als ich meinen Freund Jan kennen lernte, wusste ich noch nicht, dass er Werder mochte. Meine Freundin hatte auf einer Party seine Freundin kennen gelernt, die hatte uns darauf an einem Samstag zum Essen eingeladen. Jan öffnete die Tür. Er sagte: „Ich freue mich, euch kennen zu lernen.“ Dann fragte ich, ob er wisse, wie Werder gespielt habe. „Wir haben 3:1 gewonnen“, sagte er. Sympathisch aber war er mir schon zuvor.

Ich habe seinem Sohn dann ein kleines Werder-Trikot geschenkt und ihm später zum Geburtstag das Video: „Die Werder-Story. 100 Jahre SV Werder Bremen.“ Und ich weiß, dass er das Gleiche für meinen Sohn tun wird.

Für meine Freundin war es nicht leicht. Sie kommt aus einem intellektuellen Elternhaus und behauptet, ich sei in ihrem Leben der erste Mann, der Fußball möge. Was aus meiner Sicht nicht gerade für ihre Ex-Männer spricht. Aber das ist ein anderes Thema. Mittlerweile hat sie sich an Fußball gewöhnt, vielleicht auch, weil ein Freund ihr sagte, sie solle bloß nicht den Fehler machen, mich vor die Wahl zu stellen. Wir haben uns auch schon wegen Werder gestritten. Weil wir nie, wie andere, samstags spazieren gehen oder einen Ausflug machen. Weil es mir so sehr anzusehen ist, ob Werder gewonnen oder verloren hat und es sie anfangs eifersüchtig machte, weil ich sonst so kontrolliert und selten ausgelassen bin. Ein Werder-Sieg bringt mich in die Stimmung, für die ich sonst vier Biere brauche.

Respekt!

Mittlerweile haben wir die Samstage klar geregelt: Vormittags gehen wir zusammen auf den Markt, nachmittags ist Werder-Zeit. Dann kommen meine Freunde, um bei mir Premiere zu schauen. Und was war das für eine Freude im letzten halben Jahr! Kurz nach dem Schlusspfiff fieberte ich schon dem kommenden Samstag entgegen.

Werder macht wieder Spaß. Spielt den schönsten Fußball, schießt die meisten Tore. Wir sind Tabellenführer – und mir wird wieder Respekt entgegen gebracht. Vor kurzem begegnete ich einem Menschen, den ich ein Jahr lang nicht gesehen hatte. „Ich muss in letzter Zeit oft an dich denken“, sagte er, „gratuliere, ihr spielt tollen Fußball. Ich gönne euch die Meisterschaft.“ So was passiert mir in letzter Zeit öfters. Das ist gut fürs Ego.

Natürlich habe ich Angst vor den ersten Spielen der Rückrunde, weil wir in der Tabelle schon mal weit oben standen und auf die Champions League hofften – und dann in der Rückrunde kaum noch ein Spiel gewannen. Das war in der vergangenen Saison, und ich musste mir viel Spott anhören. So wie damals, als wir einen Trainer bekamen, der Dixie Dörner hieß. Das waren die bitteren Jahre ohne Otto Rehhagel. Mit dem waren wir die erfolgreichste Mannschaft der Liga gewesen. Allein zwischen 1990 und 1994 wurden wir zweimal Pokalsieger, einmal Meister und einmal Europapokalsieger. Wir waren Bayern Münchens ärgster Kontrahent, nicht nur fußballerisch. Werder gegen Bayern, das war auch ein politisches Duell. SPD gegen CSU. Arm gegen Reich. Gut gegen Böse. Und ausgerechnet zu diesen Bayern wechselte unser Otto und riss uns für Jahre in die Mittelmäßigkeit. Auch deswegen gehört es für einen Werder-Fan dazu, sich über jede Niederlage der Bayern zu freuen. Und sei es in einem Testspiel gegen Mainz.

„Werder ist einfach sympathisch“, sagt sogar einer meiner Freunde, der Dortmund-Fan ist (!). Das sagt alles. Statt mit Millionen um sich zu werfen, setzt Werder auf junge oder weitestgehend unbekannte Spieler, baut sie auf, macht sie zu Stars, bis sie dann von Bayern (Pizarro), Dortmund (Frings) und neuerdings auch Schalke (Rost, Krstajic, Ailton, Klasnic) aufgekauft werden. Das hält den Klassenkampf am Leben. Das Kapital ist der Feind eines Werder-Fans. Und gleichzeitig die Knauserigkeit des Aufsichtsrats, der nicht mal einen Kredit für eine Zwischenfinanzierung aufnehmen mag, um Miroslav Klose zu holen. Er wäre der erste teure Transfer der Vereinsgeschichte. Aber so sind die Bremer: solide, bescheiden, unglamourös. Viele sagen: langweilig – so wie unser Trainer Thomas Schaaf, der selbst der beste Kunde des Werder-Fanshops zu sein scheint. Er trägt gern die Werder-Sweatjacke oder das Werder-Sweatshirt. Ist in Wahrheit in seiner trockenen Art aber äußerst amüsant. Nur verstehen es die meisten nicht.

Jubeln mit Schnulli

In diesem Jahr rechne ich mit der Championsleague. Die Mannschaft steht vor einer großen Herausforderung – und ich auch, vielleicht vor meiner größten als Werder-Fan: Wie schaffe ich es, dass mein 15 Monate alter Sohn Werder-Fan wird? Es ist ja immer so ein Risiko: Am Ende wird der Sohn aus Opposition zum Vater Bayern- oder Schalke- oder gar Hertha-Fan. Meine Freundin sagt, ich solle keinen Druck ausüben, vielleicht werde er Fußball doof finden. Vielleicht ist es eh schon zu spät. Vor Wochen hatte ich meinen Sohn im Zimmer, als Werder spielte. Wir saßen da in grünen Trikots, sagten: „Schau mal, das ist Ailton, A-i-l-t-on, hörst du? Aaa-iii-lt-on.“ Und mein Sohn schaute gebannt auf den Bildschirm. Aber dann stürmte Ailton aufs gegnerische Tor zu, überlief einen Spieler, drang in den Strafraum ein und schoss… Wir jubelten und schmissen uns auf den Boden. Mein Sohn fing an zu heulen. Wollte gar nicht mehr aufhören zu heulen. Ich steckte ihm den Werder-Schnulli in den Mund, den ich ihm zur Geburt gekauft hatte – er spuckte ihn aus.

Vielleicht ist es doch gut, dass ich mich gegen den zweiten Vornamen entschieden habe. Es war kurz nach der Entbindung, meine Freundin lag noch im Krankenhaus, hatte den Namensantrag aber schon unterschrieben. Auf dem Weg zum Standesamt dachte ich kurz darüber nach, das Formular um einen Namen zu ergänzen: Ailton – Elias Ailton. Aber nichts ist schlimmer, als wenn im Namen des Sohnes der Wunsch des Vaters offenbar wird. Am Ende wird er Gärtner. Oder die Leute sagen: Ailton, das war doch dieser Stürmer, der für Schalke so viele Tore schoss…

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