Zeitung Heute : Grün und die Hoffnung

Deutsche Abgeordnete sind nach Kiew gefahren, die Ukrainer jubeln ihnen zu. Aber sie wissen auch: Noch ist nicht alles ausgestanden

Christoph Marschall[Kiew]

Die Frau aus Deutschland möchte direkt zu den Menschen sprechen, also ohne Übersetzer, also Russisch, sagt sie, das habe sie als Thüringerin in der Schule gelernt. Sie sagt das entschuldigend, aber die Menge quittiert es mit Jubel. 1989, die friedliche Revolution in der DDR, in der Tschechoslowakei – das ist die Folie, die jeder kennt und versteht. Deren Parolen tauchen jetzt, nur leicht verändert, wieder auf. „Wir sind das Volk“ und „Wir sind ein Volk“, haben wir damals gerufen“, sagt die Frau. „Das Volk sind wir“, lautet die ukrainische Variante, das ruft sie jetzt. Die Frau aus Deutschland ist Katrin Göring-Eckardt, sie ist Abgeordnete und Fraktionschefin der Grünen im Deutschen Bundestag.

Die Grünen-Abgeordneten – Göring- Eckardt und Rainder Steenblock vom Bundestag, Rebecca Harms vom Europaparlament – und die der SPD – Gert Weißkirchen und Jelena Hoffmann, Vorsitzende der deutsch- ukrainischen Parlamentariergruppe – hatten Mühe, sich zur Bühne auf dem Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit, durchzukämpfen. Der Platz ist in Sektoren aufgeteilt, immer wieder versperren bullige Ordner den Weg – ach ja, die Ukraine ist eine große Boxnation.

Gibt es in dieser Stadt noch irgendjemanden, der nicht Orange trägt? Einen Platz ohne die Fahnen Viktor Juschtschenkos? Ein orangefarbenes Meer ist am Samstagabend nicht nur der Maidan, auf dem die Bühne für die abendlichen Kundgebungen aufgebaut ist, oder der südlich angrenzende Kreschtschatik, der Prachtboulevard, auf dem die Zelte der Jugendlichen aus dem ganzen Land im Lauf der Woche zu einer kleinen Stadt mit inzwischen angeblich 10000 Bewohnern herangewachsen sind. Orangefarbenen Fahnen begegnet man in den Schächten der Rolltreppen hinab zu den U-Bahn-Stationen; auch weit nach Mitternacht hallen sie wider von den Rufen heimkehrender Gruppen, die den Namen ihres Helden skandieren. Im Musikklub unter der Rot-Kreuz-Station im Zentrum ziehen die Tänzer das über der Tanzfläche flatternde Banner mit dem „Tak“ – Ja –, ein weiteres Symbol der Opposition, zu sich heran und küssen es. Wenn es noch Gegenkräfte in Kiew gibt, dann haben sie sich unsichtbar gemacht.

Am Freitag musste das Regime unter der Vermittlung des außenpolitischen Beauftragten der EU, Javier Solana, und des polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski die Überprüfung der Stichwahl zugestehen; im Gegenzug hob die Protestbewegung die Blockade der Ämter für zwei Tage auf. Am Sonnabend trat das Parlament zu einer Sondersitzung zusammen, annullierte das offizielle Ergebnis der Stichwahl – mit 255 von 429 Stimmen – und setzte die Wahlkommission ab. Vor deren Sitz stehen am Sonntagmorgen 150 Leute mit blauen Fahnen, der Farbe der Regimeanhänger. Kann man das überhaupt noch Präsenz zeigen nennen?

Der Sieg ist noch nicht errungen, die Regierung hat sich Luft verschafft, spielt auf Zeit, sagen sie im Zeltlager auf dem Kreschtschatik. Es fehlt der Beschluss, Neuwahlen anzusetzen – und ein konkreter Termin. Wiederholung am 12. Dezember: Das ist bisher nur eine Forderung Juschtschenkos. Die Zuversicht im Lager stört das nicht. „Wir bleiben, wenn nötig, noch Wochen hier, bis frei gewählt wurde und das Ergebnis bestätigt ist“, sagt die 19-jährige Roxana aus Saporoschje in der Ostukraine.

Die sieben Tage seit der gefälschten Stichwahl um das Präsidentenamt haben die Ukraine, haben aber auch Europas Gesicht verändert. Polnische, weißrussische, georgische Flaggen tauchen immer wieder zwischen den blau-gelben ukrainischen auf, auch das Banner der Solidarnosc, der polnischen Gewerkschaft unter Lech Walesa, der 1980 der erste große Sieg über den Kommunismus gelang. „Orangen-Revolution“ – der Name wird in Kiew bereits so selbstverständlich gebraucht, als sei er etabliert wie die „Samtene Revolution“ in Prag oder die „Nelken-Revolution“ in Portugal.

Der Protest kommt nicht von Gruppen am Rande der Gesellschaft, sondern aus ihrer Mitte und erfasst alle Generationen. Die jungen Leute im Zeltlager werden kaum Herr der Hilfe, mit der sie überschüttet werden: Kartons mit belegten Broten, Thermoskannen mit Tee, Plastiksäcke mit warmer Kleidung stapeln sich zwischen den unzähligen Zelten im Schnee.

Das Lager ist durch eine provisorische Mauer geschützt: Die Straßengeländer und Bänke des Kreschtschatik werden genutzt, die Lücken dazwischen sind mit Styroporplatten gefüllt. An den Eingängen stehen Wachen, um das Eindringen von Provokateuren zu verhindern; nachts wärmen sie sich an Holzfeuern in leeren Ölfässern. Nirgends ist Alkohol zu sehen.

Sie kommen aus dem ganzen Land, nicht nur aus der Westukraine, das lässt sich an den vielen Bussen ablesen, die am Eingang des Kreschtschatik geparkt sind: Donezk, Charkiw, Krajnik, Saporoschje, Lviv, Cernivcy… Auch die dienen nachts als Lager, Dieselgestank verbreitet sich, wenn die Motoren zum Heizen laufen.

Die Bewegung ist wohl organisiert, überall stehen Ordner und Ansprechpartner bereit. Hunderttausende tragen die Aufkleber mit den Parolen der Opposition: „Pora“ – „Es ist Zeit“ –, „Ihr könnt uns die Freiheit nicht nehmen“ oder „Wahrheit, Wahrheit“.

Die Hauptkraft, sagt Wolodymir Polochalo vom Think-tank „Politisches Denken“, sind junge Leute, die Fremdsprachen verstehen, das Internet und ausländische Medien nutzen. Privatbetriebe versorgen sie kostenlos, weil sie endlich zu gleichen Bedingungen wie die staatsnahen Unternehmen auf den Markt wollen. Viel Unterstützung komme von Bürgern, die von einer politischen Nation Ukraine träumen. „Das war die eine große Fehlkalkulation, das Regime hat nicht mit einer so reifen und disziplinierten Zivilgesellschaft gerechnet. Sie glaubten, der Frost werde die Protestbewegung vertreiben.“

Die zweite Fehlkalkulation: Wladimir Putins Unterstützung für den Kandidaten des Regimes. „Die wirkt wie ein Bumerang“, sagt Polochalo. Mag sein, im Donezk-Becken und dem übrigen Osten, der traditionell zu Russland steht, habe das genützt, aber in der Landesmitte seien die meisten verärgert. „Putin hat ungeheuer an Ansehen verloren.“

Ausgelassen ist die Atmosphäre über der Abendkundgebung auf dem Maidan, zugleich liegt ein Staunen über die eigenen Kräfte in der Luft. Ein weißer Zeppelin schwebt an einem Tau in 20, 25 Metern Höhe mit einer riesigen ukrainischen Fahne. Sind es 150000 oder 200000, die sich drängen zwischen der neuen Einkaufsgalerie mit den Pierre-Cardin- und Donna-Karan-Boutiquen, dem Hotel Ukraina und der McDonald’s-Filiale? Ein Extrablatt wird verteilt mit dem Bericht vom Parlamentsbeschluss, „Maidan-Zeitung“ und „Internet-Dossier“ steht im Titel, 150000 Exemplare auf dem Drucknachweis. Lautsprecher beschallen den Platz, auf zwei Riesenbildschirme wird das Geschehen auf der Bühne übertragen, sie ist mit einem orangefarbenen Tannenbaum und einem gigantischen Bouquet orangefarbener Rosen geschmückt.

Gäste aus vielen Ländern sind gekommen, sogar Staatspräsident Michal Kovacs aus der Slowakei. In den Pausen zwischen den Rednern heizen Einpeitscher der Menge ein: „Wir sind viele, wir sind stark.“ – „Wahrheit, Wahrheit“ – und immer noch und immer wieder: „Jusch- tschen-ko, unser Prä-si-dent“. Am Bühnenaufgang stehen Priester, die Bibel in orangefarbene Tücher gewickelt.

Katrin Göring-Eckardt sagt, Unterstützung aus dem Ausland sei damals 1989 unschätzbar wichtig gewesen, die wolle sie jetzt zurückgeben. Als sie Grüße des Außenministers Joschka Fischer, ja der ganzen Bundesregierung überbringt und volle Unterstützung zusagt, da brandet der Jubel laut auf.

Längst hat sich die Nacht über Kiew gesenkt, aber im Streulicht aus Reklametafeln, Scheinwerfern und Schnee kann man die Gesichter der Menschen gut erkennen. Voller Zuversicht, fast gläubig hängen sie an den Lippen der Redner. Orangefarbene und blau-gelbe Fahnen bilden den Horizont zum Nachthimmel, in den sich schlank und hoch die Statue der Mutter Ukraine erhebt.

Auf der Fahrt in die Botschaft ist Fischer am Telefon, er will erste Eindrücke hören. „Gut gemacht“ – dieses Lob hören die grünen Damen nicht oft. Er wäre wohl selbst gerne gekommen, „aber das geht doch nicht“, heißt es im Kleinbus. – Geht nicht? Wieso? Wo doch selbst der slowakische Präsident Partei ergreift. Nein, es hat wohl mehr mit dem Kanzler zu tun, der alles, was das Verhältnis zu Putins Russland betrifft, zur Chefsache macht. „Wir Ukrainer wollen nicht nur ein Objekt der Beziehungen des Westens zu Russland sein“, sagt Politologe Polochalo zu den Abgeordneten beim Abendessen.

Noch lauern Gefahren. War es ein Fehler, dem Regime zwei Tage Atempause zu geben? Wird es bei der neuen Wahl nicht wieder versuchen zu fälschen? Wie geht man mit den Warnungen vor einer Spaltung des Landes um? Und selbst wenn alles gut geht, sagt Polochalo, dann steht Juschtschenkos Lager vor neuen Herausforderungen: nicht mehr Politik auf der Straße, sondern Politik als Handwerk. „Können die das?“

Auch der Koch der deutschen Botschaft kann mit seinen Sympathien nicht hinterm Berg halten. Der Salatteller ist nicht mit schwarzem Kaviar vom Stör, sondern mit welchem vom Lachs verziert, als Suppe gibt es Tomatencreme – und in der Portion für den Botschafter liest sich der Sahneklecks wie ein „Tak“ – das Ja zu Juschtschenko.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar