Zeitung Heute : Gründen will gelernt sein

Der Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg fand in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal statt. In rund 200 Veranstaltungen konnten sich junge Existenzgründer für die Selbstständigkeit fit machen – und attraktive Preise gewinnen. Gestern abend wurden die Preisträger des Jahres 2005 gekürt

Regina-C. Henkel

Kordula Schmidt legt ihre Stirn in Falten: „Stückplanung oder Fremdleistungskosten sind für mich ebensolche Horrorbegriffe wie Investition oder Abschreibung.“ Gleichwohl hat sich die 46-Jährige fest vorgenommen, ihrem lückenhaften betriebswirtschaftlichen Wissen ein sicheres Fundament zu verpassen. Ab Herbst will sie im Rahmen des elften Businessplan-Wettbewerbs Berlin-Brandenburg (BPW) Seminare und Vortragsveranstaltungen besuchen. Die gelernte Hotelkauffrau ist sich sicher: „Um ein eigenes Tourismusunternehmen auf den Weg zu bringen und nachhaltig zu etablieren, komme ich an einem handfesten Businessplan nicht vorbei.“

Das haben sich in den zurückliegenden zwölf Monaten mehr als 2800 potenzielle Existenzgründer gedacht – und gehandelt: Als Interessenten des gestern abend abgeschlossenen zehnten Businessplan-Wettbewerbs Berlin-Brandenburg. 1081 Interessenten nahmen in diesem Jahr schließlich an dem dreistufigen Wettbewerb teil – 94 mehr als im Vorjahr. Nicht weniger als 500 Tutoren und Coaches stellten sicher, dass gründungswillige Menschen ihre Unternehmensidee in einen Businessplan umsetzen konnten. In mehr als 200 Veranstaltungen ging es um Themen wie „Strategische Unternehmenskommunikation“ oder „Geheimnisse einer guten Marktanalyse“.

Schließlich wurden gestern die Preisträger gekürt – erstmals in einer TED-Abstimmung am Prämierungsabend. Die Gewinner der dritten Wettbewerbsstufe des Businessplan-Wettbewerbs Berlin-Brandenburg sind: 1. Preis – Hilko Siebels und Hans Rasmusson, die unter dem Firmennamen mbm neue Brennermodule für Gasheizungen anbieten wollen. 2. Preis – Das Unternehmen Afforis von Beate Braun und Matthias Paschke, das in der Pharma- und Biotechbranche tätig ist. 3. Preis – Die Firma VMscope GmbH, die eine Mikroskopie-Software entwickelt hat (s. auch Artikel Seite 21).

Sie erhalten Preisgelder von insgesamt 34 000 Euro. Doch um das Geld allein geht es bei diesem Wettbewerb nicht. „Für uns war es vor allem wichtig, unsere Geschäftsidee einmal von Grund auf mit professioneller Hilfe durchzuplanen“, sagt Hilko Siebels vom Gewinnerteam mbm. „Und wir hatten durch den Wettbewerb die Möglichkeit, mit vielen anderen Netzwerkern Kontakte zu knüpfen.“

Solche Aussagen sind ganz im Sinne von Thomas Dankwart. Er ist Bereichsleiter Wirtschaftsförderung bei der Investitionsbank Berlin (IBB), die den Wettbewerb gemeinsam mit ILB (InvestitionsBank des Landes Brandenburg) und uvb (Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg) veranstaltet. Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen durch die jungen Gründer nennt Dankwart eben auch die Bündelung der Gründeraktivitäten in der Region als eines der Ziele des Wettbewerbs.

„Jährlich verschwinden in Deutschland tausende von guten Ideen“, hat Dankwart beobachtet. Viele Geschäftsideen werden schlichtweg vergessen oder wegen mangelhafter Planung, lückenhaftem Know-how und unzureichender Kontakte nicht zur Marktreife gebracht. Der ideale Ausweg aus dieser Misere sei die Unterstützung von Gründungswilligen mit „Know-how, Feedback und Kontakten.“ Denn über allen Aktivitäten der BPW-Veranstalter steht die Überzeugung, dass Existenzgründung kein Hexenwerk und keine Eliteveranstaltung ist. „Gründen kann man lernen“ – lautet ihre oberste Maxime.

Hotelkauffrau Kordula Schmidt mit ihrer Geschäftsidee im Tourismusbereich wird beim BPW 2006 genauso willkommen sein wie jeder Student und Hochschulabsolvent, jeder Angestellte, Unternehmer, Erfinder und Entwickler. „Ob Handwerker oder Professor“, sagt Dankwart, „jeder, der eine innovative Produkt- oder Dienstleistungsidee hat und die Umsetzung der Idee in Berlin oder Brandenburg plant, kann am Wettbewerb teilnehmen.“

Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Branche die Geschäftsidee angesiedelt ist. Beim BPW 2005 kamen 23 Prozent der Ideen aus dem Dienstleistungsbereich. 20 Prozent der Einreichungen stammten aus dem Bereich Hightech. Handel, Logistik und Handwerk waren mit 15 Prozent vertreten, Kommunikation, Internet und Medien machten 13 Prozent aus. Elf Prozent der Gründer wollten etwas in Gastronomie oder Tourismus unternehmen und je neun Prozent im Bildungsbereich und in der boomenden Gesundheits- und Fitnessbranche.

Unter dem Motto „Rettet die Geschäftsideen“ bemühen sich die Veranstalter, möglichst viele Teilnehmer über alle drei Stufen des Wettbewerbs zu begleiten: „Marktanalyse und Marketing“, „Unternehmen und Finanzplanung“ sowie „Produkt und Dienstleistung“. Und das Konzept scheint aufzugehen. Beim BPW 2005 wurden immerhin 20 Prozent aller Businesspläne in allen drei Stufen eingereicht. Insgesamt legten die Teilnehmer 599 Businesspläne vor, was einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 13 Prozent entspricht. In der dritten Stufe wurden immerhin noch 261 Businesspläne eingereicht – gegenüber vergangenem Jahr eine Steigerung von 34 Prozent.

Dass dieser Wettbewerb im zehnten Jahr seines Bestehens so erfolgreich sein würde, hätte im Jahr 1995 nicht einmal Sven Ripsas zu träumen gewagt. Ripsas, heute Professor an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin (FHW), war damals von einer USA-Reise mit der Idee eines Businessplan-Wettbewerbs zurückgekehrt. Gemeinsam mit FU-Professor Günter Faltin begeisterte er die ersten 22 Jungunternehmer für die Teilnahme an diesem deutschlandweiten Wettbewerb für Businesspläne. Inzwischen hat er sich zu einer weit über die Ländergrenzen von Berlin-Brandenburg hinaus bekannten Institution entwickelt. Mehr als 2679 Gründerteams haben sich in den vergangenen zehn Jahren der Businessplan-„Schule“ unterzogen.

So preiswert wie in Berlin und Brandenburg kommen Gründungswillige in anderen Bundesländern nicht an das Know-how. Die Kosten für die Teilnahme beschränken sich auf zehn Euro Schutzgebühr für das „Handbuch zum Wettbewerb“ – und sogar diese Investition kann man mit dem Download des Skripts von der BPW-Website umgehen. Die Beurteilung der Businesspläne durch Fachjuroren sind für die Teilnehmer ebenso kostenlos wie die Betreuung durch Coaches. Workshops, Seminare und Vortragsveranstaltungen des BPW werden ebenfalls kostenlos angeboten.

Die gesamten Kosten werden von den Sponsoren des Wettbewerbs getragen, die sich auch beim Thema Preisgeld nicht lumpen lassen. In diesem Jahr gab es von ihnen sogar ein besonderes Schmankerl: Unter den zehn bestplatzierten Teilnehmern wurde ein VW Golf mit sparsamem und innovativem Erdgasantrieb zur Nutzung für ein Jahr verlost. Der glückliche Gewinner hieß passend Road GmbH.

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