Zeitung Heute : Grüne Perspektiven

Der Arbeitsfeld Umweltschutz verändert sich: Schon jetzt mehr als 1,4 Millionen Jobs mit Ökologie-Bezug - Tendenz steigend

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Von Regina-C. Henkel

Seit gut zwei Wochen sind Martin Jänicke, Thomas Loster und Michael Kinze im medialen Dauereinsatz. Die Flutkatastrophe hat die Umweltexperten in die Öffentlichkeit gerückt. Jänicke ist Professor an der Forschungsstelle für Umweltpolitik an der FU, Loster arbeitet als Geologe bei der Münchener Rückversicherungsgesellschaft und der habilitierte Bauingenieur Kinze leitet das Sächsische Landesamt für Umwelt und Ökologie in Dresden.

Umweltprofis haben Konjunktur – und zwar in allen Wissenschafts- und Berufsdisziplinen, die mit den Folgen des Hochwassers beschäftigt sind. Kaum eine handwerkliche und technische Qualifikation, die jetzt nicht dringend verlangt wird, unverzichtbar auch das Know-how aus fast allen naturwissenschaftlichen wie betriebswirtschaftlichen Bereichen. Von den Pflege- und Seelsorgeberufen ganz abgesehen.

Das Thema Klimawandel rangierte schon vor der Hochwasserkatastrophe im Bewusstsein der Bevölkerung weit oben. 94 Prozent der Deutschen ist eine Verringerung des Ausstoßes von klimaschädlichen Gasen „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“. Das ergab die Befragung „Umweltbewusstsein in Deutschland 2002“, die vom Umweltbundesamt Anfang Juli vorgestellt wurde.

Jetzt aber hat die Flutkatastrophe vielen Berufstätigen vor Augen geführt, dass ihr eigener Job durchaus einen Bezug zu Umwelt und Ökologie haben kann. Noch viel mehr ins Nachdenken kommen alle, die auf Jobsuche sind. Thilo Rieg, Marketingchef des Online-Portals Jobscout24, beobachtet einen merklichen Anstieg von Stellengesuchen im Bereich regenerative Energien: „Arbeitsfelder im Zusammenhang mit Windenergie, Biomasse oder Biogas haben für Naturwissenschaftler, Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler an Attraktivität gewonnen." Angedeutet hatte sich diese Tendenz bereits bei einer Umfrage, die Rieg im Juni beim Berliner Marktforschungsinstitut metricareer in Auftrag gegeben hatte (siehe Grafik).

Doch ökologisches Bewusstein und Engagement ist keinesfalls nur auf akademische Berufe beschränkt. Gerlinde Peemüller vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit weiß: „Wer etwas für die Umwelt tun will, kann prinzipiell jedem Beruf nachgehen“. Die Beschäftigungsfelder für Umweltexperten mit und ohne Abitur sehen im Jahr 2002 allerdings ganz anders aus als noch vor einer Dekade. Der Anteil spezifischer Umweltberufe (vom Umweltberater über den -gutachter und den -betriebsprüfer bis zum -schutzbeauftragten) wird nach Einschätzung des IAB längerfristig kaum mehr als ein Prozent des Gesamtspektrums ausmachen. Weitaus größere Zukunftsperspektiven haben nach Überzeugung von Insidern wie Martin Jänicke vom Sachverständigenrat für Umweltfragen (siehe Interview) Fachleute nahezu jeder Disziplin, die sich profundes Zusatzwissen angegeignet haben. Das Umweltbundesamt (UBA) sieht es genauso. Nach Berechnungen des DIW hängen inzwischen rund 1,4 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland mehr oder weniger vom Umweltschutz ab. Vor zehn Jahren waren es erst 680 000 Beschäftigte.

Zwei Drittel der hinzu gekommenen Jobs ordnet das UBA den Dienstleistungen zu. Tatsache ist: Das Alternative Branchenbuch ( www.alternativmarkt.de ) führt bereits über 140 000 Bezugsquellen für Umweltprodukte und -dienstleistungen auf, und die Stellenbörse greenjobs.de hat zwar noch klassische grüne Jobs – etwa für Gemüsegärtner oder Forstwirte – im Angebot. Die meisten Offerten aber gibt es inzwischen in Management und Planung sowie auch im Bereich Erziehung und Medien.

Die Bedeutung klassischer, nachsorgender Berufe dagegen nimmt deutlich ab: Abfallbeseitigung oder Altlastensanierung beschäftigen derzeit rund 180 000 Menschen. Doch die Jobs in diesen Branchen verlieren an Gewicht gegenüber Tätigkeitsfeldern, die mit der Produktion, der Vermarktung oder dem Einsatz regenerativer Energieträger oder ökologischer Werkstoffe zu tun haben. Einer der Gründe: Immer mehr Unternehmen müssen internationale Standards erfüllen. Die Rotoren von Windkraftanlagen beispielsweise brauchen eine spezielle Beschichtung, die nur von eigens dafür ausgebildeten Lamierern aufgebracht werden kann. Auch das Know-how von Kunststoffformgebern und Fräsern ist gefragt. So kommt es, dass mittlerweile rund 35 000 Beschäftigte allein durch die CO2-freien Stromproduzenten in Lohn und Brot stehen. Bis zum Jahr 2010 sollen es noch mindestens 20 000 mehr werden.

Vergleichbare Zuwachsraten verzeichnen auch Berufe rund ums ökologische Bauen, den ökologischen Landbau und im Verkehrsbereich. Eine Studie des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) ergab bei einem schrittweisen Umstieg auf Bus und Bahn 338 000 neue Stellen. Der Wermutstropfen: die Automobilindustrie verliert in diesem Szenario 130 000 Arbeitsplätze. (Foto: dpa)

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