Zeitung Heute : GRÜNE VOR DER WAHL: Dorian Gray und Joschka Fischer

BERND ULRICH

Dorian Gray war ein gebildeter, gutaussehender Dandy, dem die Gunst zuteil wurde, äußerlich nicht zu altern. Statt dessen alterte sein Porträt, ein Gemälde, das er unter dem Dach verborgen hielt. Auch Dorian Grays Charakter zeichnete sich nicht in seinem Gesicht ab, sondern machte nur sein Bildnis immer unansehnlicher. Davon erzählt ein Roman von Oscar Wilde. So weit zur Literatur.

Ähnlich verläuft auch die Geschichte von Joschka Fischer und den Grünen. Während Fischer immer größer, besser und - nach den Maßstäben politischer Ästhetik - auch immer schöner wird, wirkt sein Bildnis, die Grünen, immer kleiner, mittelmäßiger und bürokratischer. Fischer ist attraktiv, weil er sich von seiner Vergangenheit abstößt. Und die Grünen sind dieses Abgestoßene.

Nur der Dorian-Gray-Effekt kann erklären, warum die Grünen vor der Europa-Wahl Angst haben. Eigentlich müßten die Aussichten der Partei glänzend sein: Ihr Zugpferd Fischer ist derzeit der beliebteste Politiker der Republik. Die deutsche Regierung hat in ihrer EU-Präsidentschaft ordentliche Arbeit geleistet und beim Berliner Gipfel die schwierige Agrarfrage leidlich über die Bühne gebracht. Kanzler und Vize-Kanzler bewährten sich im europäischen Krieg gegen Milosevic. Kann sich eine Partei für eine Europa-Wahl mehr wünschen?

Früher haben die Grünen immer den Fehler gemacht, zwischen sich und ihrem besten Mann eine so große Distanz zu legen, daß sie vom Fischer-Bonus bei Wahlen kaum profitierten. Regelmäßig, so klagte Fischer, wurden ihm auf Parteitagen Abfuhren erteilt. Doch auch das hat sich seit dem Bielefelder Parteitag geändert. Dort errang Fischer eine beeindruckende Mehrheit für seine Kosovo-Politik. Auch von den Plakaten sieht man ihn längst herunterlächeln. Das alles müßte reichen, um bei der Europa-Wahl wieder zweistellig zu werden. Doch wenn man grüne Politiker nach ihren Hoffungen für den Wahl-Sonntag fragt, dann antworten sie, sie würden gern über die Fünf-Prozent-Hürde kommen. Sie sind gewarnt: In ihrer Hochburg Bremen hat die Partei am letzten Sonntag gegen eine große Koalition netto über vierzig Prozent ihrer Stimmen verloren.

Offenkundig glauben die Grünen selbst nicht mehr, daß die Wähler zwischen ihnen und Fischer einen zwingenden Zusammenhang erkennen. Vielleicht spüren sie den Dorian-Gray-Effekt und sehen, wie sie verschatten, während sein Glanz zunimmt. Fischer selbst erklärt sich das Phänomen so, daß er als Außenminister eben keine grüne, sondern nur deutsche Außenpolitik betreiben könne. Doch gibt es überhaupt noch irgendeine Position, die originär grün ist und die Fischer ehrlichen Herzens vertreten könnte? Möglich ist es. Aber was ist es? Die Europa-Wahlen werden zeigen, wieviel Fischer seiner Partei noch nützt. Wenn es nicht so gut geht, dann geraten die Realpolitiker der Grünen in eine schwierige Lage. Denn bislang empfahlen sie bei Parteikrisen: mehr Fischer. Wenn aber noch mehr Fischer gar nicht geht, was empfehlen sie dann?

Dorian Gray ging übrigens eines Tages in sein Dachzimmer und sah sich sein verzerrtes Ebenbild an. Als er es nicht mehr aushalten konnte, nahm er ein Messer und stach in die verwunschene Leinwand. Fischer würde das nicht tun. Er würde aus dem Haus gehen und ein neues Leben anfangen. Möglicherweise in einer anderen Partei.

Vielleicht täuschen sich die Grünen in ihrem Pessimismus aber auch und der Friedens-Fischer zieht sie im letzten Moment wieder hoch bis nahe an die Zehn-Prozent-Marke. Dann wäre auch Dorian Gray doch bloß Literatur.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben