Zeitung Heute : Grüner geht’s immer

In Sachen E-Mobilität mischt Berlin ganz vorne mit. Erneuerbare Energien kommen aber noch zu wenig zum Einsatz

Allen anderen davonfahren. Mit dem „Aktionsprogramm Elektromobilität Berlin 2020“ will die Hauptstadtregion zum internationalen Schaufenster für die Zukunftstechnologie werden. Foto: Promo (Emo/Dirk Laessig)
Allen anderen davonfahren. Mit dem „Aktionsprogramm Elektromobilität Berlin 2020“ will die Hauptstadtregion zum internationalen...Foto: Laessig

Ob E-Mobilität, Ökostrom oder Passivhäuser: Nachhaltigkeit und saubere Energie sind in aller Munde – auch und vor allem in Berlin. Die Spree-Metropole will mit gutem Beispiel vorangehen, um für das neue Energiezeitalter gerüstet zu sein. Doch wird sie ihrem grünen Image bereits heute gerecht?

„Berlin steht in manchen Bereichen ganz gut da, in anderen nicht“, sagt Volker Quaschning, Professor für Umwelttechnik und Regenerative Energien an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Die Forschungs- und Bildungsstruktur sei relativ gut: angefangen beim Oberstufenzentrum TIEM in Spandau, wo Jugendliche in den Bereichen regenerative Energien und Energiemanagement ausgebildet werden, bis hin zu entsprechenden Studienangeboten – zum Beispiel an der HTW, der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR), der Technischen Universität, den Forschungseinrichtungen in Adlershof oder dem Helmholtz-Zentrum.

Wenn es um die tatsächliche Energieversorgung geht, sieht es dagegen eher düster aus. Im aktuellen Bundesländervergleich der Agentur für Erneuerbare Energien in Bezug auf die Nutzung und Herstellung regenerativer Energien belegt Berlin mit jeweils knapp zwei Prozent den letzten Platz. Zwar habe ein Stadtstaat nicht die Möglichkeiten eines Flächenstaates, um Energie aus Biomasse, Wind- oder Wasserkraft herzustellen, relativiert Quaschning das Ergebnis. Trotzdem sei das ganze auch „eine Frage des politischen Willens. Hier würde ich mir mehr Mut in Bezug auf Bauvorschriften und vor allem mehr Aufklärung wünschen.“ Im Bereich Photovoltaik sei das Potenzial etwa noch lange nicht ausgereizt. „Längst sind nicht auf allen öffentlichen Gebäuden Solaranlagen platziert. Und da, wo eine Anlage ist, weiß es kaum einer.“

Ganz ähnlich ist es im Bereich Wärme: 99 Prozent des Berliner Bedarfs werden mit fossilen Brennstoffen abgedeckt. „Das muss sich ändern“, sagt Ernst Huenges, Leiter des Bereichs Reservoirtechnologien am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam, der wie Volker Quaschning bei der heutigen Clean Tech Insights Konferenz auf dem früheren Flughafen Tempelhof zum Thema „Intelligente Großstadt-Energie“ spricht (siehe Kasten rechts). Zwar betreibt die BSR seit 2007 ein Blockheizkraftwerk mit Kraft- Wärme-Kopplung und liefert seit 2009 die alten Berliner Weihnachtsbäume an eine Biomasseheizungsanlage von Vattenfall. Auch gibt es in den Randbezirken einige erdgekoppelte Wärmepumpen. Doch gerade Solarthermie und Biomasse können flächenbedingt nur eingeschränkt zum Einsatz kommen.

Die Alternative könnte Geothermie heißen. „Das ist aber in Berlin noch nicht genügend erforscht“, so Huenges. Anhand der Ergebnisse eines Pilotprojekts in Groß Schönebeck vermutet der Geowissenschaftler allein unter dem früheren Flughafen Tempelhof in vier Kilometern Tiefe einen Wärmespeicher von rund 200 Terrawattstunden. „Berlin hat momentan einen Wärme- und Kälteenergieverbrauch von 35 Terrawattstunden pro Jahr“, erläutert er. „Wenn man künftig zwei Terrawattstunden pro Jahr aus diesem Speicher beziehen würde, hätte man hier für mindestens 200 Jahre Wärme im Winter und Kühlung im Sommer.“ Einziges Problem: Eine Probebohrung kostet gut 30 Millionen Euro. Angesichts der sexy, aber armen Stadt sei damit in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. „Die Gasag, die eine Geothermieanlage auf dem Gelände des ehemaligen Gasometers in Schöneberg plant, wäre aber dabei.“

Während Politik und Verwaltung noch um Lösungen ringen, wie bis 2020 40 Prozent CO2 gegenüber 1990 einzusparen sind, entscheiden sich immer mehr Haushalte für Ökostrom. Viele private Bauherren und Baugruppen planen ihre Häuser mit Strom und Wärme aus regenerativen Quellen. Die gesellschaftliche Akzeptanz für erneuerbare Energien in der Nachbarschaft liegt in Berlin bei 67 Prozent – was auch Projektentwickler animiert, nachhaltige Energiekonzepte umzusetzen.

In den Wohnanlagen von Diamona & Harnisch wird für die Wärme- und Stromversorgung zum Beispiel Erdwärme genutzt – „ ein wichtiges Kaufkriterium für unsere aufgeklärte Zielgruppe“, meint Geschäftsführer Alexander Harnisch. Im Fall der von D & H gebauten „Choriner Höfe“ wird der gesamte Wohnkomplex geothermisch geheizt und gekühlt. Aufs Jahr gesehen werden so 70 Prozent der Heizlast mit Erdwärme abgedeckt. „Das senkt die Betriebskosten im Vergleich zu herkömmlichen Heiz- und Kühlsystemen um etwa 70 Prozent und die CO2-Emission um 25 Prozent“, sagt Harnisch. Ein weiteres Beispiel ist das Unternehmen Agromex: In drei Wohnprojekten kombiniert es Solarthermie mit einer Pelletheizung. Pellets seien um 45 Prozent billiger als Heizöl und zudem regenerativ. Außerdem könne bis zu 65 Prozent des jährlichen Warmwasserbedarfs mit Sonnenenergie abgedeckt werden, sagt Agromex-Geschäftsführer Oliver Hirt.

Auch wenn hier vieles noch in den Anfängen steckt: In einer Disziplin hängt die Spree-Metropole alle anderen deutschen Städte mühelos ab. „Berlin ist die Hauptstadt der Elektromobilität“, sagt Gernot Lobenberg, Leiter der Agentur für Elektromobilität (Emo). „Wir haben die meisten Fahrzeuge und die größte Infrastruktur.“ Verschiedene Hersteller testen gemeinsam mit Stromanbietern Vorserienfahrzeuge in Flotten von 50 bis 100 Autos. „Ab 2018 können wir mit dem Anlaufen des Massenmarkts rechnen“, sagt Lobenberg und meint, dass der Einstieg ins E-Zeitalter mit Car-Sharing und Dienstwagenflotten beginnen wird. Dabei sieht er die Energie- und Verkehrswende als große Chance für Berlin. Die Stadt sei ein wunderbares Labor für neue Mobilität und könne die gesamte Wertschöpfungskette von der Entwicklung bis zur Anwendung von E-Autos und -Zweirädern ausschöpfen. „Berlin ist kein Autostandort wie München oder Stuttgart, genau das ist unsere Chance“, so Lobenberg. „Und weil Berlin eine coole Stadt ist, wollen alle Hersteller hier präsent sein.“

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