Zeitung Heute : Grüner Mann, was nun?

Der Tagesspiegel

Von Andreas Böhme, Freiburg

An diesem Abend zerbrechen zwei Karrieren. Zwei Bundestagsabgeordnete werden gekündigt – mit Frist bis zur Wahl im Herbst. Ob es den 50-jährigen Ex-Lehrer aus Tübingen trifft? Oder den einstigen Erzieher, 36, Sohn türkischer Eltern? Oder den 48-jährigen Oberschwaben mit dem abgebrochenen Jura­Studium? Winfried Hermann, Cem Özdemir, Oswald Metzger – zwei von ihnen werden ausgezählt, weil die Landesliste der baden-württembergischen Grünen gar nicht so viel aussichtsreiche Plätze hat wie prominente Kandidaten. Aber noch ist erst Samstagmittag. Da gibt man sich zuversichtlich.

Fängt ja auch alles gut an. Rasch kennt der Nominierungsparteitag eine erste Siegerin: Uschi Eid führt die Liste an, glatt nach dem ersten Wahlgang.

Uschi wer? Fragt man in Freiburgs Innenstadt Passanten nach der Staatssekretärin im Entwicklungshilfeministerium, gibt’s nur Kopfschütteln. Hier aber, nur einen Steinwurf vom gotischen Münster, im Karlsbau, den die Einheimischen wegen seiner Hässlichkeit Karlsklotz schimpfen, kennt jeder die Uschi. Jetzt strahlt sie sich der vierten Legislaturperiode entgegen.

So einfach hätte es Fritz Kuhn auch gerne gehabt. Als Parteichef darf man schließlich mit einem glatten Durchmarsch rechnen. Aber es kommt anders: Da ist nicht nur Oswald Metzgers überraschende Kampfkandidatur, da tritt plötzlich auch noch ein unbekannter linken Künstler aus Tübingen gegen ihn an. So ist das eben bei den Grünen: Da darf jeder ans Pult gehen und kandidieren. Natürlich wird der Sponti abgeschlagen, aber auch Metzger hat vergeblich den Rebellen gespielt. Ein knapper Sieg für Kuhn im ersten Wahlgang.

Draußen vor der Halle bezieht derweil die FDP Position. Jungliberale unter Frauenperücken bieten Asyl: „Bei uns haben auch Männer eine Chance.“ Das ist auf Metzger gemünzt. Der weiß ja, wie man eine Partei wechselt, war er doch vor den Grünen bei der SPD.

Nun wird’s wieder entspannter in Freiburg, denn es geht um Rang drei. Und ungerade Plätze sind bei den Grünen Frauenplätze. Birgitt Bender, Ex-Landtagsabgeordnete, schafft es ohne Probleme.

Nächste Runde, Männerrunde: Rezzo Schlauch gegen Winfried Hermann. Fraktionschef gegen Abweichler. Superrealo gegen linken Pazifisten. Der eine hält die Koalition beieinander, der andere hätte sie fast gesprengt. Der kleine Hermann wippt auf den Zehen, während er redet. Und er wächst mit jedem Åpplaus, verspricht schließlich, Sportpolitiker ist er auch noch, den Ball von der Basis nach vorn zu tragen, sagt Querpässe zu und beinhartes Spiel an der grünen Grundlinie. Im wirklichen Leben verspielt genau um diese Uhrzeit auch der SC Freiburg wichtige Punkte für die erste Liga.

Schlauch? Staatstragend, wie immer ein bisschen zu laut, schlägt er den weiten realpolitischen Bogen vom Käfigei zum Irak. Aber er ist nervös, kurzatmig. Doch die Ohrfeige bleibt aus, er holt gar eine Stimme mehr als Kuhn.

Doch da ist er, der Riss zwischen Realos und Linken: Hermann hat nur sieben Stimmen weniger. Ein schlechtes Ergebnis ist das gewiss nicht für einen, den die Realos am liebsten ganz von der Liste verbannen würden. Und mancher der 200 Delegierten, dessen Herz links schlägt, hat Schlauch auch nur aus purer Parteiräson gewählt. Man sieht das später.

Zwischenschnitt, ungerader Frauenplatz, Rang fünf. Er geht an Kerstin Andreae. Freiburgerin, flügellos, jung, deshalb Hoffnungsträgerin. Sie hat ihre Bewerbungsrede auswendig gelernt, wozu war man schließlich beim Schülertheater.

Jetzt erreicht die Spannung ihren Höhepunkt: Rang sechs. Letzter aussichtsreicher Männerplatz. Metzger zum zweiten, Hermann zum zweiten. Und Cem Özdemir. In die zweite Klasse wollten ihn seine Lehrer nicht versetzen, der Bub kehre ja doch zurück in die Türkei. „Und nun steh’ ich hier“, sagt er. Hält eine starke Rede wie keiner vor ihm. Die Kongress jubelt. Aufhören solle man mit der Parzellierung in links und rechts, die Grünen gemeinsam stärken, fordert der Realo, und prompt geht das im ersten Wahlgang schief. Özdemir, Metzger, Hermann liegen fast gleichauf. Da drängt Metzger zum Showdown.

Ist es Trotz? Egoismus? Selbstüberschätzung? Gar inszenierter politischer Selbstmord? Metzger will plötzlich von einer Realo-Absprache mit Özdemir nichts mehr wissen. Er zieht nicht wie geplant zugunsten des Stimmstärkeren zurück, sondern stürmt mit geschwellter Brust ans Mikrofon, verkündet seine Teilnahme am zweiten Wahlgang. Nein, um den achten Rang werde er nicht mehr streiten. Jetzt gilt es, jetzt oder nie. Der eigensinnige Oberschwabe will Fritz Kuhn ein zweites Mal auf die Füße treten, weil der Parteichef gerüchteweise Özdemir favorisiert. Der wiederum ist tief enttäuscht. Und Hermann wittert eine Chance.

Das Rennen macht: Özdemir. Metzger stürmt erneut vor, glaubt, gratulieren zu müssen, da sind ja auch die TV-Kameras. Der Sieger, schon auf der ersten Stufe zum Rednerpult, schaut für Sekundenbruchteile versonnen durch den Verlierer hindurch, als könnte er gar nicht glauben, was eben geschah. Tragik liegt in der Luft. Weil einer gescheitert ist, der seine Sachthemen beherrscht, aber das politische Einmaleins nicht. Oswald Metzger, Verwaltungsrat der Kreissparkasse Biberach, sucht ab heute einen neuen Job; Raum Oberschwaben bevorzugt.

Özdemir stößt im Foyer derweil mit badischem Sekt an. Hermann ist auf Platz acht nun nicht mehr zu verhindern. Rezzo Schlauch probiert es dennoch. In seiner schillernden Kellnerweste stürmt er durch den Regen direkt ins Lokal, wo Metzger gerade einen Imbiss nimmt. Doch nun verfängt keine Seelenmassage mehr, politisch tot ist eben tot, und den verkündeten Rücktritt aus der Bundespolitik dreht auch ein Rezzo Schlauch nicht binnen einer halben Stunde um. Andere, wie der angesehene Alt­Grüne Winfried Kretschmann, geben dem Druck der Realos, Hermann erneut zu blockieren, gleichfalls nicht nach. Hermann unterdessen kämpft. Mit sich selbst. Mit Unterstützern, die vom Weitermachen abraten. Mit Gegnern, die ihn nun unterstützen wollen. Mit seiner Frau, die vor hundertprozentigem Einsatz bei nur fünfzigprozentigen Chancen warnt. Platz acht ist eben nicht sicher, nicht nach den derzeitigen Umfragen. Verpasst Hermann den Wiedereinzug ins Parlament, hat er ein halbes Jahr für die Jobsuche vergeigt. Und wer verdient dann das Geld für die kleine Tochter? Andererseits: Gibt er auf, stünde die Grünen-Hochburg Tübingen ohne Kandidaten da.

Nach fast zwei Stunden Entscheidungsfindung wird man ungeduldig. „Ich kann da nicht dazwischengehen“, sagt ein Freund. Verständlich: Hermann umarmt seine Frau. Schweigend. Minutenlang. Dann ist klar: Er tritt noch mal an.

Und bekommt 135 Stimmen. Weit mehr, als alle Realo-Männer bekommen haben. Eine Niederlage für Schlauch und Kuhn? Der Parteichef lacht nur geschäftsmäßig und zieht mit seinem Männerfreund, dem Fraktionschef, zum Italiener. Essen. Strippenziehen. Und nachdenken darüber, ob der linke, ökologische, pazifistische Teil der Partei auf der neuen Liste nicht doch ein bisschen zu kurz gekommen ist.

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