Zeitung Heute : Grüner Tee gegen den Größenwahn

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Wie wir gerade noch mal normal geblieben sind

Von Moritz Rinke

KLOOOOSE! Die letzte Kolumne habe ich so begonnen: „KLOOOSE!“, also nur mit drei O. Jetzt aber habe ich ein weiteres Klose-O drangehängt und ich bin ja mal gespannt, wie eigentlich meine letzte WM-Kolumne beginnt.

„KLOOOOOOOOOSE"?, das hieße doch dann mindestens Finale, oder? Aber erstmal das: mein ganzer Charlottenburger Innenhof guckt Fußball, fast: Herr Remde, der Probleme mit den Augen hat, hört Info-Radio. Die alte Hausmeisterin, Frau Przskowa, 93 Jahre alt, hat ihr Fernsehgerät so laut aufgedreht, dass man durch ihren Lautsprecher quer durch den Innenhof bis in den 4. Stock hört, wie Metzelder in Ibaraki, nördlich von Tokio, den Ball von Robbie Keane gegen den Kopf geschossen bekommt. Die Kinder vom Kinderladen schießen in der Pause gegen die Tür vom Kinderladen, schreien dabei KLOOOOOOOOSE, und eben war eine helle Aufregung, weil ein Kind auch noch so jubeln wollte wie Klose und dann lag es wie Metzelder im Innenhof und der Kinderarzt musste kommen. Das sind so Tragödien. Vielleicht sollte ich jetzt auch mal Herrn von Pilchau im zweiten Stock darauf hinweisen, dass seit ungefähr 45 Minuten sein Teewasser kocht, zumindest ist meine Scheibe schon ganz beschlagen.

Das war ja ein schönes Bild: Herr von Pilchau saß im Wohnzimmer auf dem Teppich, vor ihm das Fußball-Sonderheft von „Kicker“ und er mit Filzstift am Rechnen: „Ich fürchte“, sagte er und setzte seinen Stift auf das Viertelfinalspiel in Ulsan, „ich fürchte, die Deutschen kommen sogar mit einem Sieg gegen Paraguay ins Viertelfinale!“ Dann haben Pilchau und ich noch grünen Tee zusammen getrunken, gewissermaßen auf die Iren, weil nichts schlimmer ist, als wenn hier morgen endgültig der Größenwahn ausbricht, meint auch Pilchau.

Zurück an meinem Schreibtisch. Es dröhnt wieder aus Remdes und Przskowas Fenster durch den Hof, die Schloßuhr zeigt 14 Uhr 55, und in Ibaraki wird es immer hektischer.

Um ein Haar hätte ich diese Kolumne aus deutscher Sicht auch KAAAAAHN widmen müssen. Soviel grünen Tee kann man gar nicht dagegen antrinken, wie Kahns Paraden uns gerade in den Größenwahn treiben. Das wird dann, sagte Pilchau noch, erst Brasilien im Viertelfinale richten. Da fällt der Ausgleich.

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