Zeitung Heute : Grünes Licht für Azubis

Berliner Wirtschaft blickt optimistisch in das neue Ausbildungsjahr. Manche Chefs halten die Krise für ein „Schreckgespenst“

Katja Gartz
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Eine heißer Tipp. Die Hotelbranche in der Hauptstadt läuft noch immer gut. Davon profitieren auch die Zulieferer. Foto: ddp

Für die Berliner Werbeagentur „A Vitamin“ sind Auszubildende selbstverständlich. Derzeit gehören zwei angehende Mediengestalter für Digital- und Printmedien sowie zwei zukünftige Kauffrauen für Marketingkommunikation zum Team. Da drei von ihnen ihre Ausbildung in diesem Jahr abschließen, sind neue Azubis willkommen – trotz Wirtschaftskrise. Davon lässt sich Geschäftsführer Sven Hänszke nämlich nicht abschrecken.

„Es gibt keine Krise in Berlin, sie ist nur ein Schreckgespenst“, sagt er. Henning Macard vom Verband Druck und Medien Berlin-Brandenburg sieht das ähnlich. Für den Modeberuf Mediengestalter gebe es in Berlin durch die vielen kleinen und mittelständischen Agenturen gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

Im vergangenen Jahr schlossen 220 angehende Mediengestalter einen Ausbildungsvertrag ab. Eine Ausbildung als Drucker und Siebdrucker beginnen jährlich im Schnitt etwa 60 und als Buchbinder etwa 40 Jugendliche in Berlin. Marcard geht davon aus, dass sich an diesen Zahlen wenig ändern wird. Er ermutigt Schulabgänger, sich in diesen Berufen zu bewerben. Denn den Unternehmen fehle es sogar an ausbildungsreifem Nachwuchs.

Positiv in das Lehrstellenjahr blickt auch Eleonore Bausch von der Industrie- und Handelskammer Berlin. „Noch ist die Wirtschaftskrise in der Hauptstadt nicht angekommen“, sagt die Leiterin der Abteilung Berufsausbildung. Dennoch geht sie davon aus, dass die Rekordzahlen des vergangenen Jahres nicht mehr erreicht werden. Schließlich hat es 2008 so viele betriebliche Ausbildungsplätze gegeben wie nie zuvor. Mit insgesamt 9953 Stellen gab es im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 1,5 Prozent. Besonders gestiegen sind die Ausbildungsplätze im Bereich Druck, Papier, Medien, in der Gastronomie und im Dienstleistungssektor. Einen Rückgang um 3,1 Prozent gab es bei den Büroberufen, im Handel waren es 0,4 Prozent weniger.

Da die Ausbildungen erst im September beginnen, sei es noch zu früh, um die Entwicklung in diesem Jahr absehen zu können. „Es gibt noch keine Signale aus den Betrieben, viele suchen ihre Azubis erst ein halbes Jahr vor Ausbildungsbeginn“, sagt Bausch.

Der Vizepräsident des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes betrachtet die Ausbildungssituation ebenfalls optimistisch. „Berlin profitiert stark vom Tourismus und von vielen großen Events, wie die Leichtathletikweltmeisterschaft und den Veranstaltungen anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Bundesrepublik“, sagt Klaus-Dieter Richter. Auch neue Hotels würden für mehr Ausbildungsplätze sorgen. In den nächsten zwei Jahren sollen 30 weitere Häuser die Bettenkapazität von 90 000 kräftig erhöhen.

Rund 6000 Auszubildende lernen aktuell Berufe in Hotellerie und Gastronomie. Zahlreiche Zulieferer – zum Beispiel für Lebensmittel – sowie Dienstleistungsbetriebe wie Wäschereien profitieren ebenfalls von der guten Branchensituation in Berlin.

Zusetzen könnte die Wirtschaftskrise dagegen den zuliefernden Betrieben im Elektro- und Metallhandwerk, die für die Industrie tätig sind. Laut Jürgen Witte, dem Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer, macht den Betrieben zusätzlich zur Krise der Fachkräftemangel zu schaffen. Die Ausbildungssituation in Berlin hält er daher weiterhin für stabil.

Witte zufolge könnten die Konjunkturpakete der Bundesregierung den Ausbildungsmarkt positiv beeinflussen, sollten die Investitionen in die öffentliche Infrastruktur fließen. So würden beispielsweise für Gebäudesanierungen Fachkräfte für Sanitär, Heizung und Klima sowie Elektroniker, Dachdecker, Maler und weitere Fachkräfte aus der Baubranche gebraucht.

Wenn ein Berliner Unternehmen unter einer rückläufigen Auftragslage leidet, sollten sich die Personalchefs nicht zu kurzfristigen Entscheidungen hinreißen lassen. Das meint zumindest der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke. Er kritisiert das irrationale Verhalten vieler Unternehmen. „Wenn die Konjunktur gut läuft, bilden sie mehr aus, läuft sie schlecht, schrauben sie die Plätze runter“, so der Experte.

Doch wer in schwachen Phasen wenig ausbilde, stehe in guten Zeiten schlecht da, weil es an Fachkräften mangele. Wirklich zu kämpfen hätten laut Brenke in Berlin ohnehin nur die Zulieferer der Exportwirtschaft. Alle anderen sollten ruhig Blut bewahren.

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