Zeitung Heute : Grundgefühl Campingplatz

„Alles miserabel“ – so beurteilt der ADAC den Rasthof Bad Bellingen. Haben die Tester Recht? Leider ja

Jochen Schmid[Bad Bellingen]

Bad Bellingen hat 3800 Einwohner, ist ein staatlich anerkannter Heilkurort und feiert dieses Jahr den 100. Geburtstag des Radsportvereins. „Eingebettet in die sanften Hügel des sonnigen Markgräflerlandes“, so die Eigenwerbung, führt es ein eher beschauliches Dasein nahe des Rheins und nahe der Autobahn A5 in Richtung Süden. Millionen Autofahrer werden den Ort, „wo Erholung zum Erlebnis wird“, deshalb kaum je zu Gesicht bekommen, zumal Bad Bellingen über keine eigene Autobahnausfahrt verfügt.

Was diese Millionen Autofahrer von Bad Bellingen kennen, ist höchstens eine Autobahnraststätte selbigen Namens, die letzte vor der Schweiz. Aber auch die sollten sie schleunigst hinter sich lassen, wenn es nach dem Urteil des ADAC geht, handelt es sich doch um „eine katastrophale Anlage“. Beim jüngsten Rastättentest des Verkehrsclubs belegte sie unter 60 europäischen Konkurrenten den allerletzten Platz – weil hier „alles mehr oder weniger miserabel“ sei. Das klingt harsch, das klingt geradezu vernichtend, das will genauer betrachtet sein.

Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Autobahnraststätten für mehr als einen Nothalt taugen sollen. Tanken, austreten, vielleicht noch einen Kaffee in sich hineinschütten, das war einmal. Heute muss es einen Kinderspielplatz geben, das Volk möchte zur Auffrischung des Reiseproviants gleich einen ganzen Supermarkt vorfinden, und ein Salatbuffet und frisch gepresste Obstsäfte sind bei den Versorgungsleistungen Mindeststandard. Nur in Bad Bellingen ist alles ganz anders.

Bei der Anfahrt auf Bad Bellingen-West nähert man sich einem Container-Leichtbau, mit vielen quietschbunten Langnese-Sonnenschirmen und Plastik-Gestühl davor. Die Sanitärabteilung links hat ein (offenes) Fenster zum Parkplatz, hinter dem der Toilettenwart das Rüschengardinchen zurückgeschoben hat und der Kundschaft freudig lächelnd entgegensieht. Das vermittelt ein Grundgefühl von Campingplatz. Innen ist alles quadratisch, praktisch, abwaschbar eingerichtet, mit Kunstblumen auf den Resopal-Tischchen und der unvermeidlichen Maggi-Gewürz-Garnitur. Immerhin: ein paar Kinderstühlchen gibt es. An der Wand hängt Kunst aus der OBI-Dekor-Abteilung, auch hier sind die Gardinen gerüscht. Die farbigen Leuchtturm-Stilisierungen vor den Fenstern irritieren allerdings ein bisschen, weil Leuchttürme in dieser Landschaft eher untypisch sind. Hier drinnen herrscht der Wohlfühlwert eines Vereinsheims.

Dem entspricht das sehr kompakte Speisenangebot. Das „Frühaufstücker-Angebot“ für 4,95 Euro mit zwei halben belegten Brötchen, Orangensaft und Kaffee soviel reingeht ist zwar opulent. Daneben aber schwitzt an diesem noch jungen Morgen das Rührei mit Schinken, Gemüse, Frikadelle (100 Gramm ein Euro) vor sich hin. Immerhin, der Preis stimmt. Ansonsten lässt sich in Bad Bellingen-West der gesamte Standard vom Hackbällchen „nach Zigeuner Art“ mit Pommes (5,95 Euro) bis hin zum „Badischen Wurstsalat garniert (2,4,11)“ für 6,40 Euro abrufen; dazu passt ein Spätburgunder Weißherbst aus der Region. Das ist gerade mal Imbiss-Standard. Die Bedienungen freilich sind außerordentlich freundlich und bekommen, wenn man sie auf den schrecklichen ADAC-Test anspricht, den ganz traurigen Blick. Nur sagen dürfen sie nichts, das hat man ihnen verboten.

Noch eins irritiert: die zahllosen Hinweise auf Warnwesten, die seit über einem Jahr auf einer Reise nach Italien mitgeführt werden müssen und die man im Mini-Verkaufsshop in der Ecke erstehen kann, um 30 Euro Bußgeld in Italien zu vermeiden. Die Warnwesten baumeln sogar von der Decke, und wer aufs Klo geht, wird überm Pissoir auf den präventiven Einkauf von Warnwesten, aber auch von Kaminöfen eingeschworen. Die sanitären Anlagen sehen freilich so marode aus, dass man Männer mit Warnwesten davor stellen sollte, um die Autofahrer mit dringenden Geschäften in die Schweiz durchzuwinken. Die Spülung ist nicht sehr kräftig, unter den Waschbecken ist der Putz mit Plastikfolie verklebt, die Tür zur Männertoilette ist mit einem Holzscheit am Boden vor dem Zuklappen gesichert, und an Behinderte ist hier schon gar nicht gedacht.

Schließlich: der Bereich hinter der Raststätte. Wieder die Plastik-Gartenstühle und -tische, Geranien in großen Steinkästen, die an Grabstättenbau erinnern, rechts surrt das riesige Kühlaggregat unermüdlich vor sich hin. Links der Drahtverhau mit dem Maßen fünf mal fünf Meter zur Linken könnte als Pitbull-Zwinger durchgehen, ist aber nur die Absperrung für eine unterirdische Heizungsanlage, wie es auf Nachfrage heißt. Hier wird es regelrecht ungemütlich. Und hier beginnt man die ADAC-Tester wirklich zu verstehen, mit ihnen zu leiden und als beste Meldung über Bellingen-West zu verbreiten, dass es nicht auch noch ein Bellingen-Ost gibt.

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