Zeitung Heute : Grundkurs Deutschland

Fast klang es wie eine alte Hindu-Weisheit, als er sagte: „Alles Leben ist Probleme lösen.“ Horst Köhler ist in Berlin auf Vorstellungstour. Ein Unbekannter macht sich bekannt – bei den Parteien und dem Volk, dessen Oberhaupt er bald sein könnte. Und dabei hat er noch allerlei zu lernen.

Robert von Rimscha

Irgendwer will irgendwas wissen. Horst Köhler zögert und lächelt freundlich, halb bleibt er stehen. Guido Westerwelle ist da resoluter. „Nein, wir machen keine Fragen!“, sagt der FDP-Chef energisch und schiebt seinen Präsidentschaftskandidaten an den Kameras und den Mikrofonen vorbei.

Immer schön der Reihe nach. Der Mann, der von außen kommt, hat sich am Sonntag der Union vorgestellt. Jetzt ist Montag. Jetzt sind die Liberalen dran. Der Bundesvorstand wartet. Das Volk kommt später.

Diese Rückkehr des Horst Köhler nach Deutschland ist einmalig. Noch nie hat es einen Präsidentschaftskandidaten gegeben, der erst über den Atlantik zu seinem zukünftigen Volk fliegen muss. Fünfeinhalb Jahre lang hat Köhler zunächst in London und dann in Washington gelebt. Sein Internationaler Währungsfonds (IWF) liegt kaum 300 Meter vom Weißen Haus entfernt. Die elitäre große Schwester der riesigen Weltbank ist eine mächtige Institution, doch auf den Straßen Washingtons war Horst Köhler trotzdem ein Nobody. Kaum mal sprach ihn jemand an. Keine Kameras warteten auf ihn. Das Leben war geordnet. Tohuwabohu gab es nur, wenn Staaten in Schuldenkrisen stürzten und Staatschefs zum Aushandeln von Kreditkonditionen kamen.

Harsche Urteile

Seine Erstbeobachter in Deutschland loben Köhler dieser Tage oft als „unprätentiös“ oder „auffällig bescheiden“. Einer sagt, der Ex-IWF-Chef sei ein „zurückhaltender Mensch, der weiß, was er will“. Seine Art, der auf den ersten Blick nichts Steifes oder Staatstragendes anhaftet, kann aber auch Probleme bescheren. Als die Türkei ihre Schuldenkrise durchlitt, kam eine hochrangige Delegation zu Köhler nach Washington. Beim Smalltalk vor den Verhandlungen fragte Köhler ganz unbefangen den neben ihm stehenden türkischen Botschafter: „Und, was denken Sie, soll ich denen das Geld geben?“ In der offiziellen Delegation Ankaras kam das gar nicht gut an.

Heute sprechen IWF-Mitarbeiter mit Deutschland-Kenntnis sarkastisch von einer „Win-win-Situation“: Der Währungsfonds gewinne, weil Köhler weg sei. Und die Bundesrepublik, weil der Mensch im Bellevue ja ohnedies wenig zu sagen habe. Einer aus der Führung des IWF fasst seinen Eindruck von Köhler in zwei Worten zusammen: „arrogante Mittelmäßigkeit“. Das sind harsche Urteile. Die härtesten über Köhler sind es nicht. Doch es sind stets die Meinungen von Insidern, die ihn aus einer Perspektive kennen, die den Deutschen bislang verborgen bleibt.

Seit Horst Köhler am Wochenende in Frankfurt gelandet ist, hat sich vieles geändert. Nach Berlin, in die Hauptstadt jenes Landes, das er nun repräsentieren soll, ist er mit dem Zug gefahren. Zweiter Klasse, ohne Reservierung. Planbar war dieser Schritt in ein neues Leben schließlich nicht. Da ließ sich nichts reservieren.

Wo wohnt so ein Spontan-Heimkehrer? In Berlin versucht er, sich vorläufig im Hotel heimisch einzurichten. Er freut sich auf die Kneipenkultur; die habe er in Washington vermisst, sagt er. Am Sonntag ging er zu Fuß die paar hundert Meter hinüber ins Konrad-Adenauer-Haus, wo er sich der Union präsentierte. Das Zu-Fuß-Gehen ist wohl ein Teil jenes Projekts, das einer seiner Berater so beschreibt: „Er muss sich erst mal einlesen.“ Er muss Deutschland erfahren. Da hilft jeder Eindruck. Und sei es die sinnliche Erfahrung eines knappen Fußmarsches durch das spätwinterliche Berlin.

Denn den deutsch-amerikanischen Streit über den Irakkrieg oder die Reformdebatte, die bekommt man im Ausland mit. Aber Namen wie Martin Hohmann oder Michel Friedman, Ärgernisse wie Praxisgebühr, Mahnmalstreit oder Ronald Schill – da muss, wer jahrelang im Ausland lebte, erst Witterung aufnehmen.

So erklärt Köhler dem liberalen Bundesvorstand, bei der Zuwanderung müsse er sich zunächst auf den aktuellen Stand der Debatte bringen. Warum hier seit vier Jahren ergebnislos gerungen wird – in allen Details kann er das nicht wissen. Aber an seiner Grundüberzeugung, dass Deutschland eine moderne Ausländerpolitik brauche, lässt Köhler keinen Zweifel. Vor der FDP sagt Köhler auch, bei der Wiedervereinigung sei einiges schief gelaufen. Psychologisch, indem eine Situation eintreten konnte, in der die Ostdeutschen sich kolonialisiert fühlten. Ökonomische Patzer fallen ihm ebenfalls ein. Das werden die Kohl-Getreuen in der Union nicht gern hören.

Etlichen Konservativen quer durch die Parteien dürfte eine andere Haltung nicht zusagen, die Köhler vorbereitet. In der Gentechnik legt er sich noch nicht fest, aber er deutet doch an, dass Deutschland den Anschluss nicht verpassen dürfe. Und er argumentiert, wie ein Mann mit seiner Biografie zu argumentieren hat. Eine Frage nach Ethik und Klonen beantwortet er mit einer Szene aus einem Gespräch, das er mit Südkoreas Präsidenten hatte. So steckt er gedanklich überall und zugleich zwischen allen Welten.

Und es fehlt ihm alles. Ein Büro. Ein Stab an Zuarbeitern. Ein Pressesprecher. Ein Apparat. Im Adenauer-Haus bereiten sie einen Schreibtisch für ihn vor, Menschen aus der CDU nehmen ihn unter ihre Fittiche. Die Interviewanfragen sind der erste dicke Stapel Papier, der sich im künftigen Köhler-Büro rasant aufgehäuft hat. „So hoch!“, sagt der Zuständige. Und seine rechte Hand fährt fast einen halben Meter hoch.

Zwangsläufig hat Köhler in Berlin noch keine Bodenhaftung. Wie sollte er auch, nach zwei Tagen. Dieses Schweben zwischen den Welten erklärt vielleicht die jungenhafte Unsicherheit, die immer mitschwingt, wenn er freundliche Sätze mit leicht schwäbischem Einschlag spricht – Ludwigsburg war die zweite Heimat des Flüchtlingskindes. Die, die ihn kennen, warnen davor, die Unbefangenheit misszuverstehen: „Der lässt sich nicht verbiegen, der wird auch unbequeme Sachen sagen, unbequem mal für diese, mal für jene.“ Dieses Prinzip probt Köhler bereits. Ja zu Gerhard Schröders Agenda 2010 – aber sie reiche bei weitem nicht.

Im silbergrauen Audi fährt er am Montagmittag leicht verspätet vor der Zentrale der Liberalen vor. „Herzlich willkommen bei der FDP!“, sagt Westerwelle. Bevor er Köhler dann in seinen Bundesvorstand mitnimmt, zeichnet der FDP-Chef das Bild, dessen Umrisse den ersten Eindruck der Deutschen von ihrem wahrscheinlichen künftigen Oberrepräsentanten prägen. Man werde Einschätzungen diskutieren über jene Veränderungen, die Deutschland braucht, sagt Westerwelle. Und er preist die internationale Erfahrung des Mannes, den er immer „Professor Köhler“ nennt. Köhler schluckt mehrfach, sieht sich im Foyer des Thomas-Dehler-Hauses um, blickt in die Kameras, schaut Westerwelle an. Der sagt: „Wir freuen uns auf einen guten Bundespräsidenten!“ Da lächelt Köhler und sucht Blickkontakt; er lächelt mit geschlossenen Lippen.

Und wieder muss er reden. Wieder erste Sätze von sich geben, von denen er weiß, wie schwer sie wiegen können. Er muss einen Eindruck hinterlassen, vielleicht auch Eindruck machen. Er weiß, wie der später zurückgezogene Unions-Kandidat Heitmann sich um Kopf und Kragen redete. Er weiß, wie der später hochverehrte Unions-Kandidat Herzog mit improvisierten Freundlichkeiten heftige Debatten auslöste.

„Ich danke für das Vorschuss-Vertrauen“, sagt Köhler. Ja, er werde schon sagen, was er denke. „Aber ich will auch zuhören. Der FDP und den Bürgern Deutschlands.“ Von den „großen Problemen“ der Republik spricht er, vom Mut, der nötig sei. Dann kommt ein kurzer Satz, den man als pragmatische Bürokraten-Regel für die Pinnwand oder als pure Philosophie verstehen kann: „Alles Leben ist Probleme lösen.“

Die „Kollegen“ von der FDP

Wem er seine Ernennung zum Kandidaten verdankt, weiß Köhler. Deshalb taucht am Sonntag vor der Union das „christliche Menschenbild“ in seinen Bemerkungen auf. Deshalb sagt der Protestant, der kein regelmäßiger Kirchgänger ist, am Montag vor den Freidemokraten: „Im Liberalismus haben wir geistige Wurzeln, die hilfreich und sehr produktiv sein können.“ Wobei? Beim Projekt, Deutschland voranzubringen. Das Land verliere an Einfluss, sagt er, und das sei nicht gut, weil auf der ganzen Welt niemand auf die Deutschen warte. Die FDP klatscht begeistert.

Von jenen Spitzenliberalen, die ihn mit auf den Schild hoben, spricht Köhler als „Kollegen“. Das wird aufhören, wenn er denn am 23.Mai gewählt werden sollte. Dass es noch längst nicht so weit ist, kleidet Köhler in nette Bescheidenheitsgesten. Das Ergebnis der Abstimmung in der Bundesversammlung „bleibt abzuwarten“, sagt er. Und: „Ich mache keinen Wahlkampf!“ Denn das ist noch eine Front, an der „Horst Wer?“, wie ihn „Bild“ nannte, arbeiten muss. „Merkels Präsident“, hat der „Spiegel“ geantwortet. Er muss nach Deutschland kommen. Er muss sich den Deutschen vorstellen. Und er muss die Erinnerung an drei Tage verblassen lassen, die vielen als politisches Schmierentheater erschienen.

Heute geht die Vorstellungsrunde in den Bundestags-Fraktionen weiter. Horst Köhler wird sich erneut vortasten, sich einlesen, wird zuhören, dabei Richtungen andeuten. Und er wird wieder und wieder einen Punkt machen, der die erste große Grundüberzeugung spiegelt, die der Kandidat hat. Mehr als viele andere kennt er die Armen der Erde, die Dritte Welt, vor allem Afrika. Und den Optimismus der Menschen dort. Bei Problemen, gegenüber denen die der Deutschen verblassen. Das sagt er immer wieder.

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