Zeitung Heute : Grundschüler im Test: Lesen und Mathe verstehen - Kultusminister wollen Versäumnisse aufholen

Uwe Schlicht

Endlich wollen die deutschen Kultusminister nachholen, was sie vor Jahren versäumt hatten: Tests in der Grundschule. 29 Länder hatten sich den Untersuchungen der OECD über die Schülerleistungen in Mathematik und Naturwissenschaften angeschlossen, die unter dem Stichwort TIMSS organisiert worden waren. Die Ergebnisse waren für jene Länder besonders aufschlussreich, die sich nicht erst über die Kenntnisse der Schüler in der Mittelstufe und Oberstufe aufklären ließen, sondern bereits über das Wissen und Verständnis in der Grundschule. Die Deutschen glaubten, auf die Grundschultests verzichten zu können.

Das Ergebnis ist bekannt. Als in der Mittelstufe und Oberstufe erkennbar wurde, dass Versäumnisse in Mathematik und Naturwissenschaften nicht etwa ausgeglichen werden, sondern sich potenzieren, war es bereits zu spät. Das Sprichwort hatte sich wieder einmal bewahrheitet: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Deutschland war schockiert über das nur durchschnittliche Abschneiden seiner Schüler im Vergleich zu den Spitzenwerten der Asiaten oder Skandinavier. Rechtzeitige Erkenntnisse über die Zusammenhänge hätten ein solches Desaster vielleicht verhindern können.

Nun wird vom Jahr 2001 an nachgebessert. Den deutschen Schulen steht eine weitere Testserie bevor. Diesmal an den Grundschulen, die im allgemeinen bis zur vierten Klasse dauern und nur in Berlin und Brandenburg bis zu sechsten Klasse reichen. Beginnend mit dem Jahr 2001 soll in mehr als dreißig Ländern repräsentativ an den Grundschulen das Leseverständnis in der vierten Jahrgangsstufe untersucht werden. Die Untersuchung läuft unter der englischen Abkürzung "PIRLS". Im Rahmen der internationalen Testserie PIRLS sollen pro Land mindestens 150 Schulen mit je zwei Schulklassen getestet werden. Die ersten Ergebnisse der Tests werden 2002 vorliegen. Für das Jahr 2004 wird eine tiefergehende Analyse erwartet.

Deutschland erweitert die Tests

Die Kultusminister in Deutschland wollen nun mit relativ geringem Mehraufwand diese Untersuchung auf die bisher fehlende Studie zum Verständnis von Mathematik- und Naturwissenschaften erweitern. Die TIMS-Studien hatten ergeben, dass beträchtliche Teile der deutschen Schüler in den siebten und achten Klassen der Mittelstufe noch auf dem Leistungsniveau der Grundschule stehen geblieben waren. Damit stellte sich die Frage, wie sich die internationalen Unterschiede des Leistungsniveaus im Verlauf der Schulzeit verstärken. Die TIMS-Studien haben gezeigt, wie wichtig es ist, die Lernentwicklung systematisch über die gesamte Schulzeit zu betrachten. Erst dann kann man zu Aussagen kommen, die aus einem Zusammenhang heraus zu interpretieren sind. Die Wissenschaftler, die die neue Untersuchung vorbereitet haben, sagen selbst: "Über den Stand an Wissen und Verständnis, der an deutschen Grundschulen generell und speziell im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich erzielt wird, wissen wir wenig."

Gerade von einer Verbindung der Lesetests mit dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Verständnis versprechen sich die Wissenschaftler aufschlussreiche Erkenntnisse. Erst aus den Wechselbeziehungen lässt sich nämlich ermitteln, wie sich grundlegende Kompetenzen in der Grundschule entwickeln.

Die Fragebögen werden so abgefasst, dass sie Hinweise darauf geben, wie Unterschiede in den Leistungsniveaus von Klassen oder Schulen zu erklären sind. Ziel ist es nicht, dabei zu einem Vergleich der 16 Länder in Deutschland zu kommen und damit eine Auseinandersetzung zu fördern, ob die Schulpolitik der CDU oder der SPD die bessere ist, obwohl die PIRLS-Studie alle Bundesländer erfasst. Die Pädagogen wollen vielmehr erfahren, mit welcher Motivation die Grundschüler an das Lesen herangehen, ob sie aus dem Test auch Informationen entnehmen und ihn soweit verstehen, dass sie aus dem Gelesenen Schlüsse ziehen können. Schließlich soll alles in einer persönlichen Bewertung des Schüler münden: "Was kannst Du mit den Informationen anfangen?"

Vom Verstehen bis zur Bewertung

Der Test wird in einem Teil auf ein ziemlich rasches Verstehen des Textes abgestellt. Der Schüler soll die Kernaussage der Geschichte erkennen. Dazu müssen Informationen identifiziert werden, Zeit und Ort der Geschichte sind anzugeben, neue Ideen herauszufiltern. Die Wissenschaftler, die PIRLS vorbereiten, gehen bei der Definition der Aufgaben davon aus, dass gute Leser die Schlussfolgerungen nahezu automatisch ziehen können. Dem Grundverständnis sind 30 Prozent aller Fragen gewidmet.

Die nächsten 30 Prozent stellen schon höhere Anforderungen: Da sollen Schüler die allgemeine Botschaft des Textes erfassen, eine Alternative zu den Handlungen der Akteure überlegen, die Informationen aus dem Text mit eigenem Vorwissen vergleichen und mit Hilfe des Textes die reale Welt interpretieren.

20 Prozent der Fragen zielen auf das Beurteilen von Inhalt und Sprache ab: Dabei soll der Charakter der handelnden Personen bewertet werden. Vergleiche zu anderen Ideen sind zu ziehen. Vom Verstehen eines Textes auf dieser Ebene zeugt es, wenn die Schüler sich von dem gelesenen Inhalt distanzieren können. Das geschieht, wenn sie entweder aus einer sehr persönlichen Perspektive oder aus einem objektiven Blickwinkel den Text auf Glaubwürdigkeit oder Wichtigkeit hin untersuchen. Sie müssen einschätzen, ob die gelesene Geschichte tatsächlich stattfinden könnte, ob die vermittelten Informationen verständlich und klar wiedergegeben worden sind und aus welchem Blickwinkel der Autor ein zentrales Thema beschreibt.

Außerdem sollen die Rahmenbedingungen des Unterrichts ermittelt werden. Eine Befragung der Eltern, Lehrer und Schulleiter dient der Abrundung der Tests. Denn dann geht es um so zentrale Probleme: Wie viel Zeit bringen die Schüler in der Schule und der Freizeit mit dem Lesen zu? Wie häufig wird überhaupt nach dem Schulunterricht gelesen? Man möchte den Zusammenhängen zwischen Lesengewohnheit und Leseverständnis auf die Spur kommen.

In die PIRLS-Untersuchung wird auch das passive Verständnis der englischen Sprache einbezogen. Das kann nach Schätzungen erst ein Drittel der Schüler betreffen, da die eher spielerische Einführung in die englische Sprache von der dritten Klasse an in Deutschland noch in den Anfängen steckt. Entsprechend groß ist auch die Unsicherheit der Lehrer. Nur eins ist gewiss: Die frühere Überbewertung der Grammatik tritt allgemein im Englisch-Unterricht der Sekundarstufen hinter landeskundlichen Kenntnissen und der Sprachfähigkeit zurück. Es geht um die Begegnung mit einer anderen Kultur - sprachliche Fehler werden als Bestandteil des Lernprozesses gewertet. Aber wie bereitet die Grundschule angemessen darauf vor? Genau das wollen die Tester erfahren.

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