Zeitung Heute : Gruß aus der Küche

Ich könnte jetzt von nicht so lange zurückliegenden Zeiten erzählen, aber da ist die Erinnerung seltsam ungenau. Von den Neunzigern zum Beispiel, als ich mit den heranwachsenden Kindern im großen Saal die Blockbuster guckte und vorher die ganz doll berühmte Lasershow. Oder von den Achtzigern, ich war Lokalredakteur und stapfte abends nach dem Dienst durch den Schneematsch, schnell noch ein, zwei Berlinale-Filme sehen, hier oder lieber noch im Delphi in der Kantstraße.

Und in den Siebzigern gab es – man musste durch einen Seiteneingangsstöpsel hinein in diese überdimensionale Fernsehtruhe namens Zoo Palast – das legendäre Minilux mit seinen legendär absteigenden Sitzreihen. Nur seine legendär hochklassigeren Programmtitel weiß ich gerade nicht mehr.

Ganz genau aber erinnere ich mich, noch früher, an einen schönen Nachmittag im Mai. Zum Geburtstag hatte ich mir, es war während meiner sehr kurzen Karl-May-Phase, von meiner Mutter den „Schatz im Silbersee“ gewünscht. Es gab nur ein Problem: Der Film war ab zwölf. Wir standen an der irgendwie sehr hohen, gläsernen Kasse im lichtdurchfluteten Foyer, und der großgewachsene Kassierer dröhnte mit glasklarer Bademeister-Stimme: „Der Junge ist doch noch nicht zwölf!“ Und ich, kleinlaut und zur Wahrheitsliebe erzogen: „Ich bin zehn!“ Und meine Mutter: „Aber er hat doch heute Geburtstag.“ Und der Bademeister: „Ja, da könn’ wa nischt machen.“

Zur Entschädigung ging es dann in die „Terrassen am Zoo“, die es heute nicht mehr gibt, das Bahnhofsrestaurant auf der halben Treppe zum Fernbahnsteig, Sie wissen schon, mit diesem traumhaften Blick auf den Hardenbergplatz. Es gab Königsberger Klopse mit Kartoffelbrei oder Hühnerfrikassee mit Reis, eins von beiden sehr wahrscheinlich; aber ganz bestimmt gab es nachher ein riesiges Eis für das Geburtstagskind.

Das hatte die Küche spendiert, einfach so, nachdem meine Mutter dem Kellner von unserem Missgeschick erzählt hatte. Ja, so war es. Ja, genau so kann es nur gewesen sein.

Was von meinem zehnten Geburtstag übrig blieb? Ein leicht gespanntes Verhältnis zu diesem ganz doll berühmten Kino namens Zoo Palast, ein etwas gespannteres zum „Schatz im Silbersee“ und, mittelfristig, ein denn doch noch entspannteres zum Leben. Nicht jeder Wunsch erfüllt sich, lernte ich. Aber manches andere. Und das ist doch auch schon mal was. Jan Schulz-Ojala

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