Zeitung Heute : Guantanamo im Gepäck

Der Chef der US-Militärgefängnisse im Irak heißt jetzt Geoffrey Miller

Volker Skierka

Eigentlich kann man sich den Mann überhaupt nicht als Leiter eines Hochsicherheitsgefängnisses vorstellen. Generalmajor Geoffrey Miller ist sympathisch, eloquent, humorvoll, ruhig, geduldig. Und vor allem auffallend freundlich. Auftritte nach dem Muster seines bulligen obersten Vorgesetzten Donald Rumsfeld, der es liebt, andere in seiner grimmig-zynischen Art vor den Kopf zu stoßen, sind bei ihm unvorstellbar. Vielleicht beantwortet das wenigstens teilweise die Frage, weshalb der US-Verteidigungsminister und seine Generäle ausgerechnet den bisherigen Kommandanten des weltweit umstrittenen amerikanischen Gefangenenlagers auf dem US-Flottenstützpunkt Guantanamo-Bay auf Kuba zum Chef der US-Militärgefängnisse im Irak ernannt haben.

Auf den ersten Blick wirkt die Entscheidung wie eine weitere Gedankenlosigkeit in der Fehlerkette der amerikanischen Irakpolitik. Denn die Bedingungen, unter denen mehr als 600 mutmaßliche Terroristen auf Guantanamo in Isolationshaft gehalten werden, sind fast so umstritten, wie die jetzt in die Schlagzeilen gekommenen Haftbedingungen und die entwürdigende Behandlung von irakischen Gefangenen in Abu Ghraib. Auf Kuba wie im Irak werden die Feinde Amerikas – oder jedenfalls die des US-Militärs – in Isolationshaft gehalten. Hier wie dort verbüßen die Insassen keine Strafen und sollen auch nicht umerzogen werden, sie sind dem amerikanischen Geheimdienst ausgeliefert: Sie sollen sagen, was sie wissen.

Doch obwohl vieles gegen ihn spricht, vermag der Mittfünfziger Miller, Vertrauen aufzubauen. In persönlichen Gesprächen gibt er auch auf kritischste Fragen höflich und ohne die Stimme zu heben Antwort. Seine Härte blitzt allenfalls dann auf, wenn ihn jemand unterbricht und er sein Gegenüber mit einem Anflug von Eiseskälte zurechtweist. Dann wird schnell deutlich: Dieser mittelgroße, durchtrainierte Soldat ist ein kompaktes Bündel aus Loyalität, Disziplin und eisernem Willen. Er versteht sich als verlässliches Glied „im globalen Krieg gegen den Terror“.

Miller scheint tatsächlich eine Art „Troubleshooter“ für seine Vorgesetzten zu sein. So wirkt jedenfalls der Lebenslauf des aus Texas stammenden Armeegenerals. 1971 erwarb er an der University of Ohio den Bachelor of Science in Geschichte, studierte an der University of Southern California und ging Mitte der 70er Jahre zur Armee. Er diente auch in Deutschland und immer wieder in Korea. Er ist nirgendwo sehr lange geblieben, hatte aber stets Schlüsselpositionen inne. Dabei zeichnet ihn aus, dass er offenbar gut mit Menschen umgehen kann. Für die politisch korrekte Gesinnung sorgte ein Schulungsaufenthalt am rechtsgerichteten, der Bush-Familie nahe stehenden Brookings Institute.

So überrascht es nicht, dass er, kaum in Bagdad angekommen, in ganzer Ergebenheit das tat, was die Weltöffentlichkeit eigentlich von seinen Vorgesetzten erwartete: Er entschuldigte sich „für unsere Nation und unser Militär“, für das, „was eine kleine Gruppe von Soldaten“ mit ihren Misshandlungen von Gefangenen angerichtet hat. Miller ist ein Mann, der durchaus glaubwürdig erscheint, wenn er so etwas sagt. Und wenn er ankündigt, er werde die Haftbedingungen und Verhörmethoden ändern, so ist zu vermuten, dass er an seine Guantanamo-Erfahrungen anknüpft. Dort beteuerte er vor wenigen Monaten, dass er seinen Wachmannschaften vor allem eines befohlen habe – auch unter härtesten Haftbedingungen Respekt vor der kulturellen Andersartigkeit der Häftlinge zu haben.

Doch soweit geht der Respekt nicht, dass die Gefangenen menschenwürdig untergebracht werden. Auf Guantanamo sitzen sie in Drahtgitterkäfigen, die jede Intimität unmöglich machen. Binnen zwei Jahren gab es rund 35 Selbstmordversuche. Und es gab und gibt auch Vorwürfe, es sei auf Guantanamo in Millers Amtszeit gefoltert worden. Einige der rund 100 Häftlinge, die bisher entlassen wurden, haben hinterher von Misshandlungen durch Angehörige der 2200 Männer und Frauen zählenden Task-Force berichtet. Im Januar dazu von Journalisten in seinem Büro in Guantanamo befragt, bestritt General Miller ruhig lächelnd, dass es Schlafentzug oder andere entwürdigende Behandlungen gebe. Und in der Tatsache, dass die amerikanische Demokratie ihren Gefangenen auf Guantanamo keinen Besuch von Angehörigen oder Anwälten gestattet, sieht er keine Verletzung der Menschenrechte.

Miller glaubt, Diener eines höheren Ziels zu sein: „Wir inhaftieren hier illegale feindliche Kämpfer, die des Terrorismus oder der Unterstützung des Terrorismus verdächtig sind. Die Befragung durch die Geheimdienste dient dem Sammeln strategischer, taktischer und operativer Informationen zur Bekämpfung des Terrorismus und vor allem der Aufdeckung der Finanzierung des Terrorismus.“ Zu denen, die auf Guantanamo ein- und ausgehen, gehören Vertreter europäischer Geheimdienste, übrigens auch des deutschen Bundesnachrichtendienstes.

Dass Miller auch menschliche Züge hat, wurde deutlich, als er das erste Mal im Zusammenhang mit dem globalen Krieg gegen den Terror weltweit in die Schlagzeilen geriet. Das war, als er im vorigen August seinem Verteidigungsminister und seinem obersten Befehlshaber, dem US-Präsidenten George W. Bush widersprach, weiterhin drei Kinder in Guantanamo festzuhalten. Doch Rumsfeld und Bush wollten monatelang davon nichts wissen. Erst Ende Januar kamen die Kinder frei.

Vielleicht wurde Generalmajor Miller gerade rechtzeitig auf den neuen Posten im Irak berufen. Denn derzeit verhandelt der oberste Gerichtshof in Washington darüber, ob der „rechtlose“ Zustand auf Guantanamo überhaupt rechtens sein kann.

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