Zeitung Heute : „Günter Grass sagte, setz dich, ich diktiere …“

... aber da war er bei Carola Stern an der falschen Adresse. Die hat in einer Männerwelt Karriere gemacht und mit Feministinnen gestritten.

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Frau Stern, Sie sind eine Pionierin. Sie haben in den 70er Jahren als erste Frau im deutschen Fernsehen einen Kommentar gesprochen und waren bekannt für Ihre polarisierenden Meinungen.

Einmal habe ich sogar eine Morddrohung bekommen. Das war sonntags, beim Internationalen Frühschoppen. Ich plädierte für die Entspannungspolitik. Als die Kamera aus war, kam der Portier und sagte: Frau Stern, eben hat ein Mann angerufen. Wenn Sie rauskommen aus dem Funkhaus, werden Sie umgelegt, erschossen.

Jetzt lachen Sie. Damals auch?

Nein, ich war bestürzt. Ich bin dann mit einem Kollegen rausgegangen. Na schön, wie Sie sehen, habe ich überlebt.

Sie saßen immer heftig rauchend in dieser Männerrunde der ARD. Das tat eine Dame eigentlich nicht.

Keine Ahnung, das war mir auch egal. Ich qualmte überall, 40 Zigaretten am Tag. Als ich Werner Höfer kennen lernte …

… der 35 Jahre lang den Frühschoppen moderierte …

…war ich noch Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch. Wir hatten einen politischen Streit, da sagte er zu mir: „Ich gebe Ihnen einen Rat. Fahren Sie mal vier Wochen nach Italien und nehmen sich jeden Abend einen jungen Italiener.“

Und?

Ich antwortete: „Ich habe schon geahnt, dass Ihr Niveau nicht hoch ist. Dass es so niedrig ist, wusste ich nicht.“ So war das, ist gerade mal 30 Jahre her. Ich war ja als Journalistin auf jedem Parteitag und vielen Empfängen. Wenn ich da mein kleines Schwarzes trug, kamen die Männer und warfen mir ihre Mäntel über den Arm. Die hielten mich selbstverständlich für die Garderobenfrau!

Als Sie in der ARD kommentieren durften – dachten Sie: Jetzt sind die Frauen ein Stück weiter?

Nein, ich dachte eher: Ich habe es geschafft. Das war auch die Meinung der Feministinnen. Die militanten Mitstreiterinnen von Alice Schwarzer standen mir fast feindselig gegenüber.

Warum?

Ich galt als Alibifrau. Es hieß: Es gibt immer eine, die zeigen die Männer vor. Und die hat sich den Männern angepasst, sonst bekäme sie diesen Job nicht. So eine gehört nicht in unsere Front.

Sie haben zum Thema Emanzipation Anfang der 70er mal eine Sendung moderiert. Das Studiopublikum sah aus wie beim Hippietreffen. Sie dagegen waren eine etablierte Frau im Kostüm, ein ganz anderes Milieu. Im Jahr 1968, als andere auf die Straße gingen und von freier Liebe redeten, haben Sie geheiratet.

Von mir aus kann jemand so lange Haare haben, wie er will. Ich hatte schon damals nichts dagegen, wenn jemand lesbisch oder schwul ist. Aber als die Frauen mit nacktem Busen in Gerichtssäle und Kirchen stürmten – das ging zu weit. Ich fand, man darf die Menschen nicht provozieren. Dann schlagen sie zurück.

Vielleicht waren Sie einfach spießig.

Überhaupt nicht. Ich war nur überzeugt, dass das nichts bringt. Hass auf Männer? Mir war diese Haltung der Feministinnen ein Rätsel. Wissen Sie, ich bin im Matriarchat aufgewachsen.

Frau Stern, wir sitzen auf der Insel Usedom, hier sind Sie geboren. Matriarchate gibt es bei den Tuareg oder einer Volksgruppe auf Sumatra…

…und ich komme aus einer pommerschen Fischerfamilie. Bei uns hatten die Männer nichts zu sagen. Mein Vater war vor meiner Geburt gestorben. Und überhaupt war das so auf Usedom: Die Männer machten die schwere körperliche Arbeit, sie fuhren mit dem Kutter Fische fangen. Die Frauen gingen nach Swinemünde auf den Markt und verkauften sie. Dazu mussten sie reden können, mit Kunden umgehen. Ich war daran gewöhnt, dass Frauen bestimmen und Männer schweigen. Im Berufsleben kam es mir dann komisch vor, dass die Männer bestimmen wollten.

Heide Simonis, die erste Frau im Amt eines Ministerpräsidenten , hat mal gesagt, sie komme sich vor „wie die Petersilie auf der männlichen Fleischplatte“. Haben Sie das auch so empfunden?

Nein, ich habe mich sogar ganz wohl gefühlt, solange ich da alleine war. Als später andere Frauen dazukamen, dachte ich zuerst: Oh, jetzt wirst du verdrängt aus deiner Einzigartigkeit.

Es gab 1971 die spektakuläre Aktion auf dem Titel des „Stern“. Mehr als 300 Frauen bekannten: „Ich habe abgetrieben.“ Alice Schwarzer hatte das eingefädelt, und Sie haben mitgemacht.

Voller Überzeugung! Weil ich sehr unter meiner Abtreibung gelitten habe. Außerdem war ich damals fast mit Alice Schwarzer befreundet. Sie kam als junge Journalistin mit immer neuen Vorschlägen zu mir in den WDR. Wenn ich mit ihr redete, geriet ich in ihren Sog. Alles, was an den Männern auszusetzen war, auch an meinem, ließ ich bei ihr raus. Irgendwann kam sie in mein Büro und fragte, ob ich mit dabei bin gegen den Paragraphen 218.

Wusste sie von Ihrem Leben?

Nein. Es war einfach klar: Jede Frau in meinem Alter hatte mal abgetrieben. Ich wollte nur wissen, wie viele mitmachen. Wenn es bloß drei oder vier gewesen wären, hätte ich ein wenig Angst gehabt.

Wovor?

Vor einer Anklage.

Auch vor moralischer Verurteilung?

Überhaupt nicht. Als sie sagte, es sollen 300 Frauen werden, habe ich mitgemacht.

Im Nachhinein: Hatten die Feministinnen nicht doch ein bisschen Recht?

Oh ja. Bei Grillparzer steht der Satz „Überspanntheit ist die Geburtshelferin alles Neuen“. Es geht nicht ohne Übertreibung, das habe ich erst später begriffen. So ging es mir auch mit der feministischen Parole: Frauen haben ein Recht auf persönliches Glück, auch im Bett.

Kinder oder Karriere...

...das war für mich eine ganz große Frage. Ich hatte das Gefühl, beides geht nicht. Und ich war so glücklich im WDR, dass ich lieber auf Kinder verzichtet habe.

Sie wollten aufsteigen, Karriere machen.

Nie. Ich habe kein Verhältnis zur Macht, ich kann sie nicht ausüben. Ich wollte nur jederzeit kommentieren können und nicht sagen müssen: Geht nicht, zu Hause schreit das Baby.

Hat Ihnen eine eigene Familie irgendwann gefehlt?

Nein.

Wie reagierten die Männer auf Sie?

Sie sagten: Die versteht was von Politik, die traut sich was, aber sie ist keine richtige Frau. Mein Mann nannte mich bisweilen „Carlchen Maulaufreißer“.

Intelligente und ehrgeizige Frauen machen Angst?

Eine Tante hat mir mal geraten: Mädchen, stell dich ein bisschen dümmer, Männer mögen das. Und ein Freund meines Mannes sagte ihm: Mit so einer Frau würde ich sterben. Das wäre mir zu unheimlich.

Warum?

Es war ihm wohl fremd, dass ich den Gesprächen nicht still zugehört habe. Diese Geschlechtertrennung gab’s für mich nicht. Ich bin auch eine große Anhängerin von Androgynität. Ich mag Männer, die etwas Weibliches haben, und ich selbst finde, dass ich etwas Männliches habe. Dazu muss ich sagen, dass meine Mutter sehr liebevoll war, aber überhaupt nicht zärtlich. In den Arm genommen werden, geküsst – so etwas habe ich als Kind nie erfahren, erst später, mit meinen Liebhabern. Ich wäre selbst gern zärtlicher gewesen.

Das haben Sie nie mehr gelernt?

Nein. Mein Verhältnis zu Männern ist freundschaftlich, darin bin ich gut.

Sie haben mit Günter Grass und Heinrich Böll die Zeitschrift L 76 gegründet…

…und fühlte mich wirklich geehrt, aber auch etwas beklommen. Ich dachte, lass dich bloß nicht unterbuttern. Wir trafen uns dann, um einen programmatischen Text zu schreiben, und Grass sagte: „Setz dich mal hin, ich diktiere…“ Ich setzte mich an die Schreibmaschine, dachte, wieso bin ich hier die Sekretärin, und stand auf: „Das kannst du selber machen.“ Da hat er sich hingesetzt.

Vermutlich wenig begeistert.

Ich bin eine Hutnärrin, er sagte: „Du hast einen schönen Hut.“ Darauf ich: „Du bist so dünn geworden, du siehst noch jünger aus.“ Dann war alles gut.

Grass selbst hat sich mal beschwert, Sie hätten seine Komplimente nicht zu schätzen gewusst.

Ja? Ich muss gestehen, dass meine Courage ihm gegenüber ziemlich versagt hat. Er ist einer der wenigen Menschen, mit dem ich nicht streiten mag.

Aus Ehrfurcht vor dem großen Namen?

Vielleicht auch das. Mehr noch, weil er immer so eine feste Meinung hat.

Sie haben oft gesagt, dass Sie sich hässlich fanden. Sie beneideten Ihre Freundin um deren Geschmack.

Ich wäre gern attraktiver gewesen. Aber wenn ich mir ein schönes Kleid kaufen will und es passt wieder nichts, weil ich unten so dick bin und obenrum viel dünner, dann denke ich: Mensch, jetzt stehe ich hier schon 20 Minuten, das ist mir zu blöd.

Alles Koketterie. Auf den alten Fotos sehen Sie doch bezaubernd aus.

Ach, die sind alle geschönt. Mein Leben lang habe ich darunter gelitten, nicht umworben zu werden. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht flirten kann.

Warum?

Es fehlte weibliches Selbstbewusstsein.

In den Tagebüchern von Max Frisch gibt es die Frage: Hätten Sie Ihr eigener Mann sein mögen?

Ich denke, ja. Auch wenn ich nicht immer sehr rücksichtsvoll war. Wenn Heinemann samstags vormittags anrief und fragte „Carola, kommst du heute zum Kaffee?“, dann bin ich hin. Statt zu sagen, ich bringe Heinz mit, wir kommen zu zweit.

Glauben Sie, er wäre gerne mitgegangen?

Das weiß ich nicht. Er hat sein eigenes Leben geführt. Ich sehe ihn vor mir als weisen, alten Mann. Die letzten Jahre mit ihm kommen mir noch vor wie das Paradies. Was ich bewundert habe: Er saß stundenlang am Schlachtensee und guckte auf das Wasser, und dann brachte er ein wunderschönes Ahornblatt mit und legte es mir auf den Schreibtisch. Er hatte Fähigkeit zur Muße. Er hat das in den Gefängnisjahren gelernt. Die Nazis steckten ihn nach Bautzen, weil er Kommunist war. Und Walter Ulbricht steckte ihn nach Bautzen, weil er immer noch Kommunist war, aber kein Stalinist.

Muße – die haben Sie nicht.

Wenn ich einen Tag nicht an einem Buch geschrieben habe, habe ich gleich schlechte Laune. Ich hatte nie Zeit, müßig zu werden. Ich habe das nicht gelernt. Jetzt im Alter ist das furchtbar. Ich rate Ihnen, fangen Sie beizeiten damit an.

Frau Stern, Sie waren ein begeistertes BDM-Mädel. Was an den Nazis hat Sie so mitgerissen?

Ich war sieben, als Hitler an die Macht kam. Für ihn als Person konnte ich mich nie erwärmen. Er bellte so. Und er verwechselte ständig „als“ und „wie“. Ich fand, ein Führer sollte das nicht machen.

Haben Sie Hitler persönlich erlebt?

Ein Mal, in Stettin. Ich stand in der ersten Reihe. Er sah aus wie ein Sparkassenangestellter. Auch das war enttäuschend.

Was war es dann? Die Inszenierung?

Vor allem der Nationalismus. Wir sangen: „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“ Das Reich bedeutete mir sehr viel.

Zur Ideologie gehörte auch der Antisemitismus.

Als ich 13 war, brannte in Swinemünde die Synagoge. Da liefen wir nach der Schule hin und gafften. Ich kann mich nicht an ein Gran von Erschütterung erinnern. Wenn ausgemergelte russische Kriegsgefangene vorbeikamen, holten wir noch nicht mal ein Stück Brot aus dem Haus. Dieser Mangel an Mitgefühl ist mir bis heute unerklärlich geblieben.

Sie sind so aufgewachsen: Das sind keine Menschen.

Ja, und darum muss man alles tun, um diese Feindbilder zu verhindern. Wenn man nicht mehr den Menschen sieht, ist es zu spät.

Sie haben bis 1951 in der DDR für einen US–Geheimdienst als Spionin gearbeitet, Sie sind nach Ihrer Enttarnung in den Westen geflüchtet und…

Ach, hören Sie doch damit auf!

Seltsam. Bei diesem Thema werden Sie kiebig, aber über Ihre Nazibegeisterung reden Sie ganz offen.

Fast alle Menschen meiner Generation waren Nazis. Und es ist ja ein Unterschied, ob Sie einem Massenwahn verfallen sind – oder ob Sie ihre Tat alleine verantworten müssen.

Frau Stern, Sie sind eine große Anhängerin und Mitglied der Sozialdemokraten. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie den Zustand der SPD heute betrachten?

Ich vermag die Politik von Rot-Grün nicht zu verbinden mit sozialdemokratischen Werten. Ich sehe bei diesem Kanzler zu wenig Überzeugung. Dabei verstehe ich ja, wie schwierig es heute ist, Politik zu machen. Wir müssen die Reichen mehr rannehmen, die Konzerne, aber dann hauen die ab, nach Sizilien oder nach Asien. Und dann sind wieder Tausende Leute arbeitslos.

Könnten Sie sich vorstellen, noch mal auf die Straße zu gehen?

Ja. Ich verstehe die Unsicherheit der Menschen. Ich bin für die Demonstrationen, auch wenn ich wünschte, sie hätten sich nicht den Montag ausgesucht. Aber fragen Sie mich nicht zu Hartz IV. Ich habe zeitlebens Stammtischparolen gehasst und werde keine von mir geben. Ich muss mich entscheiden, mache ich mich schlau über Kopfpauschalen oder schreibe ich mein Buch über Gründgens und die Hoppe fertig. Die Entscheidung fällt mir leicht. Schreiben ist mein Glück.

Gucken Sie nicht Sabine Christiansen, Maybrit Illner, Sandra Maischberger – Ihre Nachfolgerinnen?

Ich weiß nicht, wer die Damen sind. Ich sehe nicht fern, weil ich das ewige Politikergeschwätz nicht ertrage. Ich schaue mir nur die Tagesthemen an.

Was die Politik angeht, klingen Sie desillusioniert, fast traurig.

Ja, was dachten Sie? Ich habe gesehen, der Kommunismus klappt nicht. Und der Demokratische Sozialismus – meine große Hoffnung – auch nicht. Am Ende des Lebens, wenn man denkt, jetzt ist es Zeit zu sterben, sehe ich auf dieses Land und weiß keine politische Alternative. Das beschwert mich sehr. Aber wir dürfen nicht aufgeben.

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