Zeitung Heute : Güteabwägung

Unicef Deutschland wird das DZI-Spendensiegel aberkannt. Was sind die Gründe und was die Folgen für das Kinderhilfswerk?

Tobias Fleischmann Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

Jetzt ist es wirklich weg: Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hat Unicef Deutschland am Dienstag das Spendensiegel entzogen und damit die „absolute Notbremse gezogen“, wie Geschäftsführer Burkhard Wilke sagte. 1995 hatte das Kinderhilfswerk die Auszeichnung für seriöse Spendenorganisationen zum ersten Mal erhalten – und seitdem jedes Jahr wiederbekommen.

Die Verantwortlichen bei Unicef waren konsterniert. Am Dienstagnachmittag hatte ihnen Wilke die schlechte Nachricht persönlich überbracht. Dass der DZI-Chef gleichzeitig mitteilte, er werde weiterhin öffentlich darauf hinweisen, dass es bei Unicef keine allgemeine Verschwendung geben, freute sie zwar, linderte den Schmerz aber nicht wirklich. „Das ist eine Katastrophe“, antworten fast alle, die nach und nach eingeweiht werden. Seit Wochen lesen sie beinahe täglich, dass es Verschwendung in ihren Reihen geben soll. Dennoch hat sie in all den Tagen die Hoffnung aufrechterhalten, dass man ihre Arbeit in der Republik trotz allem schätzt. Sie haben in vielen Gesprächen immer wieder darauf verwiesen, dass sie das Spendensiegel tragen und haben sich auch auf das Urteil der Wirtschaftsprüfer von KPMG gestützt, die ebenfalls keine Hinweise auf persönliche Bereicherung gefunden hatten.

Das DZI wirft Unicef vor, seine Auskünfte seien mangelhaft gewesen und die Organisation habe mit der Zahlung von Provisionen gegen die Standards des Spendensiegels verstoßen. Ende November vergangenen Jahres hatten die Siegelexperten begonnen, Unicef Deutschland einer intensiven Prüfung zu unterziehen. Das Ergebnis: Das Kinderhilfswerk habe „seit 2005 wahrheitswidrig behauptet, keine Provisionen für die Vermittlung von Spenden zu bezahlen“. Von 2004 bis 2007 seien jedoch drei professionelle Spendenwerber tätig gewesen und verschwiegen worden. Ein Fundraiser habe für die Vermittlung einer Großspende von 500 000 Euro des Konzerns Lidl eine Provision über 30 000 Euro erhalten. Dies verstoße auch gegen den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und der Sparsamkeit. Trotz mehrfacher Nachfragen habe Unicef nicht belegen können, dass zwischen der Vergütung und der Zahlung der Spende ein sachlicher Zusammenhang besteht.

Das DZI kritisierte, dass die Antworten von Unicef im Rahmen der Nachprüfung „zum Teil eher zur Verschleierung“ als zur Aufklärung beigetragen hätten. Unicef-Sprecherin Helga Kuhn räumte ein, es sei „ein schwerer Fehler“ gewesen, das DZI nicht von Anfang an klar informiert zu haben. Das Siegel müsse nun von allen Briefköpfen und Broschüren entfernt werden. Von der Homepage sei es bereits heruntergenommen worden.

Mit dem Verlust des Siegels habe man nicht gerechnet, sagte der Unicef-Interimsvorsitzende Reinhard Schlagintweit: „Dieses Urteil trifft uns hart.“ Schlagintweit hat den Vorsitz vorübergehend inne, nachdem die frühere Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis, von ihrem Amt als Vorsitzende zurückgetreten war – wegen der Differenzen mit Geschäftsführer Dietrich Garlichs. Nachdem dieser zunächst nur „Fehler“ eingeräumt hatte, stellte auch Garlichs sein Amt ein paar Tage später zur Verfügung. Seine Arbeit für Unicef war vor allem durch Schlampereien und mangelnde finanzielle Transparenz in die Schlagzeilen geraten. Garlichs übernahm bei seinem Rücktritt die „volle Verantwortung“ für den entstandenen Vertrauensschaden. Denn rund 20 000 Dauerspender sind seit dem Beginn der Krise abgesprungen - auch wenn der Verlust des Vertrauenssiegels nicht der Verlust der Gemeinnützigkeit bedeutet. Der neuerliche Antrag für das Gütezeichen ist erst nach Ablauf eines vollständigen Geschäftsjahres möglich. Da 2008 jedoch schon begonnen hat, muss erst das Jahr 2009 vollständig vorüber sein. Um dann das Siegel zu erhalten, muss nach Einschätzung des DZI „die Management- Leitungs- und Aufsichtsstruktur von Unicef Deutschland durchgreifend verbessert werden, damit sich derartige Fehler nicht wiederholen“.

In der Kölner Unicef-Zentrale hat man nach dem Schock inzwischen die Sprache wiedergefunden. „Die Entscheidung soll Anlass sein, mit allen Kräften an die Reformen unserer Arbeit und unserer Strukturen zu gehen", gab sich Schlagintweit optimistisch. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG hatten Unicef schon aufgeschrieben, was sie alles verbessern müssen. Am 10. April wollen sie jetzt einen neuen Vorstand wählen, der muss die Vorschläge der Experten umsetzen. Für Burkhart Wilke ein erstes positives Signal: „Ich hoffe, dass sie die Stunde der Wahrheit bei Unicef nutzen.“

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