Zeitung Heute : Guggenheim-Museum: E-Commerce: Kein Fremdwort für US-Museen

Bernhard Schulz

Fast könnte man meinen, das World Wide Web sei das direkte Vorbild: Der weltumspannende Museumsverbund, den das New Yorker Guggenheim-Museum zu Beginn des Jahres mit der Eremitage in St. Petersburg, dem ZKM in Karlsruhe und dem Kunsthistorischen Museum sowie der Grafischen Sammlung Albertina in Wien besiegelt hat, nimmt immer deutlichere Züge an, auch und gerade im virtuellen Raum des Internets. Vor wenigen Tagen kündigte Guggenheim-Chef Thomas Krens in der Peggy-Guggenheim-Sammlung in Venedig den Start der Internet-Präsenz unter der Online-Adresse www.guggenheim.com für den 10. September mit den gewohnt selbstbewussten Worten an, dieser Internet-Auftritt werde "neue Standards für Gehalt im Bereich der bildenden und der darstellenden Künste im Netz setzen". Unter einer einzigen Adresse werde es einen "bislang nicht erreichten Strom digitaler Information zu allen Bereichen der Kultur" geben.

Museen gehen online, das ist inzwischen ein normaler Vorgang, auch wenn die Realisierung hinter den hoch gespannten Erwartungen bisweilen zurückbleibt. Doch Guggenheim will auch hier die führende Rolle übernehmen. So, wie unter dem Dach der Guggenheim-Stiftung längst nicht mehr allein das ursprüngliche Museum in New York betrieben wird, sondern ein Filialbetrieb mit Dependancen in Venedig, Bilbao und Berlin sowie einem Ableger für zeitgenössische Kunst im südlichen Manhattan, so greift auch die künftige Netzadresse weltweit aus. Zum Beispiel mit dem "Cultural Navigator": Unter diesem Menüpunkt sollen in einem beständig ausgebauten arts calendar Veranstaltungstermine rund um den Globus angekündigt werden, zu sichten sowohl nach Terminen wie nach Orten. Beispielsweise Berlin: Ein "Flug" über die neue Stadtmitte zwischen Potsdamer Platz und Reichstag macht neugierig auf das Geschehen an der Spree. Nicht allein nackte Termine werden also geboten, sondern die Möglichkeiten des Mediums ausgeschöpft, um Ort und Ereignis anschaulich zu machen.

Zugleich aber - und da wird die ökonomische Dimension des Guggenheim-Vorhabens deutlich - werden "Reiseprogramme" vorgeschlagen - und zur Buchung per Mausklick angeboten. Wer sich also von der Ankündigung einer Ausstellung im Terminkalender anregen lässt, den betreffenden Ort zu besuchen, kann sich eine Kulturreise maßschneidern lassen. Der enorme Markt des Kulturtourismus, wie ihn gerade das Guggenheim mit seiner Filiale in Bilbao so sicht- und zählbar angekurbelt hat, könnte mit dem Angebot der neuen Webseite zielgenau erschlossen werden. Die Refinanzierung der gemeinsam mit drei kapitalkräftigen Internet-Investmentfirmen ins Leben gerufenen Guggenheim-Webseite soll mittelfristig durch Erträge aus dem E-Commerce erfolgen, der natürlich auch das bekannte Merchandising-Angebot abdecken wird.

Für die Gestaltung hat sich www.guggenheim.com der Dienste von Hani Rashid versichert, der - selbst vielfach mit Preisen ausgezeichnet - seit 1995 das Advanced Digital Design program der Architekturfakultät der New Yorker Columbia-Universität mitentwickelt. Die jetzt in Venedig vorgestellten Seiten zeigen die Multimedia-Qualitäten des Projekts: Audio, Video, atmosphärische Untermalungen und Links in jede denkbare Richtung. Das lässt für den Kernbereich der neuen Website, die Präsentation der Aktivitäten des Museumsverbundes, einiges erwarten: So sollen bereits im Laufe des ersten Betriebsjahres rund 200 Ausstellungen ins Netz gestellt werden, mit all ihren Objekten, aber auch den Katalogtexten einschließlich ganzer Essays. Die Objekte - als Pilotausstellung wurde die Motorrad-Schau des New Yorker Guggenheim-Stammhauses gewählt - erlauben Rundumbetrachtungen, aber ebenso Detailvergrößerungen in bemerkenswerter Auflösung. Die "Nahbetrachtung" am Bildschirm tritt in Konkurrenz zum Besuch des tatsächlichen Werks.

Und das Erlebnis einer für die Netzpräsentation aufbereiteten Ausstellung bildet eine Alternative zum Durchwandern der tatsächlichen Ausstellung nicht als Ersatz für das reale Erlebnis, sondern weil es Aspekte einschließt, die die tatsächliche Ausstellung gar nicht bieten kann: Insbesondere der historische Kontext eines Kunstwerkes kann eindrucksvoll dargestellt werden und durchbricht die Beschränkung, der sich eine Ausstellung notwendigerweise immer auferlegen muss. Allenfalls die großen kulturhistorischen Ausstellungen, die das Pariser Centre Pompidou Ende der siebziger Jahre populär machte, wie "Paris - Berlin" oder "Paris - Moskau" - können als Vorstadium der Möglichkeiten des Internet gelten, wie sie jetzt an Hand der - in der Berliner Guggenheim-Filiale gezeigten - Ausstellung "Amazonen der Avantgarde" über Künstlerinnen der russisch-frühsowjetischen Avantgarde zu sehen waren.

Noch nicht entschieden ist, ob für den virtuellen Besuch aktueller Ausstellungen eine pay-per-view-Gebühr entrichtet werden muss, um unerwünschte Substitutionseffekte zu vermeiden. Schließlich werden für "reale" Ausstellungen Eintrittsgelder von bis zu 20 Mark erhoben. Vergangene Ausstellungen - bereits nach zwei Jahren sollen mindestens 500 Ausstellungen vorrätig sein - werden in jedem Fall gebührenfrei genutzt werden können.

Die "Definitionsmacht" auf dem Gebiet der Kunst, die zu erringen dem Guggenheim schon lange als strategisches Ziel nachgesagt wird, gewinnt Konturen. Auf welche Kunst und welche Kulturereignisse sich das Interesse der Kulturkonsumenten richten wird, liegt zukünftig in einem noch gar nicht abzuschätzenden Maße in der Hand des New Yorker Museumskonzerns.

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