Zeitung Heute : Guido Knopps neue ZDF-Reihe

Susanne Schormann

Guido Knopp hat sich mit seinen historischen Fernsehreihen über den Nationalsozialismus längst einen Namen gemacht. In den letzten Jahren stellte er die NS-Geschichte packend und zugleich anschaulich in seinen Dokumentationen dar: "Hitler - eine Bilanz", "Hitlers Helfer" und "Hitlers Krieger". Knopps neue Dokumentationsreihe heißt "Hitlers Kinder" und beschäftigt sich in fünf Teilen mit der Jugend im Nazireich. "Nie zuvor in der deutschen Geschichte wurde eine Generation so totalitär vereinnahmt, umworben und missbraucht", sagt Knopp. Kinder waren eine leichte Beute. Man lockte sie mit dem Versprechen, etwas Besonderes zu sein. Wie raffiniert die Nazis vorgingen und wie fatal sich ihre menschenverachtende Ideologie auswirkte, begreift man erst, wenn man Zeitzeugen anhört - Menschen, die damals noch Kinder waren. Über 1000 Menschen befragte das Fernsehteam für diese Reihe. Viele von ihnen fanden zum ersten Mal die Kraft und den Mut, sich mit ihrer Geschichte und Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Erinnerungen sind sehr unterschiedlich - von bitter bis verklärt. "Die Frauen waren besonders offen in unseren Interviews", sagt Knopp über die Zeitzeugen. Eine Zeitzeugin gibt zu: "Ich wußte alles mit zwölf Jahren." Und eine andere Frau erklärt: "Zum Führer habe ich eine tiefe, innige Liebe verspürt." Ehemalige Hitlerjungen, darunter der Schauspieler Heinz Bennent oder der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel, und BDM-Mädchen schildern, wie ihnen die NS-Ideologie eingeimpft wurde. "Wir wurden regelrecht vereidigt", erinnern sie sich. Angespornt von ihrem Führer zogen sie aufs Schlachtfeld, sahen den "Krieg als Abenteuer". "Wir hatten das Gefühl, man hätte uns etwas angetan", erklärt eine Frau ihre Empfindungen beim Angriff auf Polen.

Guido Knopp ist inzwischen ein Experte auf dem Themengebiet "Drittes Reich". Überraschen ihn noch Recherchen-Ergebnisse? "Ja. Fälle, in denen Hitlerjungen berichten, wie sie zu Massenerschießungen herangezogen worden sind. Das ist in Soltau passiert, noch Mitte April 1945. Wir haben auch einen ähnlichen Fall in Königsberg. Das muss man sich mal vorstellen, da ist bereits die Rote Armee und dennoch werden da verbliebene jüdische Häftlinge mit Hilfe von Hitlerjungen noch erschossen", sagt Knopp. "Es gibt viele Beispiele, gerade aus der Schlussphase des Krieges. Da kann man beobachten, wie Begeisterung und Verblendung zur Selbstaufopferung geführt haben." Und wie erlebten Guido Knopps Eltern den Nationalsozialismus? "Das Schicksal meines Vaters war völlig untypisch", sagt Knopp. "Nachdem er eine Verwundung von der Ostfront ausgeheilt hatte, kämpfte er in Afrika. Im März 1943 wurde er in Tunesien gefangen genommen, kam in die USA in Kriegsgefangenschaft, und mit zwölf Kilo Übergewicht wurde er aus der Haft entlassen. Eben völlig untypisch."

Guido Knopp, er leitet seit 1984 die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, erntet mit seinen Dokumentationen über die Nazis nicht nur Lob. Aus wissenschaftlichen Kreisen wird Kritik laut, er würde das Thema zu populär präsentieren. Knopp: "Mir ist das Thema zu wichtig, um es nur für wenige verständlich zu machen. Da kann ich leicht solche Vorwürfe ertragen. Aufklärung braucht schließlich Reichweite. Außerdem werden unsere Dokumentationen in hohem Maße von Wissenschaftlern reflektiert. Wir haben es immerhin geschafft, solche geschichtlichen Dokumentationen aus dem Minderheitenghetto herauszuholen." Und welches Thema steht als nächstes an? "Es ist eine Holocaust-Dokumentation sowie eine Reihe über Flucht und Vertreibung geplant", so Knopp. "Außerdem ist das Thema Frauen im Nationalsozialismus in der Pipeline."

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