Zeitung Heute : Guido Westerwelle?

Robert Birnbaum

WAS TREIBT WESTERWELLE AN?

Er ist gar nicht so schwierig zu verstehen. Man muss ihn sich nur ein Stück jünger vorstellen, als schlacksigen 15-Jährigen aus kleinen Verhältnissen in der Kleinstadt Bonn. Die Klassenkameraden in der Realschule wussten, was sie werden würden: Banklehre maximal, einer hatte sich beim Bund beworben, einer bei der Polizei. Das war der normale Weg. Ein Weg in frühe Verantwortung, vorgezeichnet in seinen Grenzen. Der schlacksige Junge wollte mehr. Er hat mit drei Freunden gebüffelt. Er hat den Aufstieg geschafft aufs Gymnasium. Und hat einen regelrechten Kulturschock erlebt bei der ersten Begegnung mit den neuen Klassenkameraden. Die auf der Realschule waren junge Erwachsene. „Aber die – die gingen zur Schule!“

In Guido Westerwelles Stimme klingt Jahrzehnte später immer noch ein empörtes Staunen über diese Spezies Mensch. Bürgerkinder, mit goldenem Löffel im Mund geboren, den sie aber bloß gelangweilt in die zerrissenen Taschen ihrer Ami- Parkas steckten. Die haben verachtet, wohin er strebte, und sein Streben nur als Strebertum wahrgenommen.

Das steckt ihm bis heute in der Seele. Es war sein politisches Urerlebnis. Es hat ihm das Ideal geliefert und das Feindbild. Keine Rede, in der er nicht das Lob „altmodischer Sekundärtugenden“ singt: Leistungsbereitschaft, Toleranz, Disziplin, Höflichkeit, Respekt. Und keine Rede, in der er nicht die Grünen verdrischt, diese „Dosenpfandpartei“, und ganz besonders den, den er mit kleiner Penetranz Josef Fischer nennt. Dass so einer Außenminister und Vizekanzler ist, findet er unfair. Vielleicht gerade, weil der auch ein Aufsteiger ist, aber einer ohne Mühe. Nicht mal bis zum Abitur gequält hat der sich.

WIE IST WESTERWELLES FDP?

Der Parteitagssaal im nagelneuen Dresdner Kongresszentrum liegt in schlummerfördernder Düsternis. Das Licht, an der Decke von matten Goldreflektoren gestreut, reicht nur mühsam bis zu den Tischen und Stühlen hinab. Vielleicht brüllt der Mann am Pult deshalb so, gegen das Einschlafen? Westerwelle ist eigentlich ein ganz außerordentlich guter Redner, einer der Gründe, weshalb sie ihn zum FDP-Chef gewählt haben. Aber an diesem Sonnabend schraubt er Tonfall und Lautstärke von Anfang an nach oben, und da bleibt er im Großen und Ganzen zweieinhalb Stunden lang.

Guido Westerwelle, Ex-Programmtaktiker, Ex-Volks- und Ex-Spassparteichef, vollzieht wieder einmal eine Wandlung. Es ist ein Wechsel nicht nur weg von der breitgestreiften blau-gelben Krawatte. Nicht nur weg von der „Volkspartei“ sowie der „Partei für das ganze Volk“ hin zur „programmatischen Avantgarde“. Es ist auch ein Weg zurück an seinen Anfang. Da stand der Kampf gegen jene Formel, mit der sein Vorgänger Werner Hoyer die FDP eher versehentlich zur „Partei der Besserverdienenden“ ernannt hatte. Das fand Generalsekretär Westerwelle nicht nur taktisch falsch. Es ging ihm gegen sein Innerstes. Besserverdienende, das waren die Väter der Söhne, die einfach nur so zur Schule gingen.

Die Partei seiner Couleur ist eine andere. Der Aufsteiger wirbt für eine Gesellschaft für Aufsteiger. Eine „freie und faire“ Gesellschaft, wie er es in seinem Leitantrag formuliert hat, in dem das Wortpaar „fair“ und „unfair“ einundzwanzig Mal hintereinander vorkommt, von „Leistung muss sich wieder lohnen“ bis zu Politikern, die ihre Pensionen selbst bezahlen sollen müssten.

Vor die demonstrative Wandlung hat der Kalender aber eine notwendige Handlung gestellt. Fast genau auf die Stunde in dem Moment, an dem dieser Parteitag begonnen hat, hat vor einem Jahr Jürgen W. Möllemann seinen Fallschirm ausgehakt, die Springerbrille vom Gesicht gezogen und ist mit ausgestreckten Armen auf die Erde zugerast.

Westerwelle schaut ernst. Zum Ende seiner Rede wird er selbst noch einmal auf den Mann zurückkommen, der ihn auf seine Weise geprägt hat wie kein anderer, als Mitkämpfer, als Konkurrent, als Gegner. „Auch wenn wir am Schluss gegeneinander standen: Sein Engagement für die liberale Sache in den Jahren zuvor wird niemand verleugnen – ich erst recht nicht.“ Dass auch er selbst „ganz persönlich“ tief betroffen gewesen sei und Zeit zur Verarbeitung gebraucht habe, sagt der FDP-Chef noch. Das muss gesagt werden. Soll ihn keiner für kalt halten. Davor sorgt er sich, denn er weiß, er wirkt oft so, weil es wahrscheinlich keinen Politiker im deutschen Bundestag gibt, der derart als Kontrolleur seiner selbst durchs Leben geht. Noch der harmlose Regelverstoß gerät ihm zur Vorführung. Am Freitagabend in Dresden, wo sich traditionell die Journalisten beim Bier mit der FDP-Spitze treffen, ist der Schlips keine Pflicht. Der Chef kommt sportlich im Pullover. Und strahlt jedes Mal, wenn ihn einer fragt, wo der her ist. Er ist, übrigens, aus San Francisco.

HAT SEIN LIBERALISMUS AUSSICHT AUF ERFOLG?

Das Thema Möllemann ist ab jetzt wohl erledigt, jedenfalls im politischen Sinne. Die Stelle des Hauptplagegeistes ist vakant. Der Schleswig-Holsteiner Wolfgang Kubicki hat anfangs versucht, Westerwelle global ans Zeug zu flicken; inzwischen übt er sich als Wortführer eines neuen Rechtsstaatsliberalismus, was inhaltlich sogar aussichtsreich ist, zumal auch Westerwelle neuerdings wieder den „Liberalismus als Immunsystem des Rechtsstaats“ entdeckt hat. Das liegt am Jahr 2006. Wer mit CDU und CSU zusammen regieren will, muss seine Nische im Regierungsbündnis frühzeitig markieren. Der gute alte Rechtsstaat, verteidigt gegen die große Koalition übereifriger Terroristenjäger, ist so eine Nische.

Aber was die aktuelle Stellung des Vorsitzenden angeht, ist sie so, dass etliche irgendwie unzufrieden sind mit ihm und etliche sehr stöhnen, dass man ja gar nicht mehr wahrgenommen werde, und was dieser Westerwelle eigentlich treibe? Aber solche Unzufriedenheit artikuliert sich vorzugsweise in verschwiegenen Hinterzimmern. Was den Stand der offenen Renitenz angeht, reicht zur Illustration eine kurze Szene aus der Präsidiumssitzung am Freitag. Da geisterte nämlich eine Meldung durch die Medien, die Generalsekretärin Cornelia Pieper werde 2005 geschasst. Das ist eine Meinung, die in der FDP derart verbreitet ist, dass Pieper wahrscheinlich auch das nächste Jahr im Amt überleben wird. Der Zeitungsredakteur aber lieferte, um die Sache aufzupeppen, einen Quellenhinweis mit: „ein Stellvertreter Westerwelles“ habe das gesagt. Derer gibt es drei. Als Westerwelle das Thema ansprach, blätterten sie allesamt geneigten Kopfes in wichtigen Papieren.

Und jetzt, wie weiter? Die FDP wird die Wartezeit bis zur Bundestagswahl mit einer Programmdebatte überbrücken. Und wird hoffen, dass die Wahlen in diesem Jahr nicht gar so übel und die im nächsten gut ausgehen. Die praktische Oppositionspolitik macht die Union via Bundesrat, da haben die Liberalen wenig zu melden. Ein bisschen wie Dornröschen wirken sie, nett herausgeputzt, angeblich schlummernd, aber unter den Augenlidern schon mal nach dem Prinzen schielend. Na ja, stimmt nicht ganz: nach der Prinzessin Angela. Guido Westerwelle aber hat in Dresden schon mal eine außenpolitische Grundsatzrede gehalten. Nicht, dass er Herrn Josef Fischer unbedingt beerben möchte. Aber allein der Gedanke an den Tag der Amtsübergabe!

GEBOREN

Guido Westerwelle erblickte am 27. Dezember 1961 in Bad Honnef das Licht der Welt.

AUSBILDUNG

Er ging in Oberdollendorf, Königswinter und Bonn zur Schule und studierte nach dem Abitur Rechtswissenschaften. 1991 bestand er das zweite juristische Staatsexamen in Düsseldorf und arbeitete von da an als selbstständiger Rechtsanwalt in Bonn. Westerwelle promovierte im Jahr 1994 an der Fernuniversität Hagen.

LAUFBAHN

In die FDP trat Westerwelle 1980 ein. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Jungen Liberalen (Julis). 1988 gelangte er in den Bundesvorstand der FDP und wurde 1994 Generalsekretär. 2001 übernimmt Westerwelle den Parteivorsitz von Wolfgang Gerhardt.

FAMILIE

Guido Westerwelle ist ledig und kinderlos. Er hat drei Brüder.

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