Zeitung Heute : Guidomobil im Rückwärtsgang

„Schluss mit Firlefanz“, fordern viele in der FDP. Auf dem Dreikönigstreffen war die Hoffnung auf eine Neubestimmung des Kurses zu spüren. Alle warteten auf die Rede von Parteichef Westerwelle. Doch was er sagte, klang nicht neu, sondern einfach nur so, als habe es Projekt 18 nie gegeben.

Robert Birnbaum[Stuttgart]

Von Robert Birnbaum,

Stuttgart

Es ist kein Zufall, dass Wolfgang Gerhardt in die Rückschau gerät. Es liegt auch nicht allein am Ambiente. Ungefähr seit Menschengedenken trifft sich die Spitze der Freien Demokratischen Partei am Dreikönigstag in Stuttgart, und seither feiert man am Abend vorher im Alten Reitstall den Dreikönigsball. Dass das Tanzorchester Erich Erber ebenfalls von Anfang an dabei war, ist ein Gerücht – aber wenn man Alter, Repertoire und die blauen Pailletten-Jäckchen der Combo betrachtet, immerhin kein völlig unglaubhaftes. Inmitten dieser Szenerie also spricht der FDP-Fraktionschef an der Bar über den Anfang der Rede, die er am nächsten Tag halten wird: Zwanzig Jahre sei das her, sagt er, dass er in Hessen zum ersten Mal zum Landesparteichef gewählt worden ist, 1983.

Ja, fährt Gerhardt sinnend fort – und ist nicht auf den Tag genau vor 20 Jahren auch Walter Döring zum ersten Mal hier in Stuttgart Parteichef geworden? Und auch so um den Dreh Rainer Brüderle in Mainz? Die Jungen Wilden in den liberalen Stammlanden im Südwesten? „20 Jahre ist das her“, wiederholt Gerhardt. Und auf einmal klingt in seiner Stimme Verblüffung durch, als werde ihm jetzt erst bewusst, was er da sagt. Ja, so lange ist das her.

„Geldsäck und Drecksäck“

Am nächsten Morgen ist auch wieder alles fast wie immer. Das Alte Staatstheater ist immer noch ein leicht muffiger Kasten mit Samt und Silberbronze und Gipsstuck und zwei Fürstenlogen. Draußen hat die Polizeigewerkschaft mehr Grüngewandete zur Demo aufgeboten als zur Bewachung der Polit-Prominenz. Der Rebell vom Remstal, ein stadtbekanntes Original, ist pünktlich da zur Beschimpfung der ihn angeblich verfolgenden Staatsmacht im Allgemeinen sowie der FDP im Besonderen als „Geldsäck und Drecksäck“. Auch an der Besetzung drinnen auf der Bühne hat sich so schrecklich viel nicht verändert in all den Jahren. Nur der Schnauzbart fehlt, der sonst immer den Rebellen aus dem Münsterland gab. Die Rolle ist vakant, bekanntlich. Wenngleich der Nachfolger, Andreas Pinkwart, später in einem Grußwort die Kontinuität der „Sondereinlage NRW“ betonen wird, allerdings noch mehr die dort jetzt angesagte Erneuerung.

Sogar Pinkwart bringt das Kunststück fertig, den Namen des Besagten kein einziges Mal zu nennen, so dass dies an diesem Tag einem einsamen Plakatträger vor dem Theater vorbehalten bleibt. „Lieber 10 Möllemann als auch nur 1 einziger Friedman“, hat der Einsame auf seine Pappe gepinselt. Es hat ihm anscheinend keiner gesagt, dass er damit hier jetzt falsch steht.

Dabei ist der Geist des Mannes, der zum Ungeist geworden ist, insgeheim sogar sehr präsent. Nur seine Insignien sind verschwunden. Die Generalsekretärin Cornelia Pieper hat ihr Ballkleid vom letzten Jahr – glitzernde 18 auf dunklem Stoff – gegen ein politisch komplett aussagefreies ausgetauscht, was ihr auch besser steht. Irgendein Reißwolf der Republik hat all die blau-gelben Papierfähnchen mit der 18 zerfetzt und nützlicher Wiederverwendung als Einmal-Putztuch zugeführt. Der Besagte selbst ist irgendwo, vielleicht noch auf Kur in Dubai, jedenfalls nicht hier. Trotzdem reden alle indirekt nur über ihn, über sein Werk und was davon bleibt.

Besonders lautstark getan hat das vorher der baden-württembergische Landeschef Döring, was auch damit zusammenhängt, dass der am Sonntag in Stuttgart erstmal einen Landesparteitag zu bestehen hatte mit Neuwahl der Landesspitze. Döring hat mit knapp 78 Prozent mau abgeschnitten, aber das nur am Rande. Der Schwabe also hat von seinem Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle verlangt, der müsse jetzt aber mal sagen, wo es denn nun langgehen solle. Das Boshafte an diesem Satz war, dass er logisch zwingend den Vorwurf enthielt, der Vorsitzende habe es bisher an solcher Kursbestimmung fehlen lassen. Vor allem aber lag Döring – und mit ihm den anderen aus der Gerhardtschen 83er-Generation – an einer deutlichen Negativ-Abgrenzung: Schluss mit Projekt 18, Schluss mit „Firlefanz“, Schluss mit dem Vorrang der Quantität vor der Qualität. „Er wird morgen schon sagen müssen, dass es Überspanntheiten gegeben hat“, sagt einer aus dem Präsidium am Sonntagabend im Alten Reitstall. Ein anderer hat es dieser Tage am Telefon noch drastischer ausgedrückt. Wenn Westerwelle das nicht packe und die Wahlen in Hessen und Niedersachsen am 2. Februar übel ausgingen, „dann ist der reif“. Wobei dieser Gewährsmann nicht versäumt hat, darauf hinzuweisen, dass er selbst gegebenenfalls bereit wäre, sich zur Verfügung der Partei zu stellen, nur im Notfall versteht sich, weil es zu Westerwelle unter den Jungen ja einfach keine Alternative gebe.

Nun gehört das Mobben des jeweiligen Parteivorsitzenden ebenfalls zur Dreikönigstradition. Aber die Hoffnung auf eine Neubestimmung des Kurses reicht tief in die Partei, was man dem FDP-Mitglied aus Dresden anmerken kann, das extra zu Dreikönig nach Stuttgart gepilgert ist. Den Enthusiasmus „versteht nicht mal meine Frau“, sagt der Mann. Das Projekt 18 hat er mitgetragen, auch wenn ihn das Fähnchenschwenken wegen großer Nähe zu den Bräuchen unter Honecker zuwider war. Jetzt erhofft er Auskunft, wie es weitergeht, und das dringlich.

Denn der Mann aus Dresden hat ein banges Gefühl, das bis hinauf ins Präsidium die Liberalen umtreibt. „Das wäre doch jetzt genau unsere Zeit“, sagt er: Rot-Grün zappelnd zwischen Reformrhetorik und sozialdemokratischem Traditionalismus, die Erkenntnis gewinnt täglich Anhänger, dass es nicht so weitergehen kann in Deutschland, wirtschaftlich nicht, sozialpolitisch nicht – und mitten in dieser Renaissance urliberalen Gedankenguts eine FDP, die das Copyright zu verlieren droht, weil sie mit sich selbst beschäftigt ist. „Der Westerwelle muss was sagen“, sagt der Dresdner.

Bevor der Westerwelle allerdings was sagen kann, steht erst mal der Gerhardt auf dem Programm. Der fängt so laut an, dass mancher im vorwiegend älteren Publikum merklich zusammenzuckt, und er macht laut weiter, und je länger er redet, desto mehr entsteht der Eindruck, dass so der Gerhardt vor 20 Jahren gewesen sein könnte. „Wir wollen größer werden, aber mit Werten, mit Herz und mit Haltung“, donnert er in den Saal. Und zerbröselt anschließend mit kurzen, knappen Sätzen die heiligen drei Säulen der Strategie 18. Koalitionsaussage? „Wir müssen keine machen, aber wir können eine machen.“ Eigenständigkeit? Ja, die FDP müsse sich doch nicht mit Selbstzweifeln plagen! Als ob sie nicht immer eigenständig gewesen sei, nicht immer eine Partei für alle: „Niemand ist gehindert, die Freiheit zu wählen!“ Und niemand – da, sagt Gerhardt, sei er sich mit Westerwelle völlig einig – niemand wolle den Charakter der FDP verändern.

Ein entscheidender Satz fehlt

„Bravo“, ruft es aus dem Saal, als der Beifall aufbrandet. Später, bei Westerwelle, fehlen solche Zwischenrufe. Dabei hält der FDP-Chef eine gewohnt gute Rede, mit bösartigen Scherzen zulasten der Regierung gespickt und mit sehr viel freidemokratischer Tradition. Den Liberalismus als Geisteshaltung beschwört er, den Gedanken der Freiheit als Kompass, und dass sich solche Haltung nicht einsperren lasse bei fünf, sechs, sieben Prozent, und dass die FDP deshalb weiter wachsen wolle und wachsen werde, gerade jetzt. „Der gesunde Menschenverstand denkt heute liberal“, sagt Westerwelle, und: „Der Liberalismus gehört in die erste Liga.“ Das klingt alles nach trotzigem Dennoch. Aber die Wahrheit dieses Dreikönigstags ist eine andere. Sie liegt in einem Satz, der in keiner Westerwelle-Rede der letzten zwei Jahre gefehlt hat. Am Montag hat er gefehlt.

Diesmal sagt Westerwelle nicht mehr, dass die FDP „bislang Unpolitische für sich gewinnen“ müsse, notfalls per Auftritt des Chefs im Big-Brother-Container. Darum hat Wolfgang Gerhardt, als er gesagt hat, er sei mit Westerwelle einig, eine kleine Ungenauigkeit begangen. Tatsächlich ist es umgekehrt. Guido Westerwelle ist neuerdings mit Wolfgang Gerhardt völlig einig.

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