Zeitung Heute : Gut gekämpft – und doch verloren

Sie haben keine Chance, aber nutzen sie: Alice Ströver und Niels Korte ahnen schon vor dem Wahltag, dass sie kein Direktmandat holen werden

Sabine Beikler

ALICE STRÖVER, DIE GRÜNEN

„Alice kommt.“ Den Slogan findet Alice Ströver an sich ganz gut. Aber ihr Gesicht und der Hals! „Ich bin viel zu farblos auf dem Wahlplakat“, ärgert sie sich. „Es fehlt etwas Grünes, aber das wollte die Agentur nicht. Die sagt, Blässe ist jetzt modern.“ Glücklich ist die 50-Jährige nicht mit den 500 Plakaten, die Mitte August in Steglitz-Zehlendorf aufgehängt wurden. Sie sei ja kein „Modeltyp“ wie die blonde Werbe-Alice der italienischen Telekom-Tochter, aber etwas attraktiver hätte sich die grüne Direktkandidatin den Wählern schon gern gezeigt.

Chancen hat Alice Ströver im Berliner Südwesten gegen Karl-Georg Wellmann von der CDU und den SPD-Kandidaten Klaus Uwe Benneter nicht. Aber „immerhin“ kämpfe sie in einem bürgerlichen Wahlkreis. Woanders wäre sie auch nicht angetreten. „So altruistisch bin ich nun doch nicht. Hier werde ich wenigstens nicht angepöbelt.“ Die Steglitz-Zehlendorfer würden das Kulturleben schätzen – und ihren Namen kennen. Diese Erfahrungen hat Ströver schon vor drei Jahren als Kandidatin in Steglitz-Zehlendorf gemacht. Zehn Prozent hat sie damals erhalten. „Zweistellig“ soll das Ergebnis auch jetzt sein.

Fast jeden Tag spricht sie vor Gymnasiasten. Dann muss sie Rot-Grün verteidigen, für die schlechte Umsetzung von Hartz IV geradestehen und Friedens- oder Energiepolitik erörtern. „Ich sehe das als Selbsttest, wie gut ich unser grünes Programm kenne.“ Und „irgendwie“ schaffe sie das auch, zum Beispiel über die Aufgaben einer internationalen Energieagentur auch „was Logisches“ zu sagen. Keiner will dagegen etwas über Landes- oder gar Kulturpolitik wissen. „Ist ja auch Bundestagswahlkampf.“ Frustration, dass ihre Themen so wenige interessieren, lässt Ströver nicht an sich ran.

Der gestrige Donnerstag in der Königin-Luise-Stiftung, einer Schule in privater Trägerschaft, war „nicht leicht“. Die Schüler hatten eine Probewahl durchgeführt. „Die Grünen kamen auf den vorletzten Platz, aber immer noch vor der Linkspartei.“ Solche Niederlagen nimmt sie aber nicht persönlich. „Viele wählen taktisch und SPD, weil sie Schwarz-Gelb verhindern wollen. Und weil sie wissen, dass ich kaum Chancen habe.“

Der Ton unter den Kandidaten ist während des Wahlkampfs rauer geworden. Auch Alice Ströver ist aggressiver. Sie ärgert sich, dass sie mit ihrem alten Auto zu allen Terminen fahren muss, während andere Kandidaten gefahren werden oder Helfer haben. „Und ich trage meine Stofftaschen mit grünen Prospekten alle selbst.“ Das nervt sie, weil sie „nebenbei“ noch Abgeordnete ist und als Kulturausschussvorsitzende mitten in den Haushaltsberatungen über den Fachetat steckt.

„Etwas gestresst, aber motiviert“ ist sie vier Tage vor der Wahl. Benneter hätte es gern gesehen, sagt sie, wenn sie für ihn „Erststimmenwahlkampf“ machen würde. „Das tue ich nicht. Ich kämpfe für die grüne Erst- und Zweitstimme.“ Rot-Grün sei eine „gute Sache. Nur hätten wir noch ein Jahr gebraucht, um das klar zu machen“. Das habe die SPD aber nicht mehr gewollt. Basta.

Alice Ströver hat Post bekommen. „Warum die Plakate mit meinem Gesicht so hässlich gestaltet sind“, erzählt sie. „Was sich die Leute für Gedanken machen“, sagt sie und beantwortet den Brief mit Genugtuung.

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