Zeitung Heute : Gut gemischt

Der Mix aus Wohnen, Arbeit und Freizeit lockt schon jetzt viele Besucher an. In Zukunft soll die Wilmersdorfer Straße noch attraktiver werden

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Von Maximilian von demandowsky Freitagmittag, kurz vor zwölf Uhr. „Prima, hier finde ich einfach alles.“ Christa Schuhmann strahlt über das ganze Gesicht. Die Rentnerin hält einen bunten Blumenstrauß im Arm und freut sich. Sie hat es nicht weit, wohnt gleich um die Ecke und kommt immer zum Einkaufen her. Weniger bequem haben es da schon Ursula und Joachim Gursche. Das Ehepaar kommt extra aus Treptow mit der S-Bahn angereist: „Die Fußgängerzone ist einmalig – nur ein bisschen dreckig“.

Zugegeben. Wenn man mitten auf dem breiten Bürgersteig steht und sich die Bauarbeiten auf der Shoppingmeile so anschaut, trocknet die Kehle schon etwas aus. Es wird kräftig gehämmert und gesägt, Teile des Bürgersteigs sind eingezäunt, Presslufthammer und Bagger wirbeln mächtig Staub auf. Die Wilmersdorfer Arcaden sollen schließlich bald fertig sein, ein neuer Belag muss auch auf den Bürgersteig. Auch die BVG werkelt an den U-Bahneingängen herum, schafft Platz für mehr Freifläche.

Was viele nicht wissen: Die „Wilmersdorfer“ ist deutlich länger als die Fußgängerzone, die sich zwischen Kant- und Schillerstraße erstreckt. Und sie bietet weit mehr als ein verkehrsberuhigtes Shoppingerlebnis. Insgesamt zwei Kilometer zieht sich die Straße durch den Bezirk – vom Adenauerplatz am Kurfürstendamm bis zur Otto-Suhr-Allee nahe der einstigen Charlottenburger Altstadt. Während im südlichen Teil zwischen Adenauerplatz und S-Bahn-Unterführung eine eher gemischte Struktur aus Altbauwohnungen, Einzelhandel und Gastronomie herrscht, dominieren im zentralen Bereich die großflächigen Geschäfte und Ladenzeilen. Im nördlichen Teil – von der Bismarckstraße bis zur Otto-Suhr-Allee – sind dann wieder mehr Wohnhäuser zu finden. In den Erdgeschossen bieten aber auch Händler ihre zumeist preiswerten Waren an. Ein Modeladen wirbt für Gürtel und Taschen zum Dumpingpreis von nur drei Euro. Schuhe gibt’s schon ab zehn Euro.

Nach dem baubedingten Lärm im zentralen Abschnitt der „Wilmersdorfer“ überrascht die ruhige Kiez-Atmosphäre nördlich der Bismarckstraße angenehm. Es sind kaum Autos unterwegs, alles läuft ein wenig gemächlicher. Hier findet man viele kleine Geschäfte – einen Uhrmacher, einen Spielzeugladen, ein italienisches Feinkostgeschäft. Und ein Literaturgeschäft, in dem Lesungen und Diskussionsrunden stattfinden. Ein Zettel kündet vom vergangenen Programm: „Menschliches Allzumenschliches“ von Friedrich Nietzsche.

Zurück zur Fußgängerzone. Was wurde in den letzten Jahren nicht alles um-, ab- und neu gebaut. Überdachungen wurden abgerissen, Bänke, Spielgeräte und Papierkörbe aufgestellt, neue Bäume gepflanzt. Der S-Bahnhof Charlottenburg wurde in Richtung U-Bahn-Station verlegt, der Weg für die Fahrgäste verkürzte sich daraufhin um 300 Meter.

Keine Frage, es hat sich viel getan, seit Ende der 1990er-Jahre mit dem „Facelifting“ der Wilmersdorfer Straße begonnen wurde. Die Fußgängerzone, 1978 eröffnet, ist die älteste verkehrsberuhigte Einkaufszone Berlins. Früher im Mittelteil überdacht, gab es dort Verkaufsbuden, die 1998 abgerissen wurden.

Im Jahr 2000 modernisierte Karstadt sein Haus, 2004 wurden C & A und Peek & Cloppenburg umgebaut – beide vereinigten sich zum neuen Kant-Center. Media-Markt zog im Untergeschoss ein. Und derzeit entsteht für 100 Millionen Euro ein weiteres Shoppingcenter mit mehr als hundert Geschäften, Arztpraxen und Büros: die Wilmersdorfer Arcaden. Die Eröffnung des aus blankem Beton, nacktem Stahl und unverputzten Wänden gebauten Giganten ist für den 25. September geplant. Rund 1000 Arbeitsplätze sollen entstehen.

Vergessen sind die Zeiten, als die Einkaufsmeile in den 1980er- und 1990er-Jahren noch ein Schmuddelimage hatte. Relikte aus dieser Zeit, etwa die Rampen am U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße, sind verschwunden, ebenso die Buden und Pavillons. Dafür gibt es neue Aufzüge und mehr Platz im Kreuzungsbereich zur Kantstraße.

Viele haben dazu beigetragen, dass sich die Straße jetzt heller und freundlicher präsentiert. Darunter auch Thomas Bong, Apotheker und Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Wilmersdorfer Straße, ein Interessenverband von Händlern rund um die Fußgängerzone. Er freut sich, dass Anwohner und Läden die Einschränkungen durch die Bauarbeiten so gut verkraftet haben. Sein Ziel: Die Aufenthaltsqualität in der Wilmersdorfer Straße verbessern und die Verweildauer der Besucher erhöhen – auch durch neue Straßencafés, die es bislang eher spärlich gibt.

Die Strategie scheint sich auszuzahlen: „Wir sind zwar primär ein Kiezversorger“, sagt Bong. „Aber die Nähe zur Messe und zum ICC lockt auch Touristen an, mit steigender Tendenz. Damit sich noch mehr tut, organisiert die AG in Kooperation mit dem Bezirksamt Musik- und Straßenfeste, wie die Oldies Night oder den Tanz in den Mai. Die meisten Anwohner und Shopper sind sich einig: Es ist vieles besser geworden.

Doch es gibt auch kritische Stimmen: Erhard Pullwitt ist Rentner und wohnt seit 29 Jahren im Kiez: „Früher war es hier viel besser, man konnte um die Ecke zum Fleischer gehen. Heute gibt’s nur noch die großen Ketten.“ Auch Katharina Fürstenberg wohnt nicht weit weg und kommt immer zum Einkaufen her. Ihr Urteil fällt milder aus: Der Straße fehle zwar etwas Grün, aber „die kurzen Wege durch die U-Bahn-Anbindung sind einfach perfekt.“

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