Zeitung Heute : Gut gesponnen ist schon halb gedacht Einstein und Science-fiction

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In den USA erscheint dieser Tage ein Buch, das die Relativitätstheorie und ihren Begründer in neuem Licht erscheinen lässt. „The Einstein Code“ lautet der Titel, der Autor Kevin McLaurty. Der Inhalt scheint so brisant zu sein, dass bereits vorab Rezensionen erscheinen, etwa von Gregory Benford, der sowohl als Physiker wie als Sciencefiction-Autor bekannt ist. In diesem Buch wird anhand kürzlich gefundener Notizbücher Einsteins festgestellt, wie weit dessen Forschungen auf der Lektüre fiktionaler Texte beruhten. Vor allem H.G. Wells’ Buch „Die Zeitmaschine“ das bereits 1894 als Fortsetzungsgeschichte in einem Magazin erschien, soll entscheidend Einsteins Überlegungen, auch die Zeit als eine Variable zu begreifen, vorangebracht haben.

Ein unterhaltsames Gedankenspiel, pünktlich zum Jubiläumsjahr. Aber die fiktive Lektüreliste Einsteins inspiriert zum Nachdenken über das Verhältnis von Science-fiction und Relativitätstheorie überhaupt. Einstein soll mit Isaac Asimov gut befreundet gewesen sein. Und er schätzte Olaf Stapledons Klassiker „Die letzten und die ersten Menschen“ von 1930. Zwar gab es auch vor Einstein schon Visionen von Zeitreisen , aber sie blieben naive Träumereien. In den Mars- und Venus-Romanen von Tarzan-Erfinder Edgar Rice Burroughs etwa heißt der Planetenstürmer zwar John Carter, aber in Bezug auf Charakter und Plot ist er nicht viel mehr als der Dschungelheld.

Mit der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik ist das alles nicht mehr möglich. Stapledon und Asimov, der in den Fünfzigerjahren zahlreiche wissenschaftliche Essays zur Physik veröffentlichte, waren die ersten, die begriffen hatten, dass Science-fiction einen seriösen Unterbau braucht. Nach Einstein war die Science-fiction definitiv nicht mehr die gleiche wie zuvor. Was folgte, waren unzählige Geschichten über Zeitreisen, Überlichtgeschwindigkeit und anderes, was sich mehr oder weniger locker an Einsteins Theorien anlehnte.

Die Star-Trek-Serie mit ihrer krümmbaren Raumzeit und den reisefreundlichen Wurmlöchern ist nur das populärste Beispiel, wozu Einsteins Theorie alles dienen kann. Von Samuel Delanys Einstein-Roman „Einstein, Orpheus und andere“ bis zu Herbert W. Frankes Stories („Einsteins Erben“) reicht die Palette inspirierter Spielereien.

Zuweilen aber wird auch der wissenschaftliche Auftrag sehr ernst genommen. 1995 erschien der Roman „Qual“ des Australiers Greg Egan. Er hatte der neueren Science-fiction wie kaum ein anderer neue Impulse verliehen und schreckte auch vor dem ambitioniertesten Vorhaben nicht zurück. Im Jahr 2025 versammeln sich die berühmtesten Physiker, um endlich Einsteins Traum zu realisieren, Relativitätstheorie und Quantenphysik in einer Weltformel zu vereinen. Aber vielleicht bezeichnet gerade die harte, technisch und theoretisch motivierte Science-fiction den falschen Weg.

In seinem kleinen Theaterstück „Die Höflichkeit der Genies“ inszenierte kein anderer als der sozialistische Klassiker Peter Hacks eine Begegnung Einsteins mit Yehudi Menuhin. Nachdem Einstein eine defekte Glühbirne im Hause Menuhin ersetzt hat, verkehren beide in einer Weise miteinander, die die Welt noch nicht gesehen hat: Höflich, freundlich, sich sympathisch zugeneigt und respektvoll. Diese Begegnung ist nicht von dieser Welt; die Umgangsformen dieser beiden Menschen müssen, das erkennt der irritierte Leser sogleich, aus einer Zukunft, fernab uns bekannter Galaxien entwickelt worden sein.

Der Autor lebt als freier Journalist in Frankfurt am Main.

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