Zeitung Heute : Gut ist relativ

Das deutsche Gesundheitssystem: Schlecht, aber gut bewertet – oder gut, aber schlecht bewertet?

Reinhard Busse
Im Prinzip zufrieden. In Deutschland waren 86 Prozent der Deutschen mit ihrem Gesundheitssystem zufrieden, das sind mehr als im EU-Schnitt von 70 Prozent. Doch es kommt auf die Fragen und Bewertungsmaßsstäbe an. Foto: picture alliance/ Photo Alto
Im Prinzip zufrieden. In Deutschland waren 86 Prozent der Deutschen mit ihrem Gesundheitssystem zufrieden, das sind mehr als im...Foto: picture alliance / PhotoAlto

Die öffentliche Diskussion über Gesundheitssysteme leidet unter zwei, zunächst paradox klingenden Problemen: Einerseits meint jeder Politiker und jeder Bürger aus eigener Anschauung davon etwas zu verstehen, andererseits sind es komplexe und schwer zu fassende Systeme. Zu ihnen gehören nämlich alle Personen, Organisationen, Einrichtungen, Regelungen und Prozesse, deren primäre Aufgabe die Förderung und Erhaltung der Gesundheit sowie die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten ist.

Das Gesundheitssystem eines Landes auch nur so zu beschreiben, dass andere es verstehen, ist eine schwierige Aufgabe, die ein klares Konzept erfordert – es zu bewerten, insbesondere im Vergleich zu dem System anderer Länder, fast unmöglich. Da aber weltweit fast neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Gesundheitswesen aufgewendet werden – pro Weltbürger kaufkraftbereinigt rund 900 US-Dollar, insgesamt mehr als sechs Billionen Dollar – ist die Frage nach dem Wert von Gesundheitssystemen aber mehr als legitim.

Ein Grund dafür sind auch die großen Unterschiede zwischen Ländern: So betrugen 2008 die Gesundheitsausgaben in den USA pro Bürger fast 7 200 US-Dollar, in Deutschland mit 3 900 US-Dollar aber nur etwas mehr als halb so viel und in Estland gar nur 1 300 US-Dollar. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt waren das 15,2 Prozent in den USA, 10,5 Prozent in Deutschland und 6,1 Prozent in Estland.

Um beurteilen zu können, welches Gesundheitssystem denn nun gut oder besser als andere ist, müssen wir uns zunächst darauf verständigen, welche Kriterien wir anlegen wollen, das heißt was wir von ihnen erwarten. Im Weltgesundheitsbericht 2000 nahm die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals eine Bewertung der Gesundheitssysteme ihrer damals 191 Mitgliedsländer vor. Indikatoren waren Gesundheit, das Eingehen auf die gerechtfertigten Erwartungen der Bevölkerung wie etwa Patientensouveränität, Wahlfreiheit, Vermeiden von Wartelisten sowie die Fairness bei der Finanzierung des Gesundheitssystems und die Effizienz, also der Grad der Zielerreichung in Beziehung zu den eingesetzten Finanzmitteln. Das klingt konsensfähig und ist doch schwierig.

Wie etwa wollen wir Gesundheit messen? Ist es die Lebenserwartung, die Lebensjahre ohne Krankheit oder die selbst eingeschätzte Gesundheit? Jeder dieser Indikatoren klingt logisch und muss doch hinterfragt werden. Ist eine hohe Lebenserwartung wirklich dem Gesundheitssystem zuzuschreiben oder nicht doch eher anderen Faktoren wie Wohlstand und Bildung und den damit verbundenen Lebensumständen? Seit einigen Jahren nutzen Wissenschaftler daher die „medizinisch vermeidbare Sterblichkeit“, dabei konzentrieren sie sich auf vorzeitige Todesfälle durch Krankheiten, die bei einem guten Gesundheitssystem nicht oder nur in geringem Maße auftreten sollten. Nach neuesten Zahlen für 2006/07 liegt Deutschland hierbei nur an zehnter Stelle von 16 Hocheinkommensländern, deutlich hinter Frankreich und Australien mit rund 30 Prozent niedrigeren Werten, aber knapp vor den Niederlanden und deutlich vor Großbritannien sowie den abgeschlagenen USA. Gegenüber 1997/98 ist Deutschland trotz einer Verbesserung sogar relativ zurück gefallen – es wurde nämlich von Finnland und Österreich überholt.

Aber vielleicht ist es besser, die Menschen im Land direkt zu befragen? Dabei stellt sich zunächst die Frage, ob die Meinung aller Personen – egal ob gesund oder krank – gleich wichtig ist, oder ob uns die Meinung der Patienten wichtiger ist, insbesondere wenn sie chronisch krank und besonders auf das Gesundheitssystem angewiesen sind. Zweitens müssen die Erwartungen der Bürger bzw. Patienten hinterfragt werden.

Mit den Eurobarometern befragt die Europäische Union regelmäßig ihre Bürger zur Qualität der Gesundheitssysteme, zuletzt im Herbst 2009. „Gut“ war die Antwort von 97 Prozent in Belgien, 95 Prozent in Österreich und 94 Prozent in Finnland – aber nur von 25 Prozent in Rumänien und Griechenland. In Deutschland waren es 86 Prozent und damit mehr als im EU-Schnitt von 70 Prozent. Allerdings ist die Vergleichbarkeit solcher Zahlen eingeschränkt, da auch die Kriterien variieren. So ist „gut geschultes Personal“ für 68 Prozent der Schweden wichtig, aber nur für 27 Prozent der Polen (EU-weit 52 Prozent), wirksame medizinische Maßnahmen für 64 Prozent der Bulgaren, aber nur für 16 Prozent der Luxemburger (EU-weit 39 Prozent) und keine Wartelisten für 65 Prozent der Finnen, aber nur 7 Prozent der Letten (EU-weit 29 Prozent).

Auch der Commonwealth-Fund, eine New Yorker Stiftung, befragt regelmäßig Personen in inzwischen 13 Ländern. 2010 lag Deutschland bei der übergreifenden Frage nach einer notwendigen Reformierung des Gesundheitssystems im Mittelfeld, zusammen mit etwa Frankreich, Neuseeland oder Norwegen. Deutlich zufriedener waren die Bürger in Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz, während der größte Reformbedarf in Australien und vor allem den USA gesehen wurde.

Gegenüber 2007 war die Zufriedenheit in Deutschland deutlich höher, allerdings war die Verbesserung nicht so ausgeprägt wie in Großbritannien. Betrachtet man die Antworten im Detail, zeigen sich aber auch die Stärken des deutschen Systems: In keinem Land sind die Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt oder eine geplante Operation kürzer, die deutschen Ärzte erhalten für die den Patienten eingeräumte Zeit und die Möglichkeit zu Fragen exzellente Werte, und die Patienten fühlen sich über ihre Laborergebnisse oder Röntgenbefunde gut unterrichtet.Trotzdem bescheinigen sie ihren Ärzten keine gute Qualität und insbesondere chronisch Kranke berichten von Koordinationsproblemen. Andere Ergebnisse sind schwieriger zu deuten: So ist die Nutzung von Notaufnahmen gering, was als gute Versorgung durch die Hausärzte gedeutet werden könnte – aber immerhin 57 Prozent der Deutschen berichten von Schwierigkeiten mit der Versorgung nachts und am Wochenende, verglichen mit 68 Prozent in Schweden und 33 Prozent in den Niederlanden.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Qualität eines Gesundheitssystems mehrdimensional betrachtet werden muss und einfache Schlussfolgerungen fast immer verfehlt sind. Allerdings lohnt sich – auch für Politiker – der genauere Blick, gefolgt von der Frage, was andere Länder anders und vielleicht besser machen.Deutschland braucht sein Gesundheitssystem zwar nicht zu verstecken, aber es ist doch in vielerlei Hinsicht verbesserungsfähig.

Der Autor ist Lehrstuhlinhaber Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin

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