Zeitung Heute : Gut und Börse

THEATERTREFFEN Sebastian Baumgarten lässt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in einem lustvoll überzeichneten Western-Setting spielen.

PATRICK WILDERMANN

Wer die Welt und die Wirtschaftskrise nicht mehr versteht, darf aufs Theater vertrauen. Der Kanon hält das ultimative Aufklärungsstück für prekäre Zeiten parat: Es heißt „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ und stammt von Bertolt Brecht. Darin lernt man alles über Gut und Börse, was man fürs Leben braucht. Oder nicht?

Selbstredend weiß der Regisseur Sebastian Baumgarten um die „linkspopulistischen Reflexe“, die Theaterleitungen vielfach dazu treiben, Brechts Kapitalismusfabel aus Chicago heute auf den Spielplan zu setzen. Weswegen er auch nie in Gefahr war, in die Aktualitätsfalle zu tappen, als er das Stück in Zürich inszeniert hat. Sich ausgerechnet in der reichen Schweiz als Theaterkünstler hinzustellen und „den Bankern zu erklären, wie der bösartige Kapitalismus funktioniert“. Mal abgesehen davon, dass solche Schwarzweißmoral gar nicht im Stück stehe.

Die „Heilige Johanna“, mit der Baumgarten nun erstmals zum Theatertreffen eingeladen wird, ist bei dem Regisseur in besten Händen. Nicht nur, weil Brecht neben Heiner Müller und Einar Schleef ein maßgeblicher Teil seiner Theatersozialisation ist. Eher amüsant, dass eine Zürcher Zeitung anlässlich der Premiere so herkunftskorrekt den „Ostberliner Regisseur“ hervorkehrte. Nein, vielmehr kontert die Inszenierung das Anachronistische des Stücks – schon 1959 anlässlich der Gründgens-Inszenierung schrieb eine Zeitung, die Handlung sei „weiter von uns entfernt als das Steinzeitalter“ – durch eine bestechend kluge Setzung. „In der Verzeitlichung wollten wir so weit zurückgehen, dass die Texte für die Figuren modern wirken“, so Baumgarten. Er hat das radikalkapitalistische Schlachthaus-Spiel in ein lustvoll überzeichnetes Western-Setting verlegt, ins aufbrechende 19. Jahrhundert. „Wenn dann von Spekulation gesprochen wird, finde ich es wieder interessant.“

Cowboy-Kapitalismus

Zudem glückt der Kunstgriff, keine Gegenwart zu behaupten. Aber trotzdem die sozialen Belange drängend anklingen zu lassen, die Brecht in seiner Erzählung von den massenhaft verelendenden Fleischarbeitern umtrieben. „Es gibt nur wenige Theaterkünstler, die noch die Ambition haben, die unteren sozialen Schichten abzubilden“, stellt Baumgarten fest. Dabei seien die Verhältnisse im rasanten Wandel zum Schlechten begriffen. Wachsende Kinderarmut, immer mehr Menschen, die unters Existenzminimum rutschten. Und dass Leute zwei oder drei Jobs gleichzeitig nachgingen, um sich über Wasser zu halten, sei auch längst kein exklusiv amerikanisches Phänomen mehr. Dafür müsse man nicht erst nach Marzahn blicken. Auch am Prenzlauer Berg, wo der gebürtige Pankower seit 15 Jahren lebt, „fallen immer mehr durchs Raster“. Angesichts dessen auf der Bühne den Stoff mit Privatismen zu umkreisen, kommt für ihn weniger denn je infrage: „Wir haben andere Themen zu verhandeln.“

Brechts Heilsarmistin Johanna wird in ihrem Sturmlauf gegen Not und Niedriglohn bekanntlich die eigene Naivität zum Verhängnis. Schon deshalb ist sie eine ambivalente Figur. Baumgarten und seine furiose Hauptdarstellerin Yvon Jansen haben während der Proben durchaus versucht, das Gutgläubige zu unterlaufen, mit der Hypothese gespielt: „Die hat eigentlich den Durchblick und tut nur so als ob.“ Es funktionierte nicht, „die gesamte Konstruktion bricht dann zusammen“, so Baumgarten. Statt krampfhafter Distanzierung wählten sie den Weg der Affirmation. Im Hinterkopf die Filme eines Lars von Trier, der in „Breaking the Waves“ oder „Dogville“ seine Frauen ganz ohne ironische Brechung auf die Via Dolorosa schickt. Das zupackende, intelligente Spiel von Yvon Jansen verleihe der Figur ohnehin Kraft und Widerstand, schwärmt der Regisseur.

Bayreuth ist wie die DDR

Es freut ihn, diese Arbeit beim Theatertreffen zeigen zu können. Weil er damit beweist, „einer der wenigen gelernten Opernregisseure zu sein, der seine Verbildung überwunden hat“. Sprich: der sich im Schauspiel genauso wie im Musiktheater profilieren konnte. Karrieretechnisch ist der 44-Jährige auf den vermeintlichen Ritterschlag nicht angewiesen. Baumgarten hat zuletzt fünf bis sechs Arbeiten pro Jahr an Häusern zwischen Zürich und Bremen auf die Bühne gebracht, hat es als Opernregisseur bis nach Bayreuth geschafft. Wobei die Erfahrung mit dem „Tannhäuser“ auf dem grünen Hügel – wie könnte es anders sein – eine sehr spezielle war. Bilanzierend kann man festhalten: Er hält das Konzept des Abends gegen alle Anfeindungen nach wie vor für richtig. Ist aber teilweise an einem berüchtigten, jede Reibung nivellierenden Betrieb verzweifelt, der in seiner Stechuhr-Bürokratie „an die DDR erinnert. Nur dass mehr Geld vorhanden ist“.

In Zukunft wird Baumgarten seine Inszenierungsschlagzahl etwas zurückfahren. Er übernimmt eine Regie-Professur an der Bayerischen Theaterakademie in München. Was ihn in die glückliche Lage versetzt, Projekte künftig noch mehr nach Herzenslust zu wählen. Ein Privileg, dessen ist er sich bewusst. Schließlich macht die beschriebene Prekarisierung vor dem Kulturbetrieb nicht halt. Gerade eine junge Generation von Regisseuren, beklagt Baumgarten, werde von den Bühnen zunehmend unter Zeit- und Gelddruck gesetzt. „Da findet eine ungeheuerliche Lohndrückerei statt.“ Auch hier lässt Brecht schön grüßen.PATRICK WILDERMANN

13. und 14.5., 19.30 Uhr,

Haus der Berliner Festspiele

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