Zeitung Heute : Gut zu wissen

Amory Burchard

Die Zahl der Hochschulabsolventen ist laut Statistisches Bundesamt im vergangenen Jahr um 4,6 Prozent gestiegen. Wie kommt es, dass in Deutschland trotzdem alle vom Bildungsnotstand sprechen?

Sie werden mehr und sie werden jünger: Die Zahl der Hochschulabsolventen ist im vergangenen Jahr um 4,6 Prozent gestiegen. Das Durchschnittsalter dagegen ist gesunken: Heute sind Diplomanden oder Magister im Schnitt 27,9 Jahre alt, im Jahr 2000 waren sie noch 28,2 Jahre alt. Zwei gute Nachrichten aus Deutschland, das vor zwei Wochen von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) noch als eine Art Entwicklungsland in Bildungsfragen beschrieben wurde. „Wir holen auf bei der Hochschulbildung“, kommentierte am Dienstag eine erleichterte Bundesbildungsministerin denn auch die neuesten Daten vom Statistischen Bundesamt.

Die Zahlen geben Edelgard Bulmahn (SPD) Recht. Der Trend auch ist auch bei der Studierendenquote positiv: Nahmen 1998 nur 28 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium auf, sind es jetzt 36 Prozent. Bulmahn führt das in erster Linie darauf zurück, dass dank der Bafög-Reform mehr Studienanfänger die Ausbildungsförderung erhalten. Die Einführung der Bachelorabschlüsse werde das Studium effizienter machen: Ein klarer strukturiertes, praxisorientiertes Studium soll noch mehr Studierende schneller zu einem berufsqualifizierenden Abschluss führen – und die bislang hohen Abbrecherquoten senken.

Die OECD-Experten hatten Deutschland kaum noch eine Steigerung seiner ohnehin schon niedrigen Studentenzahlen zugetraut: Mit einer Anfängerquote von 35 Prozent (Stand 2002) – und damit weit unter dem OECD-Schnitt von 50 Prozent – habe die Bundesrepublik ihr Potenzial „weitgehend ausgeschöpft“. Schlecht sind auch die Werte bei den Absolventen: International haben 32 Prozent der Mitte- bis Ende-20-Jährigen einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss, in Deutschland nur 19 Prozent. Die frischen Daten vom Statistischen Bundesamt zeigen jetzt: Es geht doch noch ein bisschen weiter bergauf – wenn auch in kleinen Schritten.

Auch die Wirtschaft begrüßt die steigende Zahl jüngerer Hochschulabsolventen, sagt Berit Heintz vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Besonders erfreulich sei der Anstieg bei den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern wie Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau, sagte die Referatsleiterin für Schul- und Hochschulpolitik dem Tagesspiegel. „Das sind die Absolventen, die wir in den klassischen exportintensiven Produktionsbereichen, im Maschinen- und Anlagenbau und in der Computertechnik, brauchen.“ Heintz hat gerade eine Studie zu den Erwartungen der Wirtschaft an Hochschulabsolventen veröffentlicht. Fazit: Die Industriebetriebe wünschen sich junge, hoch motivierte Bewerber, die ihr theoretisches Wissen in die Praxis umsetzen können – und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Gerade an diesen Schlüsselqualifikationen mangele es den Absolventen aber oft, klagten die befragten Betriebe.

Also doch wieder die Klage über den ausweglosen deutschen Bildungsnotstand? Nein, der DIHK sieht durchaus einen Lichtblick: im Bachelor, der flächendeckend als berufsqualifizierender Abschluss nach sechs Semestern eingeführt werden soll. Wenn die Reform hält, was sie verspricht, werden die Absolventen über die sozialen und methodischen Kompetenzen verfügen, die die Wirtschaft heute noch vermisst.

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