Zeitung Heute : Gute Bildung stabilisiert den Kiez

Ein Wohnungsunternehmen, das sich beim Thema Bildung engagiert? Auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich scheinen, doch beim näheren Hinsehen werden die Zusammenhänge deutlich. Über Motive, Skeptiker und erste Erfolge spricht degewo-Vorstand Frank Bielka im Interview.

Die degewo initiierte vor vier Jahren einen Bildungsverbund im Weddinger Brunnenviertel. Warum mischen Sie sich in Bildungsfragen ein?

Frank Bielka: Das Wohnumfeld ist für viele Mieter entscheidend bei der Wahl des Wohnortes. Bei einer Umfrage, die wir in Auftrag gegeben haben, antworteten 77 Prozent der Berliner, dass der Ruf einer Schule oder Kita für ihre Wohnortwahl eine entscheidende Rolle spielt. Stimmen Qualität und Angebot, sind auch junge Familien aus der Mittelschicht bereit, mit ihren Kindern an Ort und Stelle zu bleiben. Sonst ziehen sie in eine „bessere“ Gegend.

Investitionen in die Bildung sollen das verhindern?

Frank Bielka: Ja. Das Brunnenviertel drohte vor vier Jahren abzurutschen. Wir haben mit verschiedenen Maßnahmen gegengesteuert. Die Erhöhung der Bildungsqualität stand dabei an oberster Stelle. Die Schulen und Kitas vor Ort haben sich vernetzt, auch die Bezirksverwaltung, Schulamt und die Politik wurden einbezogen. In diesem Prozess gab die degewo lediglich die Initialzündung, es lag uns fern, pädagogischen Ratschläge zu erteilen.

Gab es Vorbehalte gegen ihre Initiative? Denn noch immer wird ja kritisch beäugt, wenn sich Wirtschaftsunternehmen um Schulen kümmern.

Frank Bielka: Schulamt und Bezirksverwaltung haben am Anfang schon skeptisch nachgefragt und vermuteten einen Eingriff in ihre Kompetenzen. Doch ihnen wurde schnell klar, dass wir uns stark machen, um die Perspektiven der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Die Bildungskette hört doch nicht mit dem Schulabschluss auf. Die Schüler sollen über den Partner aus der Wirtschaft die Wirklichkeit kennenlernen. Am Ende gewinnen dabei alle: die Schulen, die Schüler, der Kiez und die degewo. Eine vielfältige Schullandschaft macht einen Wohnstandort attraktiv.

Wie sieht denn ihre Zwischenbilanz aus? Sind schon Erfolge erkennbar?

Frank Bielka: Eindeutig ja. Die Schulen haben ganz neue Profile und Lernkonzepte entwickelt und setzen dabei auf eine enge Kooperation mit den Eltern. Und die Motivation der Schüler, so hören wir von den Lehrern, sei gestiegen. Die Schulen zeigen ein neues Selbstbewusstsein, denn sie spüren mehr und mehr ihre Bedeutung für ein lebendiges Wohnquartier. Unser Engagement zahlt sich bereits aus. Der Wohnungsleerstand im Brunnenviertel ist von 7,8 Prozent im 4. Quartal 2006 auf 2,1 Prozent im 4. Quartal 2009 gesunken. Der „Hofgarten“, eine Wohnanlage, in der wir mehr als 300 Wohnungen komplett saniert haben, wird bis Ende 2009 voll vermietet sein. Die Nachfrage nach Wohnungen im Brunnenviertel ist erheblich gestiegen.

Unsere Erfolge im Wedding haben uns ermutigt, in der Gropiusstadt ebenfalls einen Bildungsverbund anzustoßen.

Reicht es denn aber in die Bildung zu investieren, um ein Stadtquartier zu stabilisieren?

Frank Bielka: Die Arbeit ist noch längst nicht getan. Der Bildungsverbund ist nur ein Aspekt der degewo-Quartiersstrategie. Wir investieren darüber hinaus in die Sicherheit auf den Straßen, die Verbesserung der Beschäftigungssituation und in Jugendfreizeiteinrichtungen. Es muss alles zusammenspielen: Wohnumfeld, Vermietungspolitik, Bildung, Arbeitsmarkt, Integration und Sicherheit. Vor allem ist eine enge Kooperation mit den Akteuren vor Ort, insbesondere mit dem Bezirksamt erforderlich.

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