Zeitung Heute : Gute Fachleute sind heiß umworben

DIRK NEUBAUER

Wie knapp die Bewerberdecke ist, mögen Insider nur unter der Hand sagen.Gute Leute könnten im Einstellungspoker mittlerweile sogar eigene Gehaltswünsche durchsetzen, heißt es.Auf Fremdsprachenkenntnisse und Auslandsaufenthalte werde immer häufiger verzichtet - nur um überhaupt geeignetes Personal zu bekommen.Pessimistische Einschätzungen zur künftigen Konjunktur sind bei den Personalabteilungen der Unternehmen noch nicht angekommen.Im Gegenteil.Der Markt für technische Fach- und Führungskräfte boomt, wie eine Stellenmarktanalyse im Auftrag der VDI-Nachrichten ergeben hat.

Die Hamburger Personalberatung SCS hat 35 regionale und überregionale Zeitungen ausgewertet.Danach stieg die Zahl der Ingenieurpositionen im ersten Quartal des laufenden Jahres gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent auf 24 627 Stellen.Das ist ein Plus auf hohem Niveau.1998 war mit 79 821 Positionen und einem Zuwachs von 49 Prozent ein Rekordjahr.Den deutlichsten Branchenaufschwung verzeichneten der Fahrzeugbau mit einem Plus von 73 Prozent.Danach folgten die Elektronik (plus 28 Prozent), der Maschinenbau (plus 26 Prozent) und die Informationstechnik (plus 22 Prozent).Offen sind der Auswertung zufolge vor allem Positionen in der Produktion sowie in Forschung und Entwicklung.

Praktiker bestätigen die Ergebnisse.Bei der Personalsuche könne nicht mehr aus dem Vollen geschöpft werden."Vor zwei Jahren hatten wir für unsere 20 Traineestellen über 1000 Bewerbungen.In diesem Jahr sind es knapp 100 Interessenten", sagt Dr.Andreas Fischer, Leiter "Personel Services and Labor Law" bei der FAG Personaldienste und Service GmbH.Von den eigenen Qualitätsansprüchen an die Bewerber möchte bei FAG niemand abgehen.

Er gibt allerdings zu erkennen, daß Arbeitsverträge arbeitnehmerfreundlicher gestaltet werden: "Trainees bekommen von Beginn an einen unbefristeten Vertrag." Wer sich im Assessment Center bewährt, darf unmittelbar mit einem Stellenangebot rechnen - und muß sich nicht wie früher wochenlang gedulden.

Das muß Siemens - noch - nicht.Für den Elektrokonzern läuft das aktuelle Geschäftsjahr seit dem 1.Oktober 1998."Seither haben wir 1850 Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler eingestellt", bilanziert Hans Bernd Fischer, der Leiter des Siemens Hochschulmarketings.Allerdings merken auch die Fachleute beim Münchener Elektroriesen den zunehmenden Mangel an guten Ingenieuren.

Der Boom bei allen Unternehmen in der Informations- und Kommunikationsbranche habe in den vergangenen Jahren dreimal mehr Stellen geschaffen als Absolventen der entsprechenden Fachrichtungen verfügbar waren.Zudem haben Warnungen vor einem Ingenieurstudium verhängnisvolle Früchte getragen.Nur noch jeder fünfte Student strebe ins Ingenieurfach."Bei den Elektroingenieuren ist die Zahl der Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen mittlerweile um über 40 Prozent zurückgegangen", sagt Siemens-Mann Fischer.Im Jahr 1994 beendeten rund 15 000 Elektroingenieure ihre Ausbildung, im vergangenen Jahr waren es nur noch rund 10 000 - "und wenn nichts geschieht, werden wir im Jahr 2001 bei einem absoluten Minimum von unter 6000 Elektronikabsolventen sein".

Zudem ist der Arbeitsmarkt für gute Ingenieure wesentlich breiter geworden, als er noch vor wenigen Jahren war.Mittlerweile interessieren sich auch Unternehmensberatungen, Investmentbanken und Consultants für gute Ingenieure.US-Firmen fischten die besten Talente ab.Ersatz durch ausländische Ingenieure sei nicht in Sicht."In manchen westeuropäischen Staaten - wie Italien - ist der Ingenieurmangel sogar noch größer als bei uns", hat Fischer beobachtet.Siemens werde die eigenen Ausbildungsanstrengungen erheblich verstärken.Die Siemens Technik Akademie will ihre Kurse ausweiten."Ohne den deutschen Hochschulen und dem ehrwürdigen Diplom zu nahe zu treten: Wir brauchen im Bildungswesen international anerkannte Abschlüsse wie Bachelor und Master."

All diese Anstrengungen der Unternehmen können die Misere bloß dämpfen, nicht beseitigen.Vor fünf Jahren wurde vor einer Ingenieurkarriere gewarnt.Heute mangelt es an Ingenieuren.Gibt es in fünf Jahren wieder eine Ingenieurschwemme? Die Bildungsexperten der Wirtschaftsverbände grübeln, wie ein solcher "Schweinezyklus" vermieden werden kann.Gotthard Graß, Sprecher des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie, ZVEI, schlenzt den Ball vor die Füße der Betroffenen: "Mit ihrer Kreativität und ihrem Erfindungsgeist haben die Ingenieure die Entwicklung ihres Arbeitsmarktes quasi selbst in der Hand." Clevere Produkte und Verfahren sicherten dem Ingenieurnachwuchs Arbeitsstellen auf Jahre hinaus.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Ingenieurlaufbahn sei allerdings, daß die technisch Begabten beweglich blieben."Ohne Einblick in die Grundlagen der Programmierung und ohne betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse kommen Ingenieure heute nicht mehr allzu weit", beobachten die Experten vom ZVEI.

Das Bild vom vielseitig einsetzbaren Ingenieur zeichnet auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.(VDMA).Mitterweile sei etwa jeder zweite Maschinenbauingenieur in Vertrieb, Einkauf oder Service tätig.Befragt vom VDMA definierten die deutschen Maschinenbauunternehmen beinahe einstimmig ein Anforderungsprofil für Ingenieure: Sie müssen perfekt Englisch sprechen, teamfähig sein und Projekte managen können.Den Mangel an Ingenieuren versuchen die Unternehmen durch einen Griff nach artverwandten Akademikern auszugleichen.So kommen sogar Physiker in den Genuß gutdotierter Stellen. HB

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