Zeitung Heute : Gute Forschung reicht nicht aus

Unter 32 europäischen Metropolen kommt die Berliner Wirtschaft auf den vorletzten Platz. Helsinki nutzt seine Potenziale besser

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Von Anne Hansen Karl Brenke arbeitet im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, er hat Ökonomie studiert und vertieft sich mit Vorliebe in den Wirtschaftsteil seiner Tageszeitung. Aber wenn er über die deutsche Hauptstadt spricht, wird er zum Poeten. „Man sieht, dass grüne Pflanzen wachsen, aber immer noch werden sie von einer Menge braunem Laub bedeckt.“

Der Berlin-Experte will die Wirklichkeit ein wenig verschönern, sagt er. Denn würde er weniger blumig sprechen, hieße das: Die Arbeitslosigkeit ist mit 18 Prozent doppelt so hoch wie im EU- Schnitt, die Zahl der Erwerbstätigen ging seit 1995 um 3,6 Prozent zurück, und die Produktivität zählt zu den niedrigsten in Europa. Das besagt eine Studie des Hamburgischen Welt-Wirtschafts- Archivs (HWWA) und der Hypo-Vereinsbank zur Beschäftigungsentwicklung europäischer Städte. Im Vergleich von 32 europäischen Metropolen landet die deutsche Hauptstadt dabei vor Budapest auf dem vorletzten Platz.

Dass es auch anders geht, beweist Helsinki, die Nummer Eins der Studie. Die finnische Hauptstadt ist demnach einer der Top- Standorte Europas. Arbeitsplätze entstehen hier überdurchschnittlich häufig, Betriebe mit innovativen Industrien siedeln sich besonders gerne an. Doch was macht Helsinki anders? Und vor allem: Was kann Berlin von Helsinki lernen?

Wirtschaftsforscher Brenke sieht Berlins Hauptproblem darin, dass es zu wenige wissensintensive Industrien gibt. Während Helsinki den Strukturwandel geschafft habe und sich immer weiter in Richtung einer Wissensgesellschaft bewege, sei Berlin stehen geblieben. „In der Grundlagenforschung ist Berlin zwar gut“, sagt Silvia Stiller vom HWWA. „Aber wenn es darum geht, die Forschungsergebnisse in der Industrie umzusetzen, hinkt die Stadt noch weit hinterher.“ Während in Helsinki Patente sofort zu Produkten würden und damit für neue Arbeitsplätze sorgten, funktioniere dieser Transfer in Berlin nicht.

In Finnland klappt das besser. Helsinkis universitäre Infrastruktur versorgt Unternehmer mit qualifiziertem Personal, zudem sind es die Finnen, die in Europa am meisten in Forschung und Entwicklung investieren. „So entstanden Zugpferde wie Nokia, die unsere gute wirtschaftlicheEntwicklung vorangebracht haben. Nokia hat ähnliches für uns gemacht wie Microsoft für den ehemals armen US-Staat Washington“, sagt Hannu Piekkola vom Institut für Wirtschaftsforschung in Helsinki.

Um Nokia herum ist eine Industrie gewachsen, die sich sehen lassen kann. Der Telekommunikationssektor boomt mit Firmen wie Telia und Elisa und auch der schwedische Mobilfunkanbieter Ericsson macht inzwischen viele seiner Geschäfte von Helsinki aus.

Immerhin: Das Potenzial Berlins ist gar nicht so schlecht. „Die Voraussetzungen der Stadt sind gut“, sagt Joachim Schwalbach, Wirtschaftsprofessor an der Humboldt-Universität. Denn im europaweiten Vergleich hat Berlin mit 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes überdurchschnittlich stark in Forschung und Entwicklung investiert. Jeder dritte Erwerbstätige hat einen Hochschulabschluss – auch hier kann die Stadt im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen punkten.

„Die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Fachkräften ist der Schlüssel für künftigen Erfolg“, sagt Hannu Piekkola. Sein Rat an Berlin: Internationalität nutzen und Netzwerke bilden, mehr in Bildung investieren und die Universitäten stärken.

Piekkolas Ratschläge hören sich gut an. Wahrscheinlich würden sie auch funktionieren. Doch ein Problem bleibt. Ende 2005 lag die Verschuldung der Stadt Berlin bei 58 Milliarden Euro. Dafür findet selbst Karl Brenke keine Formulierung, die sich besser anhört.

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