Zeitung Heute : Gute Menschen, böse Menschen Von Harald Martenstein

Es gab in den vergangenen Jahren in Österreich genau zwei Verbrechen, bei denen Kinder jahrelang in Verliese gesperrt und missbraucht wurden, in dem einen Fall vom Vater, in dem anderen Fall von einem Entführer. Um korrekt zu sein, muss man hinzufügen: Zwei Fälle wurden entdeckt. Vielleicht gibt es mehr, aber das weiß man halt nicht.

Diese beiden Verbrechen sind in zahlreichen Medien ein Anlass für Spekulationen über die österreichische Volksseele. Der Schriftsteller Josef Haslinger, ein Österreicher, sieht in den Einkerkerungen eine Spätfolge des Nationalsozialismus und seiner unzureichenden Verarbeitung in Österreich, auch der Katholizismus trage eine Mitschuld. Wir reden hier, das muss man sich klarmachen, über zwei Fälle, zum Glück nur zwei, nicht zwanzig. Österreich hat acht Millionen Einwohner. Deshalb ist der einzige Trend und die einzige Gewissheit, die man aus den Fällen Fritzl und Kampusch mit Sicherheit ableiten kann, folgender: Die Medien, eventuell auch die Schriftsteller, werden immer wahnsinniger. Wenn zwei ähnliche Verbrechen schon dazu taugen, tiefenpsychologische Erkenntnisse über ein Volk zu gewinnen, was ist dann erst mit der Berliner Polizei? 1999 wurden in Berlin kurz hintereinander zwei Fälle von Korruption bei der Polizei aufgedeckt, vermutlich hat auch das mit dem Erbe des Nationalsozialismus zu tun, insofern, als einer der Großväter der betroffenen Polizisten in der NSDAP war. In Siegen gab es 2002, unabhängig voneinander, zwei Fälle extremer Tiermisshandlung. Was ist mit den Siegenern los? Warum hassen sie Tiere so sehr? In Trier werden immer mehr Kinder von Sexualverbrechern in Autos gelockt, dies geschah im April zwei Mal, vermutlich handelt es sich um verschiedene Täter. Trier – Stadt der Sexualverbrecher. Kein Wunder, würde Josef Haslinger sagen, die Stadt ist katholisch. Nein, ich mache keine Scherze über grausame Schicksale. Ich möchte lediglich einen Vorschlag loswerden, nämlich den, bei Ereignissen, seien sie erfreulich oder unerfreulich, grundsätzlich auch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es sich um einen Zufall handeln könnte.

Gute Menschen, böse Menschen, Verbrechen, Mut, all dieses Zeug gibt es immer und überall. Ich weiß, dass uns Menschen diese Sichtweise widerstrebt, wir wollen immer Ursachen finden, wir sind Forscher. Ursachen beruhigen. Wo es eine Ursache gibt, dort gibt es auch Heilung. Wer den Zufall ins Spiel bringt, steht im Verdacht, ein Fatalist zu sein, jemand, der sich mit dem Bösen abfindet. Lieber konstruiert man die verrücktesten Zusammenhänge. Katholiken und Nazis gibt es auch in Deutschland, viel logischer wäre es deshalb, wenn die Fälle Fritzl und Kampusch mit den Habsburgern zusammenhingen.

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