Zeitung Heute : Gute Miene zum bösen Spiel

Olympia in Peking wird zum Politikum. Wie positioniert sich der internationale Sport?

Benedikt Voigt[Peking] Friedhard Teuffel[Berlin]

Die internationale olympische Familie tagte im großen Konferenzsaal des ChinaWorld-Hotels: Vertreter der 205 Nationalen Olympischen Komitees (Anoc) übten sich in Einigkeit, zum Wohle der Spiele. Am Ende der Tagung hatten die 700 Delegierten dann noch eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Sie versuchten sich vor dem Podium

in mehreren Reihen aufzustellen. Eine Dame dirigierte sie. „Bitte, bitte“, sagte sie zu den bewegungsunwilligen Delegierten, „für die Ästhetik.“ Einige Minuten dauerte es, dann war das Gruppenfoto der 16. Vollversammlung der Anoc in Peking vollbracht.

Während zu diesem Zeitpunkt in San Francisco die Sicherheitsvorkehrungen für den Fackellauf nochmals verschärft wurden – die Polizei schirmte die chinesische Botschaft ab, entlang der Uferpromenade wurden Barrikaden aufgebaut – rückten die Sportfunktionäre in Peking zusammen: Die Delegierten schwächten ihre Vorlage für eine gemeinsame Resolution mit dem Internationalen Olympischen Komitee zu den Ereignissen in Tibet ab. Anoc-Präsident Mario Vazquez-Rana sorgte dafür, dass aus der ursprünglichen Fassung ein Abschnitt gestrichen wurde, der die Situation in Tibet explizit erwähnte: „Wir vertrauen darauf, dass die Volksrepublik China eine faire und vernünftige Lösung des internen Konflikts finden wird, der die Tibetregion betrifft“, hatte es zuerst geheißen. Weil die Anoc aber eine Sportorganisation sei und daher „nicht über Chinas interne Konflikte sprechen könne“, sei der Passus verändert worden, sagte Vazquez-Rana. „Wir vertrauen darauf, dass sich die Regierung Chinas darum bemüht, durch Dialog und gegenseitiges Verstehen, eine faire und vernünftige Lösung für den internen Konflikt findet zum Wohl der Spiele und der Athleten“, heißt es nun in der abgeschwächten Version.

Die heikle Änderung des Textes hat eine seltsame Vorgeschichte. Eigentlich war der Text bereits am Montag angenommen worden, trotzdem brachte Präsident Vazquez-Rana das Thema auf der Delegiertenkonferenz am Mittwoch wieder auf die Tagesordnung. Die deutsche Delegation, die das Thema vorangetrieben hatte, fehlte bei dem Treffen wegen Sitzungen des IOC. „Das Vorgehen war grenzwertig“, sagte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper. „Aber der Inhalt unseres Vorstoßes ist geblieben. Und dass es um Tibet geht, weiß ohnehin jeder.“

Wer sich im Hintergrund für die Änderung stark gemacht hatte, wollte Mario Vazquez-Rana nicht sagen. Die Forderung der holländischen Delegation, die Aussage der Ursprungsfassung sogar noch zu verstärken, wies er zurück. „Wir können doch nicht zu China sagen, wenn ihr das nicht macht, vertrauen wir euch nicht mehr“, sagte er. Die Aussage sei schon stark genug. Anschließend suchte er im Plenum nach den Delegierten des chinesischen Nationalen Olympischen Komitees „Das ist doch eine faire und vernünftige Lösung, oder?“, sagte er in sein Mikrofon und hob jovial den Daumen, „Ja? Sagt ja!“ Ein Delegierter tat ihm den Gefallen. Die endgültige Version der Anoc-Vorlage soll erst heute nach der gemeinsamen Sitzung mit dem Exekutivkomitee des IOC veröffentlicht werden.

Dessen Präsident Jacques Rogge hatte sich gestern eine Stunde lang mit Chinas Premierminister Wen Jiabao getroffen. Über den Inhalt des Gesprächs wurde nichts bekannt. Das IOC kündigte an, erst am Freitag darüber informieren zu wollen. Für heute wird vom IOC zumindest eine Erklärung erwartet, auf welche Weise sich Athleten bei den Spielen in Peking politisch äußern dürfen.

Auch die Fortsetzung des Fackellaufs wird Thema der Sitzung sein. Ein Abbruch dürfte allerdings nicht infrage kommen. Bereits am Dienstagabend hatte Rogge entsprechende Meldungen dementiert. Auch IOC-Vizepräsident Thomas Bach sagte: „Es sieht so aus, als ob der olympische Fackellauf weitergeht.“ Konsequenzen dürfte es erst für künftige Fackelläufe geben. Viele IOC-Mitglieder unterstützen die Idee, die olympische Flamme künftig nur noch durch das Gastgeberland zu tragen. „Die aktuelle Situation ist nicht zu akzeptieren“, sagte Vazquez-Rana, „es gibt für einen Veranstalter von Olympischen Spielen schon genug Probleme, auch hier in Peking, da muss man sich nicht auch noch um eine Fackel sorgen, die um die Welt geht.“

Im Gegensatz zu Bach setzte sich der Ehrenvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Manfred von Richthofen, für einen Abbruch des Fackellaufs ein. Der Lauf sei zur „makabren Veranstaltung“ geworden, sagte er bei einer Anhörung im Sportausschuss des Bundestages am Mittwoch. Die Sitzung machte deutlich, dass die Auseinandersetzung um die Spiele unter Deutschlands Sportfunktionären längst eine persönliche Ebene erreicht hat. Der Vorsitzende des Sportausschusses, Peter Danckert (SPD), hatte DOSB-Präsident Bach für dessen geplante Teilnahme am olympischen Fackellauf kritisiert. In einem offenen Brief antwortete Bach darauf: Der Vorwurf sei „niveaulos“. „Es gehört schon eine gewisse Chuzpe von Ihnen dazu, zwei Reisen des Sportausschusses zu den Olympischen Spielen und den Paralympics zu bestätigen und gleichzeitig den Beschluss des DOSB, Athleten dorthin zu entsenden, als voreilig und überflüssig zu bezeichnen“, schrieb Bach.

Ob die Abgeordneten des Sportausschusses nun tatsächlich nach Peking fahren, ließ Danckert gestern allerdings offen: „Das muss jeder einzelne Abgeordnete für sich entscheiden.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben