Zeitung Heute : Gute Seiten, schlechte Seiten - das Internet als Kunstschaufenster

Elfi Kreis

Der Blick ins Kunstschaufenster Internet hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. In der Bundesrepublik, die der internationalen Entwicklung generell hinterherhinkt, ist der elektronische Marktplatz augenblicklich mächtig in Bewegung geraten. Auch der Kunstmarkt zieht mit und steuert nun auf der Nachholspur ins WorldWideWeb. Knapp die Hälfte der Privatgalerien in Berlin sind heute online: vielfach mit einer Homepage im Rahmen einer Sammelpräsentation auf einem Kunstserver. "Artnet" und "German Galleries" sind Beispiele für kommerzielle Kunstserver, die - im ersten Fall international mit Schwerpunkt in den USA, im zweiten in Deutschland - über aktuelle Kunstausstellungen und Neuigkeiten informieren. Zugleich stellen sie die persönlichen Seiten der Galerien ins Netz. "German Galleries" wird von der Berliner Firma Bernhard + Ott Online Publishing betreut. Ein weiteres Angebot ist "Art Affairs" des Flöter Lenz Verlags. Gunhild Flöter und Klaus Lenz publizieren Kunstbücher und vertreiben für Berlin ihren handlichen Galerienführer "Gallery Park" im Taschenformat sowohl gedruckt wie als CD-ROM. Auf ihrer Webpage " www.txt.de/artaffairs " bieten sie einen übersichtlichen Galeriekalender für Berlin. Unter dem Zusatz "/bburg.htm" findet man Informationen für den Raum Brandenburg. Er soll demnächst um Homepages der Einzelgalerien ergänzt werden.

Bei der individuellen Internetadresse spielt nicht nur der Kostenfaktor eine Rolle. Wer zu spät kommt, wird auch im virtuellen Galerieleben bestraft: Der Handel mit griffigen Domainnamen ist in der Endphase eines Resteausverkaufs angelangt. Wohl dem, der wie die Galerie Wohnmaschine (" www.wohnmaschine.de ") keinen Allerweltsnamen hat.

Wer als global player weltweit eine Rolle spielen will, für den zählen Internetanschluß, e-Mail und Webadresse inzwischen zum technischen Standart - aus praktischen Erwägungen unter den Gesichtspunkten schneller und preiswerter Kommunikation oder als Plattform attraktiver Eigenwerbung ohne Öffnungszeiten. Die Webpräsentation ist nicht zuletzt ein Imagefaktor. Sie gehört dazu, um up to date zu sein.

Überraschenderweise finden sich aber gerade bei den Seiten des kommerziellen Kunsthandels selten besonders innovativ gestaltete Beispiele. Die Internetabstinenzler unter den Berliner Kunsthändlern sehen inzwischen die Notwendigkeit, ins Netz zu gehen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das gilt spätestens, seit sich ihnen auch ohne eigenen Internetanschluss die günstige bis unentgeltliche Möglichkeit bietet, im Sammelverbund zumindest eine einfache Webpräsentation zu schalten. Service orientierte Kunstserver, die dafür die Vorraussetzungen bieten, schießen derzeit wie Pilze aus dem Nährboden des gewinnträchtigen Onlinemarktes.

Unternimmt man einen Internet-Rundgang durch Berlins Online-Galerien, kann man allerhand Überraschungen erleben. Eine wichtige, berlinspezifische Übersicht ist unter " www.berliner-galerien.de " zu finden. Unter ihrer neuen, einprägsamen Webadresse informiert der Landesverband Berliner Galerien. Im Gegensatz zum "Bundesverband deutscher Galerien" unter " www.bvdg.de " übernimmt er jedoch Serviceaufgaben für seine Mitgliedsgalerien. Seit zwei Jahren ist der Berliner Galerienverband online. Nun hat er ein Relaunch seiner Seiten gestartet und damit begonnen, Homepages für seine Mitgliedsgalerien aufzubauen. Noch hat diese Seite ihre Tücken. So ist die angebotene Gesamtschau der laufenden Ausstellungen nur annähernd aktuell. Die bereits bestehenden Homepages der zugehörigen Galerien hingegen strotzten bisweilen noch vor überalterten Angaben. Das mag an der Umstrukturierung liegen, in jüngster Zeit zeichnet sich eine deutliche Verbesserung ab. Doch einem Benutzer, der ein solches Fossil anklickt, sind die Hintergründe egal. In der Regel verläßt er die Seite fluchtartig.

Seit Jahren ist " www.galerie.de " des ansonsten renommierten Berliner Onlineanbieters und Providers "Online Now!" ein Ärgernis. Er hat sich den begehrten Domainnamen schon vor Jahren gesichert. Um ihn nicht zu verlieren, nimmt er seine unsagbare Karteileiche mit um Jahre (!) veralteten, heute schlicht falschen und Unkundige in die Irre schickenden Angaben einfach nicht aus dem Netz. Ein besonders benutzerfreundliches und trotz seines Umfangs stets mit aktuellen Updates versehenes Angebot an Ausstellungs- und Galerienübersichten bietet hingegen " www.artfacts.net ". Claasen & Friends, die anfangs auch die Seite des Landesverbandes Berliner Galerien betreuten, beweisen Fachkompetenz. Ihrem nicht eben bescheidenen Anspruch "Das Internet-Portal des internationalen Kunstmarktes" zu sein, rücken sie immer näher. Ihr Angebot umfaßt neun Länder (außerhalb Deutschlands noch sehr mager bestückt). Von Baden Baden bis Zell sind bundesweit mehr als fünfzig Städte erfasst. Das umfassende Informationsangebot vom Austellungenskalender bis zu den Galerieseiten ist aktuell und schneidet selbst im Vergleich mit konkurrierenden Berlin-Spezialisten glänzend ab. Auf vorbildlich einfach zu handhabende Weise wird man durch die Seitenabfolge geführt. Man muss allerdings in Kauf nehmen, dass es bei Artfacts keine Abbildungen gibt. Konsequenten Bildverzicht aus Überzeugung übt unter den trendbewußten Galerien rund um die Auguststraße auch die Galerie Eigen + Art. Dezente Schwarz-Weiß-Grau-Schrift und etwas Rot genügt: "Der Besucher soll selbst in die Galerie kommen", so Gerd Harry Lybke. Auch die Galerie Arndt & Partner bleibt im Web bilderfrei. Das verblüfft zunächst, doch hebt sich dieser Purismus wohltuend ab. Andererseits ist das Internet für eine schnelle Vorabinfomation über Galerien und ihr Kunstangebot auch deshalb so geeignet, weil es als visuelles Medium eine bildliche Vorstellung vermittelt. Die eigene Anschauung, den sinnlichen Eindruck wird das WorldWideWeb beim Kunstkauf aber nie ersetzen können.

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