Zeitung Heute : Guten Morgen, Vietnam

Die Baracke liegt am Rande der Stadt und hat nicht den besten Ruf. Warum gilt das Hanoi von Berlin jetzt als Hoffnungsträger? Fragen wir mal Herrn To.

Maxi Leinkauf

Jeden Morgen steigt Frau To in ihren grau-metallic Mercedes-Kombi und fährt nach Hanoi. Sie kommt an vielstöckigen Neubauten vorbei, an der Kleingartenanlage Bielefeld und an einem ehemaligen Asylbewerberheim. Frau To passiert den grauen Betonbau mit den abgewetzten russischen Buchstaben. Der Jugendklub sowjetischer Gaststudenten, ein Relikt. Da, wo es links zur Nervenheilanstalt geht, biegt sie rechts ab. Hinter der Mercedes-Filiale mit den breiten Parkplätzen voll mit blausilbernen Smart-Modellen hält sie an. „Huong Bien Quan“ steht in roten Buchstaben auf einer weißen Baracke aus Wellblech. Willkommen in der Heimat. Willkommen im vietnamesischen Zentrum in Marzahn.

Mit toten Augen glotzt ein Barsch aus einem Plastikkübel am Eingang des vietnamesischen Spezialitätengeschäfts. Krakenartig führen Gänge zu Textil- und Haushaltswarengeschäften, eines neben dem anderen, kaum unterscheidbar. In einem Laden stapeln sich vietnamesische Videokassetten, an den Wänden hängen die Poster der Pop-Stars. Eine Brigade bunter Plastikzwerge – geklont irgendwo in Asien – wartet auf ihren Einsatz in deutschen Gärten. An einer der vielen Ecken, zwischen Friseur und Suppenküche – Herr To. Der kleine Mann mit halblangen schwarzen Haaren, die eine Glatze umrahmen, schwarzem Anzug und weißem Hemd, handelt hier noch manchmal mit T-Shirts und billigen Jeans, Jogginghosen und Glitzer-Tops, die sich auf 120 Quadratmetern in Pappkartons stapeln. Seine Frau beliefert meist Landsleute, die die Klamotten auf Märkten in ganz Deutschland vertreiben. Wenn es gut läuft, macht sie 1500 Euro im Monat. Davon kann sie gerade so die Mieten für Wohnung und Geschäft bezahlen und die Familie ernähren. Im Moment läuft es nicht so gut.

„Leben sehr schwer“, sagt Herr To. „Leben ist arbeiten, arbeiten und Kinder“, fügt seine Frau hinzu. Seit sie von ihrem Mann das Geschäft übernommen hat, sitzt sie seltener an ihrer alten elektrischen Victoria-Nähmaschine, die auf dem Tisch steht. In dem kleinen Restaurant duftet es nach Zitronengras und Koriander. Auf den Tischen liegen nur Stäbchen. Kinder quietschen, und im Radio läuft Popmusik aus Saigon. „Wir leben hier wie in Vietnam“, sagt Herr To. „Wir essen Reis wie in der Heimat, wir sprechen vietnamesisch und helfen uns, wenn wir können.“ Aber kaum ein Deutscher und wenige Vietnamesen „wissen wirklich, wer ich bin“, sagt Herr To.

Little Hanoi, wie die deutschen Anwohner die ergraute Fabrikhalle nennen, liegt am Rande der Stadt. Weit vom Schuss. Frau Hämmerling von den Grünen würde das gerne ändern. Eine Überdachung. Bunt und breit, aus deutsch-asiatischen Ziegeln. Im Sinne der Völkerverständigung. Herr Schmidt von der Entwicklungsgesellschaft ist Verständigung schnuppe. Er will Handel, ganz groß. Chinese Trade. Und Herr To wäre schon mit einem neuen, wasserfesten Wellblechdach zufrieden.

Folklorehemd Hanoi

Wolfgang Kiekebusch lebt seit 20 Jahren in Marzahn und mag Asien. „Ganz ehrlich, ick kenne alle Chinatowns der Welt“, erklärt Kiekebusch. „Ick kenne San Francisco, London, Paris, ooch New York. Nächste Woche fahre ick nach China.“ Das kleine vietnamesische Zentrum aber kennt der 50-jährige Ost-Berliner nur von außen. „Da sage ick, lass die mal unter sich. Die haben ja sonst keinen Ort, wo sie hin können. Irgendwie hat dit hier im Osten auch immer so einen kleinen bösen Beigeschmack. Ick meine, die DDR hat sie reingeholt, dann bricht die Arbeit weg und dann geht dit los. Dann wird jeschossen.“ Kiekebusch spricht aus, was viele hier im Kopf haben, wenn sie an die Asiaten im Osten der Stadt denken. Kriminalität. Mafia. Schmuddelecke. Sie lesen davon täglich in den Zeitungen. Vietnamese in Marzahn niedergeschossen. Mafia: Bandenkrieg neu entflammt? Polizei beschlagnahmte 110 000 Zigaretten.

Zehn Kilometer Luftlinie von Herrn To in Marzahn entfernt, sitzt Claudia Hämmerling zwischen braunen Leitz-Ordnern in ihrem Büro im Berliner Abgeordnetenhaus und träumt. Die grüne Stadtpolitikerin möchte Herrn To und Herrn Kiekebusch zusammenführen. Umgeben von hölzernen Löwen könnte Kiekebusch in einem asiatischen Tempel unter einem Pagodendach residieren, süß-saures Huhn mit Glasnudeln speisen und ab und an bei einem deutsch-vietnamesischen Bier mit Herrn To den aktuellen Stand der Geschäfte diskutieren. Später verkauft Herr To Kiekebusch das Folklorehemd „Hanoi“ für einen fair ausgehandelten Preis. Vielleicht fällt bei dem Freundschaftsdeal sogar noch eine gute Flasche Pflaumenwein ab. Den trinkt Kiekebusch dann mit Gleichgesinnten. Herrn Tos Söhne bringen Kiekebuschs Kindern derweil Karate im Sportzentrum bei. Tos Frau relaxt mit Frau Kiekebusch im Wellnessbad, nachdem sie ein Marzahner Guru mit der Weisheit des Tai-Chi vertraut gemacht hat. Ab und zu schaut mal eine Touristengruppe aus Schwaben vorbei. Sie plaudern mit Kiekebusch über ihre Trips nach Asien.

Frau Hämmerling schwebt ein „religiöser und kultureller Schwerpunkt aller Asiaten in Berlin“ vor – „citynah und mitten im Herzen Berlins“. Ein „neues Glanzlicht der Stadt“. Sie hat auch schon den passenden Ort für ihre Ideen gefunden – das Areal des ehemaligen Schlachthofes an der Landsberger Allee. Wobei nicht ganz deutlich wird, was die Stadtpolitikerin inspiriert hat: die ungenutzte Immobilie oder das Flair asiatischer Viertel in anderen Metropolen der Welt. In Berlin gab es das das letzte Mal in den goldenen Zwanzigern.

Damals hatte Berlin mehrere chinesische Viertel. Um die Kantstraße lebten damals aufstrebende Akademiker zur Untermiete. Es waren vor allem wohlhabende Chinesen, die sich vorwiegend „mit Hornbrillen und fein zurückgekämmten Haaren“ im eleganten chinesischen Restaurant „Tientsin“ trafen, wie eine Zeitung aus dieser Zeit schrieb. Aber es kamen auch radikale Chinesen, um in der weltoffenen Atmosphäre der Weimarer Republik gegen die damalige Kolonialpolitik der Japaner zu kämpfen. Sie hatten nach Korea nun die Mandschurei besetzt und kamen China immer näher. Der Bekannteste unter den Aktivisten war der spätere Ministerpräsident Zhou Enlai. In der Kantstraße 122 stritten linke Gruppen um ihre Ideale. Manchmal musste sogar die Polizei eingreifen, um sie zu besänftigen.

Während sich in Charlottenburg die junge Bourgeoisie traf, lebten im „Gelben Quartier“, um den Schlesischen Bahnhof, Seeleute, Artisten oder Händler. Es waren die einfachen Chinesen Berlins, die als Wäscher, Hausierer oder Kleinhändler über die Runden kamen. Sie handelten mit Porzellanvasen, Figuren aus Speckstein, mit Lackwaren oder billigem Schmuck. Wenn man so will, die asiatischen Vorgänger von Herrn To und seiner Frau.

In einer Berliner Kneipe an der Ecke Kraut- und Lange Straße trafen sich die besitzlosen Chinesen und spielten Majong. An den Wänden hingen in chinesischen Zeichen Verordnungen der Fremdenpolizei und der Konsulate. Der Wirt erlaubte ihnen in einem hinteren Raum, Chinesisches zu kochen. Viele der Kaufleute sprachen nur ihren Heimatdialekt. Mit Hitlers Machtantritt wurden Eheschließungen zwischen Deutschen und Chinesen verboten. Die Zahl der Studierenden sank um die Hälfte. Die Lebensbedingungen der Kleinhändler am Schlesischen Bahnhof verschlechterten sich drastisch. Bis 1936 verließen die meisten Chinesen Berlin. 100 Chinesen wurden in KZs eingeliefert, vorwiegend Kleinhändler, die ihre Ware nicht mehr verkaufen konnten und aus Not illegalen Geschäften nachgehen mussten. So war es mit Chinatown vorbei, noch ehe es wirklich wachsen konnte.

Herr To aus Marzahn kam 1987 in die DDR. Er war einer von den 50000 vietnamesischen Vertragsarbeitern, die die Regierung ins Land geholt hatte, um den chronischen Arbeitskräftemangel zu beheben. To arbeitete als Maschinenbauer im Elektroapparatewerk (EAW) die meiste Zeit Schicht. Seinen Ostlohn investierte Herr To wie viele seiner Landsleute in Waren, die sie eigentlich bei seiner Rückkehr in die Heimat verkaufen wollten. Denn die Zeit in der DDR war vertraglich begrenzt. Sie lebten in einem Ghetto aus Neubauten, heimatfremd, isoliert und entwurzelt. Man sah sie nicht auf den Straßen. Am Wochenende spielten sie Karten und tranken abends mal einen Schnaps zusammen. „Wir waren immer nur unter uns“, erinnert sich Herr To. Integration war von den DDR-Behörden auch nicht geplant. „Eigentlich sollten wir Vietnamesen nur für vier, fünf Jahre in die DDR kommen, ohne die Familie“, sagt er. Tos Frau kam drei Jahre später mit den zwei Söhnen nach. Sie erlebte die DDR ganze zwei Tage. Tausende der ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter gingen nach dem Fall der Mauer nach West-Berlin. Sie hofften auf Asyl. Der buddhistische Tempel in Spandau war ihr Durchgangslager. Tos Familie zog in eine Vier-Zimmerwohnung in Hohenschönhausen.

Im Westen kannte Herr To niemanden. Die West-Berliner Vietnamesen fürchteten nach der Wende um ihren guten Ruf, den sie durch die Zigarettenmafia im Osten zerstört sahen. Sie grenzten sich von ihren Landsleuten ab, die sich nach der Wende in einem rechtlichen Vakuum befanden und illegal ihren Lebensunterhalt sichern wollten. Erst seitdem ab 1992 eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für sie leichter zu bekommen war, stiegen viele Vietnamesen auf legalen Handel um.

Ein großer Teil hat bereits Anfang der 90er Jahre gegen eine Abfindung von 3000 Mark das Land verlassen. Herr To hatte da im vietnamesischen Zentrum gerade sein erstes Geschäft eröffnet. Er führte es bis 2000, als ein Auftrag aus Vietnam für ihn kam. Herr To ist jetzt der Mann in Europa für eine Hanoier Technologiefirma. Er soll Know-How aus Deutschland nach Vietnam transferieren. „Ich muss suchen, was in diesem Land gut ist und was wir noch nicht haben“, sagt Herr To. Er hat schon etwas Wichtiges gefunden. Die Verbindung zwischen Ausbildung und Unternehmen. Zwischen Theorie und Praxis. Der diplomierte Physiker und frühere Hochschullehrer weiß, was sie bedeutet. „Ich kenne beides“, sagt er stolz. Herr To ist jetzt Vietnams Brücke zum Westen. Davon kann der 51-Jährige nicht leben. 300 Euro bekommt er für seine Recherchen im Monat, wenn es Aufträge gibt. Aber bei dem Job geht es ihm nicht um das Geld. „Ich verdiene kaum, aber ich habe Lust“, sagt er. „Vietnam muss so viel lernen.“

Hanoi im Schlachthof

Zwischen den verschiedenen Systemen, die er erlebt hat, macht Herr To kaum einen Unterschied. „DDR oder BRD ist egal“, schildert er seine Systemerfahrungen. In der BRD sei die Warenqualität besser und das Geld stärker, „aber das Soziale kann man nicht vergleichen.“ In dem 4600 Quadratmeter großen, garagenförmigen Betonbau trifft To Landsleute, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie er. Sie handeln jetzt, um über den Monat zu kommen.

Heute leben in Berlin ungefähr 9000 Vietnamesen, 5000 Chinesen und noch einmal so viele Thailänder und andere Asiaten. Sie verkaufen Glückskekse und Sesampäckchen oder flechten Schnittblumen zu asiatischen Kränzen. Oder sie lauschen im Hörsaal deutscher Philosophiegeschichte. Sie leben wie in den 20er Jahren, zersplittert und isoliert in der vereinten Stadt.

Herr Kiekebusch, der Deutsche aus Marzahn, hat dafür seine Erklärung: „Ick sage immer, Multikulti ist ja auch dezentral.“ Kiekebusch kennt die Welt. Hongkong und Manhattan liegen ihm näher als ein paar Blöcke Asien in Berlin. Näher als grüne Visionen. Wobei sich Kiekebusch gern überraschen ließe. Aber ob Frau Hämmerling ihre Idee auf dem alten Schlachthof realisieren wird, ist fragwürdig.

Die 50 Hektar am S-Bahnhof Storkower Straße sind längst verplant. Denn Herr Schmidt von der Entwicklungsträgergesellschaft SES möchte kein Asiatown für alle. Ihm schwebt noch etwas Größeres vor. Er möchte einen Teil des unbebauten Raumes um den alten Schlachthof zum Tor nach Europa machen, für chinesische Unternehmer. Aus dem „Chinese Trade Center“ sollen sie ihr Geschäft auf dem alten Kontinent koordinieren. Vielleicht würde er auch Vietnamesen nehmen, aber die Tos mit ihrem Jeanshandel, das wäre eine Nummer zu klein. Schmidts Fläche könnte Herr To auch nicht bezahlen. Den Vietnamesen in Ost-Berlin, so Schmidt, fehlt dazu „einfach das Potenzial“. To und seine Frau würde schon der Umzug von Marzahn nach Prenzlauer Berg finanziell ruinieren. Stabilität ist alles in ihrem Geschäft.

Die sprachlichen Schwierigkeiten mit den Chinesen werden sich regeln, hofft Schmidt. Immerhin sind die chinesische Regierung und der Berliner Senat längst eingeschaltet, sie unterstützen das Projekt. Herr Schmidt will den asiatischen Blick nach Westen. Chinesische „men in black“ statt Kiekebusch und Herrn To im weißen Gürtel.

Gegen halb neun am Abend steigt Tos Frau wieder ins Auto und fährt in ihre Neubauwohnung. Von der braunen Wohnzimmercouch aus lauscht Herr To dem Klavierspiel seines jüngsten Sohnes. Der 12-Jährige lebt auf acht Quadratmetern mit Pokémon an der Wand und Harry Potter-Büchern neben dem Bett. Nebenan schlafen Herr To und seine Frau. Wenn seine Eltern vietnamesisch mit ihm sprechen, versteht der jüngere Sohn nur wenig. Er träumt und redet deutsch. Herr Tos 19-jähriger Sohn macht gerade Abitur. Später möchte er an der TU Informatik studieren. Er soll sein Wissen nach Vietnam transferieren. So wie sein Vater.

Während seine Frau den Reis zum Abendessen kocht, schaut Herr To die Nachrichten im Fernsehen. Er versucht, sie zu verstehen. Vor dem Schlafengehen sehen Herr To und seine Frau lange aus dem Fenster des 17. Stocks. „Nachts stehen wir hier und gucken“, sagt Tos Frau, „nachts sind die Lichter so schön.“ Am nächsten Morgen, wenn Herr To von zu Hause aus nach deutschen Innovationen forscht, fährt seine Frau wieder zu den Jeanskartons am Stadtrand. Vielleicht schauen ja Frau Hämmerling oder Herr Schmidt mal vorbei.

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