• Gutenberg-Bibel auf CD-ROM: Das im Jahr 1455 vollendete Werk des ersten deutschen Buchdruckers ist jetzt digital zugänglich

Zeitung Heute : Gutenberg-Bibel auf CD-ROM: Das im Jahr 1455 vollendete Werk des ersten deutschen Buchdruckers ist jetzt digital zugänglich

Nicola D. Schmidt

Ganz genau wissen es die Historiker nicht: Anno 1434 oder 1436 soll es gewesen sein, als der erste deutsche Buchdrucker Johannes Gutenberg den entscheidenden Schritt machte. Bis dato wurden Bücher von Hand kopiert und in Klöstern und an Königshöfen sorgsam gehütet. Gutenberg aber goss Buchstaben als völlig gleiche, auswechselbare Metalltypen, und mit diesen beweglichen Lettern konnte er Bücher plötzlich schnell und kostengünstig in großen Mengen herstellen. Die damals entstandenen Gutenberg-Bibeln lagern heute wieder als wertvolle Kunstschätze hinter den verschlossenen Türen der Bibliotheken.

Was würde ihr Schöpfer wohl sagen, wenn er wüsste, dass die nächste mediale Revolution diese Schätze der Allgemeinheit wieder zugänglich macht? "Das erste gedruckte Buch, Gutenbergs 42zeilige Bibel, ist auch das Schönste"- diese oft gehörte Behauptung kann jetzt jeder selbst überprüfen. Das Werk wurde jedenfalls im Jahr 1455 vollendet. Zum 600. Geburtsjahr von Johannes Gutenberg veröffentlicht die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) gemeinsam mit dem K.G. Saur Verlag ihre vollständig erhaltene Gutenberg-Bibel aus der Zeit um 1455 auf zwei CD-ROMs sowie zur bloßen Lektüre frei zugänglich im Internet. Um das wertvolle und empfindliche Originalexemplar nicht zu beschädigen, musste eine möglichst schonende Art der Digitalisierung gefunden werden. Im Göttinger Digitalisierungszentrum griff man daher auf einen Arbeitsplatz zurück, der mehr an einen Zahnarztstuhl erinnert als an ein Fotostudio. Das in Graz entwickelte Gestell sorgt dafür, daß die 500 Jahre alte Bibel möglichst wenig unter der Prozedur zu leiden hatte. Das Buch wird nur so weit geöffnet, dass der Buchrücken nicht beschädigt wird - unter Speziallicht kann dann Seite für Seite als digitales Bild aufgenommen werden. "710 CD-ROMs mit Bilddaten waren das Ergebnis", erzählt Martin Liebetruth vom Digitalisierungszentrum.

Auf den nun erhältlichen zwei CDs befindet sich die Essenz dieser Arbeit. Dabei sind auf der ersten CD alle 1282 Seiten beider Bibelbände abgebildet und nach Gutenbergs Vorlage in Bücher unterteilt. Auf den Einzelseiten kann der Betrachter Gutenbergs Druckkunst und die farbenprächtigen Ausschmückungen studieren. Auf der zweiten CD findet sich ein Dokument von besonderem wissenschaftlichem Interesse, denn auf ihr wird das "Göttinger Musterbuch" präsentiert. Diese 12-seitige Anweisung diente möglicherweise als Malvorlage für die Illustration der Bibel und gibt detaillierte Angaben über Farbmischungen und Maltechniken des 15. Jahrhunderts.

Durch Transkriptionen des Mittelhochdeutschen und Verknüpfungen ist es dem Betrachter möglich, die Umsetzung dieser Vorgaben in der Bibel im direkten Vergleich zu betrachten. Dabei wird besonders deutlich, welche Vorteile das digitale Medium birgt, denn durch Vergrößerungen und Gegenüberstellungen kann auch der Laie feststellen, wie der Künstler die Vorgaben umgesetzt hat. In diesem zweiten Teil sind zusätzlich berühmte Bibelstellen wie die Weihnachtsgeschichte oder die Genesis als Faksimile aus der Gutenberg-Bibel und in Transkription der lateinischen Bibeltexte verfügbar. Wer möchte, kann sich die Texte in verschiedene Sprachen, darunter Hebräisch und Griechisch übersetzen lassen.

Zusätzlich enthält die CD eine Biographie Gutenbergs und die Geschichte vor der Vervielfältigung und nach Gutenbergs Erfindung in Begleittexten und Bildern. Auch die Urkunde, die als Beweis für Gutenbergs Urheberschaft am Buchdruck gilt, findet sich hier. Die Präsentation schlägt die Brücke zwischen dem alten Pergament und dem neuen Medium mühelos. Klaus Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz, schwärmt: "Die Printmedien haben digitale Flügel erhalten."

Über Hyperlinks blättert man zwischen den Informationsteilen. Wer genau hinsieht, kann auf Seite 266r in einer Blüte erkennen, dass in ihr ein kleines Gesicht versteckt ist: "Das haben auch wir erst bei der Vergrößerung entdeckt", gesteht der Digitaliserungsfachmann Liebetruth.

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