Zeitung Heute : Guter Klang für alle

Easy Listen bearbeitet Filme für Schwerhörige.

Es ist mal wieder einer dieser Samstagabende, an denen dem 91-jährigen Armin Unterberg und seiner Frau das Fernsehen keinen Spaß macht. Ein Krimi läuft, die Kommissare tuscheln sich etwas zu, laute Musik braust auf, denn der Höhepunkt der Story naht. „Was haben sie gesagt?“, fragt der Rentner seine Frau. Sie sitzen in ihren Wohnzimmersesseln und ärgern sich wieder einmal, dass sie nichts verstehen.

Im Alter nimmt man geringe Lautstärken schlechter wahr, gleichzeitig sinkt die Schmerzgrenze. Der Frequenzbereich verschiebt sich, höhere Töne hört ein älterer Mensch weniger gut. Zudem wird es schwieriger, zwischen verschiedenen Schallquellen zu unterscheiden – man kennt das von Familienfeiern, wenn die Senioren sich beschweren, dass alle durcheinandersprechen.

Genau an diesen Punkten setzt nun eine neuartige Technologie an, die die junge Berliner Firma Easy Listen im Frühjahr nächsten Jahres auf den Markt bringen will. Sie bietet Film- und Fernsehproduktionen an, ihre fertig bearbeiteten Tonspuren noch einmal zu remastern, also neu zu bearbeiten – genau unter den Kriterien, die für Hörgeschädigte wichtig sind.

„Uns geht es darum, die optimale Sprachverständlichkeit zu erreichen, also indem wir zum Beispiel Musik und Sounddesign komplett ausschalten – aber immer unter dem Anspruch, die dramaturgische Wirkung bestmöglich zu erhalten“, erklärt Ginetta Fassio, eine der beiden Geschäftsführer. Und deshalb läuft das Remastern meist nie nur computergesteuert ab, sondern wird individuell per Menschenhand gesteuert.

Die 26-Jährige hat mit ihrem Kollegen Christian Simon an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam studiert. Simon, geboren 1976, hat diese Dienstleistung samt Software entwickelt. „Wir haben viele Erkenntnisse aus der digitalen Hörgerätetechnik übernommen“, sagt Fassio. Gleichzeitig haben sie Erfahrung als Tonmeister in etlichen Filmproduktionen sammeln können. Bisher konzentrieren sich die Berliner auf den Spielfilm- und Serienbereich, aber auch Veranstalter von Filmfestivals oder Produzenten für den DVD-Markt sollen einmal zu den Kunden zählen.

Die Frage ist: Warum werden nicht von vornherein Tonspuren hergestellt, die für alle gleichermaßen verständlich sind? „Die meisten Zuschauer hören ja gut, das Problem betrifft nur eine Minderheit“, sagt Ginetta Fassio. Dennoch: Die jungen Tonmeister stehen bereits mit Fernsehanstalten in Verhandlung und testen die Technologie im Piloteinsatz, sie erhalten breite Unterstützung von Interessensverbänden und haben zusammen mit dem Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie umfassende Messungen durchgeführt.

Es besteht Bedarf für diese Erfindung, die weltweit einzigartig ist. Immerhin leben laut dem Deutschen Schwerhörigenbund in der Bundesrepublik etwa 14 Millionen Hörbehinderte; dazu zählen auch Senioren, die altersbedingt Probleme mit den Ohren haben. Rund 2,5 Millionen Deutsche tragen ein Hörgerät. „Wir glauben, dass Easy Listen ein großer Schritt in Richtung Hörgenuss bis ins hohe Alter und wirklicher Barrierefreiheit ist“, sagt Geschäftsführerin Fassio.

Für die Easy-Listen-Technik brauchen Zuschauer keine zusätzlichen technischen Hilfsmittel. Sie schalten einfach auf den Zweikanalton mit der bearbeiteten Audiospur um. Freilich geht das nur dann, wenn der Fernsehsender den Service von Easy Listen genutzt hat und entsprechend zwei verschiedene Fassungen anbietet. „Wir haben eine Studie durchgeführt und herausgefunden, dass Normalhörende zwar einen Unterschied wahrnehmen, sie diesen aber nicht als schlechter oder besser empfinden“, sagt Fassio.

Das war ihr und ihrem Geschäftspartner wichtig. Rentner Armin Unterberg soll mit seiner Frau und den Enkeln gemeinsam einen netten Fernsehabend verbringen können. Anna Pataczek

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