Zeitung Heute : Gutes Erbe der letzten DDR-Minuten

Der Tagesspiegel

Von Claus-Dieter Steyer

Was auf den letzten Drücker erledigt wird, muss nicht immer schlecht geraten. Der Zeitdruck zwingt bekanntlich zur Konzentration auf das Wesentliche. Diese Erfahrung kam ausgerechnet bei der Erö ffnungsfeier für das Jahr des Öko-Tourismus am Wochenende in den Sinn. Da wurde Brandenburg gelobt und gepriesen. Die vielen Naturschutzgebiete seien ein Pfund, mit dem es zu wuchern gelte. Doch wo haben diese Refugien für Mensch, Tier und Pflanze ihren Ursprung? In den letzten sieben Minuten der letzten Sitzung der letzten DDR-Regierung im September 1990. Auf einen Schlag wurden damals 14 Nationalparke und Biosphärenreservate festgeschrieben. Brandenburg steuerte den Spreewald, die Märkische Schweiz, die Schorfheide und das Untere Odertal zu dem vom damaligen CDU-Umweltminister Klaus Töpfer als „Tafelsilber der deutschen Einheit“ gerühmten Paket bei.

Rund ein Dutzend großer Schutzgebiete folgte im vergangenen Jahrzehnt - von den Uckermärkischen Seen über die Elbtalaue bis zum Hohen Fläming und der Niederlausitzer Heidelandschaft. Nicht alles lief glatt. Hier und dort gingen Bauern auf die Barrikaden, wehrten sich Angler gegen Auflagen, kämpften Wanderer um ihre Pfade. Mancherorts, wie im Unteren Odertal oder in der Märkischen Schweiz, sind die Konflikte noch nicht ausgestanden. Doch oft stehen dahinter nur persönliche Befindlichkeiten.

In der Sache jedenfalls gibt es kaum noch ernsthafte Widerstände, das Tafelsilber zu schützen und zu mehren. Selbst die einheimische CDU hat erkannt, dass sich ein Streit beim Thema Naturschutz nicht lohnt. Der noch im Vorjahr so medienwirksam vom Zaun gebrochene Kampf gegen vermeintlich zuviel Schutz für Flora und Fauna verschwand klammheimlich in den Schubladen. Wirtschaftsminister Fürniß spricht heute begeistert vom Programm des Öko-Tourismus-Jahres „Lust auf Natur“ und sinniert schon über steigende Einnahmen im Gastgewerbe.

Endlich scheint es so, dass der Tourismus den gebührenden Platz im Brandenburger Wirtschaftsleben einnimmt. Die derzeit rund 50 000 Jobs bietende Branche kann zwar nie Ersatz für die Einbrüche in der Industrie und Landwirtschaft sein. Aber trotzdem spricht die Zahl gerade in der heutigen Lage für sich. Das Land wird allerdings nie ein Reiseziel für den Jahresurlaub sein, aber für Kurzreisen, Wochenendausflüge und Tagesabstecher ist gerade der Naturreichtum attraktiv. Die vielen Angebote der Naturwächter zu Führungen durch die Großschutzgebiete kommen da wie gerufen. Wer sie aus dem Internet ausdrucken will, braucht mehr als 50 Blatt Papier. Hoffentlich lohnen sich die vielen Vorbereitungen. Denn die Pläne sind keineswegs auf dem letzten Drücker entstanden. Der Auftaktveranstaltungen in Wittenberge, Rühstädt und Wolfshagen stimmten jedenfalls optimistisch.

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