Zeitung Heute : Gutes tun

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Dann muss man also noch mal mit Dir Gassi gehen“, sagt seine Lebenspartnerin zum Neu-Berliner, als er nachts um halb drei plötzlich den Wunsch äußert, den Stand der Baumblüte in der Topsstraße zu kontrollieren. Aber weil sie einerseits müde ist und lieber weiterschlafen will, und weil anderseits der Neu-Berliner ein selbständiges, vernunftbegabtes Wesen ist, lässt seine Lebenspartnerin ihn schließlich allein gehen. Sie scheiden in Frieden.

Vom Treppenhaus aus sieht er hinter den Glasscheiben der Haustür einen alten Mann mit knallroter Perücke und knautschigem Hut in extremer Zeitlupe den Bürgersteig der Kastanienallee entlangschreiten. Seine Augen sind geschlossen, seine Arme hält er dem nächtlichen Himmel entgegen wie ein Schlafwandler. Mit winzigen Schrittchen durchmisst der Alte das Hausflur-Sichtfenster des Neu- Berliners.

Dieser beschließt abzuwarten, bis der Greis vorbeigetippelt sein würde, denn er fürchtet die Verwicklung in eine Situation, die das Baumblüten-Projekt gefährden könnte. Schließlich öffnet der Neu-Berliner vorsichtig die Haustür, schließt sie leise hinter sich, um möglichst unbemerkt zu bleiben, und will sich gerade strammen Schrittes in die andere Richtung davonmachen, als er ein Wimmern des Alten hört: „Taxi!“ Also holt er den Mann ein und fragt, ob er ihm ein Taxi besorgen solle. Der Greis schaut ihn mit gänzlich weißen Augäpfeln an und wiederholt mit brüchiger Stimme: „Taxi!“

Der Neu-Berliner winkt nach dem nächsten Taxi, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Stehen kommt. Er überquert die Straße, lässt den blinden Alten auf dem Bürgersteig warten und erklärt dem Taxifahrer, was ihn erwartet. Der Fahrer hat Verständnis – der Neu-Berliner will nun den Alten holen, aber der hat sich schon selbst in Bewegung gesetzt und ist gerade dabei, auf die Fahrbahn zu tippeln. Eben noch kann der Neu-Berliner verhindern, dass der Blinde von einem weiteren Taxi überfahren wird, das sich schnell aus der anderen Richtung nähert.

Vorsichtig führt der Neu-Berliner seinen Schützling zum wartenden Taxi, setzt ihn auf den Rücksitz und fragt, wo es hingehen soll. Der Blinde haucht: „Topsstraße“. Die ist nur 200 Meter entfernt, aber der Taxifahrer nimmt es gelassen. Der Neu-Berliner hat jetzt ein schlechtes Gewissen, da er den Alten ja selbst in die Topsstraße hätte mitnehmen können, wo er ja die Baumblüte anschauen will.

Als der Neu-Berliner schließlich doch noch auf der Parkbank in der Topsstraße, gegenüber den blühenden Bäumen sitzt und eine Zigarette raucht, denkt er, dass seine Hilfsbereitschaft den blinden Alten fast das Leben gekostet hätte. Merkwürdig auch, dass in der von der Parkbank aus gut übersehbaren Topsstraße sich kein Taxi blicken lässt – denn zu Fuß war der Neu-Berliner gewiss schneller, als das Taxi hätte sein können. Vielleicht, denkt der Neu-Berliner, hat der Taxi-Fahrer den Alten ja auch ganz woanders hingefahren.

Wagen auch Sie einen nächtlichen Frühlingsspaziergang! Doch bedenken Sie, was Sie mit guten Taten anrichten können.

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