Zeitung Heute : H. H. Müller

Lauch mit Charakter, entspannt serviert

Bernd Matthies

H.H.Müller, Paul-Lincke-Ufer 20, Kreuzberg, Tel. 6107 6760, Mo-Fr 12 bis 15 und 18 bis 24 Uhr, Sa/So nur abends. Foto: Heinrich

Ihnen kann ich’s ja sagen: Manchmal sitze ich in irgendeinem Luxusrestaurant, lasse die Teller mit den vielen kleinen Gängen und die Gläser mit den vielen edlen Weinen an mir vorüber eilen, zahle eine haarsträubend hohe Rechnung und frage mich dann: Wollen die Gäste so etwas wirklich? Ist es das viele Geld wert?

Darauf gibt es natürlich keine vernünftige Antwort. Aber wenn Leser anrufen, dann meistens, weil sie eben nicht die letzte Perfektion um jeden Preis suchen, sondern ein Restaurant, in dem es für erträgliches Geld und in eher lockerer Atmosphäre was richtig Gutes zu essen gibt. Da wäre „H.H.Müller“ in Kreuzberg ein guter Tipp. Es ist noch nicht sehr lange her, dass ich hier über dieses Restaurant im alten Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer berichtet habe, doch das war eher das Protokoll eines Scheiterns. Inzwischen gibt es einen neuen Küchenchef, Matthias Gleiß, der nicht herumhopsen will, sondern dies offenbar als dauerhafte Aufgabe sieht, und auch der Service hat sich stabilisiert. So kam ein gelungenes Abendessen zustande, obwohl das Haus parallel mehrere Weihnachtsfeiern zu versorgen hatte.

Gleiß hat mehrere Jahre an der Seite von Kurt Jäger gekocht, im „Harlekin“ und in Schloss Hubertushöhe. Er weiß also, was er tut, vermeidet aber den zugespitzten Gourmet-Stil, der in dieses eher an eine Edel-Kneipe erinnernde Restaurant ohnehin nicht passen würde. Deshalb verhebt er sich womöglich mit Kompositionen wie dem Salat von Languste und Schwarzwurzeln – an sich tadellos –, dem eine brenzlig nach Fett müffelnde Frühlingsrolle beilag. Doch schon der Tunfisch, à la mode nur außen ein paar Sekündchen angebraten, harmonierte gut mit einer Schicht Tomaten und Topinamburchips; die Jakobsmuscheln, die die Hülle von gebackenem „Strudelstroh“ nicht wirklich brauchten, lagen auf charaktervollem Lauch, die tadellos saftig, aber nicht zu mürbe gebratenen Rehrückenfilets fügten sich wunderbar in eine traditionelle Umgebung von Maronen und Pfeffersauce.

Der perfekt auf der Haut gebratene Kabeljau wurde von Petersiliennudeln und recht süßen Rote Bete nach meinem Geschmack zu sehr bedrängt – als wir auf Rotwein umstiegen, besserte sich die Balance merklich. Allerdings fehlt hier ein kompetenter Sommelier, der derlei Dissonanzen im Ansatz erkennen und verhindern würde. Nichts gegen die Weinkarte: Sie kommt von einem kompetenten Händler und bietet Exzellentes wie einen halbtrockenen Rheingauer Riesling von Josef Leitz für nur 23 Euro; kaum irgendwo sonst gibt es so viel flüssige Attraktionen unter 50 Euro. Und auch das Essen ist vernünftig kalkuliert, vier Gänge kosten 38 Euro.

Was hatten wir noch? Marian Radke, der „Berliner Patissier des Jahres“, hat unmittelbar nach der Ehrung hier angemustert und aus dem „First Floor“ feine Desserts wie die knusprig getrockneten Apfelscheiben mit Mohneis oder Topfenknödel auf Äpfeln und Quitten mitgebracht – nur die Schokofüllung in den Knödeln kam uns etwas alkoholisch verbittert vor.

Das ist unter dem Strich eine glänzende Bilanz, nimmt man den zwar nicht perfekten, aber sehr freundlich und aufmerksam agierenden Service hinzu. Dies wäre in seiner heutigen Form also durchaus das Restaurant, nach dem Sie immer schon mal fragen wollten.

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