Zeitung Heute : Haarige Geschichten

Ute Scheub

Tach! Ich bin Haartmut, eines der etwa 100 000 Haare, die dir auf dem Kopf wachsen. Ich würde dir gern ein paar haarige Geschichten erzählen. Über uns, na klar. Jemand muss ja mal ein bisschen Verständnis für unsere Lage entwickeln. Du kämmst uns jeden Tag, bürstest uns, ziepst an uns herum, und wenn du zu ungeduldig bist, dann reißt du uns gleich büschelweise in den Tod.

Zugegeben, über ein ausgefallenes Haar sollte man sich keine grauen Haare wachsen lassen. Jeden Tag verlierst du an die 100 Exemplare von uns, ohne dass dein Haarschopf lichter wird. Denn wir gleichen den Verlust sofort wieder durch Wachstum aus. Ich persönlich wachse täglich stolze 0,4 Millimeter, andere bringen es nur auf 0,25. Wieviel Meter wachsen dann alle deine Haare zusammen an jedem Tag? Na? Kriegst du das raus? Haarscharf kalkuliert: 25 bis 40 Meter!

Ist das nicht irre? Tagtäglich produzierst du auf deinem Kopf einen Hornfaden von einer Länge, dass ein Cowboy damit gleich drei Kälber einfangen könnte. Ich bestehe nämlich aus Horn. Wenn du mich unters Mikroskop legst, siehst du, dass meine Oberfläche aus lauter kleinen, schuppigen Hornplatten besteht. Haare, behaupten Wissenschaftler, haben sich aus kleinen Zapfen zwischen den Hautschuppen früherer Reptilien entwickelt. Wenn du mich schlecht behandelst, also viel ziepst und fönst und färbst und all diese haarsträubenden Dinge tust, die ein Haar nicht ausstehen kann, dann stehen meine Schuppen ab, ich werde spröde und brüchig. Wenn du aber nett mit mir umgehst, dann schmiegen sich die Schuppen an, und ich glänze und strahle.

Übrigens sind diese Hornschuppen durchsichtig. Ob ich blond, rot, braun oder schwarz bin, das bestimmen die Farbstoffe unter den Schuppen. Wenn sie zerfallen, dann werde ich weiß. Aber ob rot, blond oder weiß: Ich bin unglaublich stark. Dass man etwas an den Haaren herbeiziehen kann, ist nicht nur ein Sprichwort. An ein einzelnes Haar wie mich kannst du eine ganze Tafel Schokolade dranhängen, und ich breche nicht!

Und uralt bin ich auch. Meine Vorfahren gab es schon vor 220 Millionen Jahren. Die ersten Säugetiere trugen sie spazieren. So ein Haarpelz ist was Feines, besonders im Winter: Ein Zentimeter Haare wärmt genauso gut wie vier Zentimeter Fett. Dennoch haben die Frühmenschen in der afrikanischen Savanne ihren Ganzkörperpelz nach und nach verloren. Vielleicht, weil sie erst dann Schweißdrüsen in der Haut entwickeln und schwitzen lernen konnten. Aber wenn du mich fragst: Ich finde, ihr Menschen habt euch damit keinen Gefallen getan. Ihr musstet ganz schnell das Feuer, das Fellhemd und die Hütte erfinden, um nicht zu frieren, und trotzdem holt ihr euch ständig einen Schnupfen. Da hättet ihr besser euer Fell behalten und nicht nur so ein affiges Überbleibsel wie den männlichen Bart!

Denn dann würdet ihr wahrscheinlich auch nicht so einen Zirkus machen um die wenigen Härchen, die ihr noch habt. Also ich habe ja persönlich noch nie verstanden, warum Achselhaare und Beinhaare ausgerissen, aber Kopfhaare so umsorgt und frisiert und betüttelt werden, dass einem die Haare zu Berge stehen. Und weshalb das nur die Frauen machen, aber nicht die Männer. Aus der Sicht von uns Haaren ist das eine einzige Ungerechtigkeit. Gleiches Haar für alle, bitteschön!

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