Zeitung Heute : Haarige Sache

Der Tagesspiegel

„Erstaunlich klein und massiger als gedacht“ ist der Politiker, zu dem der Promi-Friseur auf Hausbesuch gerufen wird. Er will Strähnen im Haar, damit es natürlicher aussieht. Er will, dass die Debatte, ob er denn nun gefärbt hat oder nicht, endlich ein Ende hat. Seine blonde Frau achtet sehr auf ihre Frisur. Na? Erkannt? Klar. Ähnlich dürftig ist auch die Tarnung der anderen Akteure im Roman „Der Salon“, den der bayerische Friseur Gerhard Meir mit Hilfe der Autorin Christine Eichel verfasste und aus dem beide am Mittwochabend in der Wohnung der Literaturagentin Karin Graf vorlasen.

Es geht um Aufstieg und Fall des Friseurs Julian, der in der Münchner Society verkehrt, in die er sich durch seine Arbeit am Kopf einer schrillen Fürstin, im Roman heißt sie Alexa, den Zugang erfönt, ersprayt und erfärbt hat. Klingeling?

Treue Leser von „Gala“ und „Bunte“ werden bei allen Charakteren sofort wissen, von wem die Rede ist. Und doch ist das Ganze unterhaltsam, oder gerade deshalb. Zwar haben einige beklagt, die Tarnung sei gar zu dürftig. Aber das waren bestimmt nur die Enttäuschten, die nicht nicht drin vorkommen wg. zu unwichtig.

„Ich sehe was, was Du nicht siehst. Ich sehe, wie Du gemeint bist“: Nach dieser Zauberformel hat Julian sie alle im Griff, vor allem die Klatschkolumnistinnen. Sie sind ihm ergeben. Er ist eine Art Gott. Seine Kundinnen büßen bitterlich, wenn sie fremdgegangen sind und sich bei einem anderen die Haare haben machen lassen. Das sind ja alles Stümper.

Amüsant auch das Rahmenprogramm des Abends. Die Gespräche der Gäste konnten es mit dem süffisant-bösartigen Gerede im Buch durchaus aufnehmen. „Was hat die Eichel eigentlich für eine Frisur!“, raunte eine Dame der anderen zu. „Die sollte mal zu Meir gehen“, gab die andere zurück. Der junge Lebensgefährte des „Salon“-Löwen Meir pries vor zwei Frauen mit Kurzhaarfrisur derweil das Haargel aus dem Hause des Herrn, das extra für den Salon angefertigt werde. „Das ist etwas teurer, hält aber bestimmt auch viel länger“, nahm eine der zwei Beratenen ihm fast die Worte aus dem Mund. Und so weiter und so fort.

Wir lernen: Die gekonnte Indiskretion ist eine Kunst. Im Buch stürzt Julian aus großer Höhe böse ab. Das Buch seines Alter Ego Meir geht gerade in die vierte Auflage. fk

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