Zeitung Heute : Haarige Zeiten

Die Berlinerin Stephanie Franzius schmückt ihre neue Kollektion mit dem eigenen Schopf

Dagny Lüdemann

Dass Friseure kreative Köpfe sind, kann man sich denken. In Berlin quillt ihre Kreativität zuweilen über – zumindest bei der Namensgebung von „VorHair – NachHair“ über „Kamm In“ bis zu „Hair’Chen“: Hauptsache der Name ist cool. „Hairy Harry“ wäre auch eine gute Idee gewesen – doch der Name ist schon vergeben, denn so heißt die neue Kollektion der Berliner Designerin Stephanie Franzius: „Ich habe meine eigenen Haare auf den Kopierer gelegt und das Ergebnis in Photoshop bearbeitet“, erzählt die blonde Berlinerin. Herausgekommen sind stilisierte Haardrucke auf Seide, Baumwolle, Wolle und Jersey. Die Stoffe werden bei Jonny gedruckt, einem Siebdrucker, der für sehr viele Berliner Designer arbeitet.

Mit der Sommerkollektion 2006 ändert Stephanie Franzius auch den Namen ihres Labels – Pisces heißt jetzt Franzius. Dass ihre bisherigen Kollektionen weder Fisch noch Fleisch waren, kann man nicht behaupten, aber ihre Entwürfe sind dennoch „runder, reifer und ruhiger“ geworden, wie sie selbst sagt. „Pisces war das Label, das zusammen mit meiner Abschlusskollektion entstanden ist. Es heißt nach meinem Sternzeichen Fische. Heute identifiziere ich mich nicht mehr so stark mit diesem Namen.“

Wolljacken und Seidenoberteile, Kleider und Röcke für den Winter aus der Kollektion „b-season“ sind derzeit bei Konk und DC4 in Berlin zu haben. Dabei setzt die Designerin auf klassisches Braun oder Grau, das sie mit Grün- oder Auberginetönen ergänzt. Schlichte, aber ungewöhnliche Schnitte machen den Stil einzigartig. „Meine erste Kollektion sollte hauptsächlich etwas ausdrücken – heute konzentriere ich mich darauf, individuelle und tragbare Kleidung zu entwerfen.“ Immer wiederkehrende Farben sind Schwarz, Braun, Grau, Weiß und Beige, kombiniert mit leuchtenden Akzenten, je nach Kollektion.

Nach einer bewegten Zeit in New York, wo sie bei Anne Klein und Adrienne Vittadini erste Design-Erfahrung sammelte und Kurse am Fashion Institute of Technology (FIT) und der Parson’s School of Art besuchte, studierte Stephanie Franzius in Berlin an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) Modedesign. Schon während des Studiums gründete sie mit Anja Schweinbenz und Hugo Schneider das Label „3mulgator“. Als das Trio 2001 etwa zeitgleich mit dem Berliner Label Uli Dziallas und der Kölner Designerin Eva Gronbach Mode in Schwarz-Rot-Gold herausbrachte, war Franzius in Deutschland bekannt. Die Kleider in deutschen Nationalfarben und mit aufgedrucktem Bundesadler sorgten über zehn Jahre nach der Wiedervereinigung für Aufregung und wurden zum Ausdruck einer neuen Form der Identifikation mit dem Heimatland. „Die Reaktionen auf die Schwarz-Rot-Gold-Kollektion waren sehr kontrovers“, erinnert sich Franzius. Für sie ging Provozieren damals über Produzieren. „Wir wollten ein Modestatement abgeben, die Vermarktung der Kleider stand eher im Hintergrund.“ Einige Relikte zeugen noch von den Arbeiten der vergangenen Jahre – an einem der Kleiderständer im Atelier hängt eine kleine Tasche in Schwarz-Rot-Gold, mitten zwischen haarigen, schlichten Mustern für die „Hairy Harry“-Kollektion.

Dass sie eines Tages in ihrem eigenen kleinen Atelier sitzen und selbst entworfene Muster schneidern würde, anstatt in einem internationalen Modekonzern Karriere zu machen, war nicht immer Stephanie Franzius’ Zukunftsvision. „Ursprünglich hatte ich vor, für große Designer zu arbeiten, aber während meiner Zeit in Amsterdam habe ich etwas in mir entdeckt, was ich weiterverfolgen musste. Und ich wollte nicht in der Richtung denken, die eine Firma vorgibt.“ Dort machte sie ein einjähriges Masterstudium am Fashion Institute Arnem. „Dabei arbeitet man selbstständig in seinem eigenen Atelier und hat gleichzeitig Kurse und Workshops.“ Ihre Abschlusskollektion wurde 2003 in Paris während der Coutureschauen gezeigt und auf der Bread & Butter in der Galerie Art Berlin.

Nach dem Master machte sie noch ein Praktikum in Holland bei Viktor & Rolf. Doch danach zog es sie zurück nach Berlin. Seit 2003 hat sie ihr Atelier in Prenzlauer Berg. Hier, im Erdgeschoss eines Altbaus, wo sie vier Nähmaschinen aufgebaut hat, ist sie selbst zur Ruhe gekommen und reifer geworden. „Ich reduziere mich jetzt auf das Wesentliche“, sagt die 30-Jährige. Die Kleidungsstücke verzichten auf ein politisches Statement. Nur die Musterkollektionen näht Franzius selbst, alles andere gibt sie an Näherinnen ab. „Ich kümmere mich außerdem um den Verkauf meiner Kollektionen – die Kontakte knüpfe ich auf den Messen in Paris, New York und Berlin.“

Sie hat sich in Berlin niedergelassen, weil ihr die Mischung der Leute und „das Verschrobene“ gefällt. Sie fühlt sich wohl unter Menschen verschiedener Herkunft, vielen Kreativen, Zugezogenen und Alteingesessenen. „Berlin ist ein kultureller Schmelztiegel und nicht so ein krasses Haifischbecken wie zum Beispiel Paris“, sagt sie über ihre Heimatstadt. „Hier kann man als Designer überleben, ohne sich ständig gegen die Konkurrenz abschotten zu müssen.“ Aber dass die Wahl auf Berlin gefallen ist, hat auch ganz handfeste Gründe: „Die Mieten und Herstellungskosten sind hier einfach günstiger.“

Trotz allem kann sie sich auch vorstellen, woanders zu arbeiten, sie braucht Berlin nicht als Muse. „Inspiration ist ein subtiler Prozess. Es können sich auch an verschiedenen Orten die gleichen Dinge entwickeln“, sagt sie. „Das nennt man wohl Zeitgeist.“

Die junge Designerin lässt sich wenig von Trends beeinflussen – vielleicht eher von eben diesem Zeitgeist – einer übergeordneten Größe, die sich in Berlin wie in anderen Städten ausmachen lässt. „Ich schaue kaum in gängige Modezeitschriften“, sagt sie. „Hairy Harry“, gedanklich angesiedelt in einem Barber Shop der 60er Jahre, passt sich dennoch gut ein in den Trend. Bereits diesen Herbst und Winter besinnt man sich auf klassische Formen und Farben und sogar Trachtenlook ist jetzt in. Edle Stoffe wie Samt, Seide oder Satin werden zu Röcken und Kleidern verarbeitet, es dominieren klare Linien und eine betonte Taille. Der Einfluss der schrillen Achtziger ist endgültig passé – nun zählt Eleganz modisch mehr als Disko-Hipness.

Die Kollektionen von Stephanie Franzius gibt es bei: Konk, Raumerstraße 36 (Prenzlauer Berg), www.konk-berlin.de und bei DC4 Store, Steinstraße 4 (Mitte).

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